Das Halbfinal mit den Oranjes auf dem Campingplatz

Severin Weigend

Wo schaut man mit Exil-Holländern am besten ein Fußballspiel? Richtig, auf dem Campingplatz Kirchzarten. Wir sind eingetaucht in die orangefarbene Laube und haben dort sogar einen Urufan ausgemacht. Der hatte am Ende freilich weniger zu lachen.



Halbfinale: Die Elftal ist so knapp vorm Titel wie schon seit 1978 nicht mehr. So ein Spiel schaut man sich am besten mit Holländern an. Und wo trifft man die? Richtig, in der Laube des Campingplatzes Kirchzarten. Eine ausgewiesene Oranje-Hochburg, die im Internet selbstredend auch auf Niederländisch beworben wird: "een familiebedrijf gelegen voor de poorten van Freiburg in het hart van het hoge Zwarte Woud."


Vor der großen Leinwand der Campingplatzlaube, direkt unter der Deutschland-Wimpelkette, haben sich die Fans aus Nordwest versammelt. Orangene Cowboyhüte bedecken blondes Haar, orangene Trikots sind mit der ersten Strophe der wahrscheinlich ältesten Hymne der Welt bedruckt. Lang lebe Wilhelmus von Nassouwe! Man ist in lebhafte Diskussionen verwickelt, unterbrochen nur von einem kollektiven Entsetzen nach dem unglücklichen Kick in das Gesicht de Zeeuws.



Stoisch hingegen wird das Erscheinen einer kleinen Gruppe kichernder Jungen und Damen im Alter zwischen 12 und 15 hingenommen, die aufgeregt eine Deutschlandflagge schwenken. „Viva es Uruguay!“ wird da in gebrochenem Spanisch gerufen. Der Holländer an sich ist ja liberal und lässt sich auch nicht provozieren, als der Mutigste der Bande quer durch den Raum rennt, um der Leinwand – gerade liegt ein Holländer gefoult am Boden – den Finger zu zeigen und „Schade Holland!“ zu rufen.

„Der kriegt gleich eins auf den Deckel“, vermerkt eine Dame vor mir ruhig. Wegen ausbleibender provokativer Wirkung räumen die Jungs aber schon vorher das Feld. Die zufriedene Ruhe der Oranjes trübt hernach Diego Forlan mit seinem fulminanten Ausgleichstreffer für die Urus. Als das enttäuschte Prinzenpaar auf der Leinwand erscheint, bricht man in ein kollektives „Oooh!“ aus. Die beiden sehen aber auch wirklich am Boden zerstört aus.

Wolfgang, 65, aus Buchenbach sitzt zwischen Holländern im stilechten Uruguay-Trikot. Er ist mit seiner Frau da, sie trägt ein Montevideo-Shirt. Es ist das erste Public Viewing, das die beiden besuchen. „ Wir haben uns in die Höhle des Löwen begeben. Bei den Engländern wäre das gefährlich gewesen, aber die Holländer sind ja friedlich. Ich habe viele Jahre in Uruguay als Lehrer verbracht und kenne noch den uruguayischen Trainer, der war schließlich auch Lehrer.“ Uruguay ist eben ein kleines Land, man kennt sich. Trotzdem hofft Wolfgang auf ein 2:1 für Uruguay oder einen Sieg nach Elfmeterschießen. „Diesmal macht der Torwart hoffentlich das Handspiel.“



Nach der Pause: Mit wachsendem Unmut verfolgt man das aggressive Spiel der Uruguayos, während die Elftal in der Abwehr ziemlich zu tun bekommt. „Uiuiui…“ und „Nej!“ sind die prägenden Ausrufe im Oranje-Fanblock. Wenigstens konnte man dem spektakulär gehaltenen Freistoß Forlans in der 65. Minute applaudieren. Insgesamt bleibt die Stimmung auch weiterhin sehr entspannt, das Landbier fließt gemächlich. „Letztes Mal waren mehr Holländer hier, es ist ja noch früh im Jahr“, meint Monique Schuk aus Eerbeek bei Arnheim.

Sie drückt ihrer Mannschaft zwar die Daumen, meint aber, dass ein Finalsieg für Deutschland und Spanien auch okay wäre. Das sollten die Holländer, die sich gerade in den Armen liegen und das Tor Sneijders feiern, besser nicht hören. „Wir sind jetzt das zweite Mal hier. Es ist wie in der Kneipe, viel mehr Emotionen als Zuhause.“



Allerdings. Nach dem 3:1 durch Robben direkt im Anschluss gibt es kein Halten mehr. Die Nachwuchs-Camper blasen fleißig in die Terrortröte und selbst Wolfgang schwenkt lächelnd und solidarisch die Uru-Flagge. Immerhin ist wieder Schwung im Spiel, die letzten Minuten versprechen Spannung.

„Zurück ist das Lächeln im Oranjeland!“ meint der Kommentator noch, da trifft Pereira in der 92. Minute noch einmal für Uruguay. Ein Schockmoment, der die Holländer nochmal hektisch werden lässt. Besonders, als der Schiedsrichter partout nicht abpfeifen will: „Was hat der denn für ein Problem?!“ wird auf Niederländisch ausgerufen. Endlich die Befreiung: Schlusspfiff. Man jubelt, umarmt sich und trötet kräftig. Oranje kann feiern. Mal sehen, wie das am Sonntag aussieht.

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