Das Geschäft mit den Liebesschlössern

Manuel Lorenz

"Hört auf, eure Liebesschlösser an meine Brücke zu hängen!", forderte fudder-Redakteur Manuel Lorenz vor sechs Wochen. Seitdem lässt ihn das Thema nicht mehr los. Und als kürzlich rauskam, dass Liebesschlösser eine ganze Branche gerettet haben, gab er sich ‘nen Ruck und besuchte den Ort seines Schreckens: ein Freiburger Schlüsselgeschäft.



Manchmal verkaufe er pro Woche fünf Liebesschlösser, sagt Josef Steiert, 56, Inhaber des Freiburger Schlüsseldienstes am Siegesdenkmal. Meistens an junge, unverheiratete Paare. “Wenn sie verheiratet sind, brauchen sie eher einen Bolzenschneider.” Er lacht.


Ich lache nicht. Ich bleibe ernst. Vor sechs Wochen habe ich mich auf fudder.de darüber aufgeregt, dass Paare mit einem verqueren Verständnis von Romantik mir meine Brücke mit Liebesschlössern vollhängen. Seitdem werde ich ständig damit konfrontiert.

Ein Kumpel postet mir ein Foto auf meine Facebook-Wall: Eine Tankstelle bei Riegel verkauft für 3,95 Euro “Liebesschlösser to go”. Bildunterschrift: “Ich habe die Quelle allen Übels gefunden!” Ein Kollege postet während seines Urlaubs auf Instagram eine “Alpine Hängebrücke mit Schloss”. Sofort werde ich verlinkt und mit einem Grinsezeichen adressiert. Meine Freundin whats-appt mir aus Moskau keine Liebesgrüße, sondern ein Foto von einem Baum aus Eisen, der von oben bis unten mit Liebesschlössern behangen ist.

Zwei Vornamen, ein Datum

Aber damit nicht genug. Am 1. Juni, kurz nach meinem Rant, wurde das “Liebesschloss” in den Duden aufgenommen - gemeinsam mit Wörtern wie “Shitstorm”, “App” und “Finanztransaktionssteuer”. “Liebesschloss” wird dort wie folgt definiert: “Substantiv, Neutrum - an einem Brückengeländer als Symbol dauerhafter Liebe eines Paares angebrachtes Vorhängeschloss, dessen Schlüssel in den Fluss geworfen wurde.”

Dass Liebesschlösser nur an Brückengeländern hängen, stimmt offenbar nicht - siehe das Beispiel der russischen Eisenbäume. Dass der Schlüssel in den Fluss geworfen wird, war mir neu - und macht die Sache schlimmer, als zu Anfang gedacht. Beziehungen, die solch eine Symbolik bemühen, machen auch nicht vor dem Bolzenschneider halt - womit wir wieder bei Josef Steiert wären.

“Vor fünf Jahren fing das an, mit den Liebesschlössern”, sagt Steiert. Damals standen ihm dazu nur die Schlösser der Firma Abus zur Verfügung. Er musste immer erst das große Logo wegfräsen, um Platz für die Vornamen der Verliebten und das Datum zu machen. Das sind die Infos, die er seitdem schon unzählige Male auf unzählige Schlösser graviert hat: zwei Vornamen und ein Datum. Der Tag des Kennenlernens? Das erste Date? Der erste Kuss? “Darüber streiten sich die Paare oft erst in meinem Laden”, sagt Steiert und lacht.

Rot, Grün, Lila, Blau

Mir ist immer noch nicht zum Lachen. Warum bin ich noch mal hier? Ach, richtig. Vor einer Woche erschien in der Badischen Zeitung ein Artikel mit dem Titel “Wie Liebesschlösser eine ganze Branche retten”. Und was wie Satire klingt, ist ökonomischer Ernst. Denn seitdem es meine Hassobjekte gibt, geht es Unternehmen wie Abus wieder gut. Die Firma Burg-Wächter hat vor zwei Jahren sogar spezielle Liebesschlösser entworfen, die auch ins Ausland exportiert werden. Der Vertriebschef von Burg-Wächter spricht von “Riesenzuwächsen”. 

Rot, Grün, Lila, Blau. Auch bei Josef Steiert hängen die bunten Liebesschlösser von Burg-Wächter. Und auch er macht mit den Teilen richtig Umsatz. Wie viel, kann er nicht sagen. Er schätzt aber, im dreistelligen Bereich. Ein Schloss kostet 11,95 Euro; für die Gravur muss man noch mal acht Euro berappen. Man kann aus 256 Schriftarten auswählen. Wenn ich heute eines in Auftrag geben würde, könnt’ ich’s morgen abholen.

Und Steiert? Hat er sich schon mal selbst ein Liebesschloss angefertigt? Schließlich sitzt er an der Quelle. Er verneint. “Ich bin seit über 30 Jahren verheiratet. Ich bräuchte eher einen Bolzenschneider.” Er lacht. Ich lache - und frage mich, welcher Industrie jene Art von Romantik als nächstes das Dasein rettet.

Mehr dazu: