Das Geisterhaus auf dem Schauinsland

Alexandra Sillgitt

Wanderer stoßen zufällig darauf – doch kaum einer weiß noch, was es mit dem gewaltigen Geisterhaus auf dem Schauinsland auf sich hat. Das alte Hotel Burggraf ist vergessen. Und mittlerweile zur Ruine verkommen.



Die Natur holt sich alles zurück. Das Moos flicht seinen dichten Teppich an Wänden und Türen empor. Junge Fichten winden ihre Triebe an Scherben vorbei. In das Zwitschern der Vögel hinein knackt und knarzt das Gebälk, heult der Wind um unverputzte Wände hinauf bis ins Dach. Dort reicht der Blick durch gebrochenes Glas bis zu den Alpen. An den Glanz vergangener Zeiten erinnert die herrschaftliche Zufahrt. Sie liegt verborgen hinter einer Biegung an der Schauinslandstraße. Eine meterhohe Wand aus Nadelbäumen schirmt das gewaltige Geisterhaus rundum vor dem harten Wind auf 1200 Metern Höhe ab. Und vor dem Rest der Welt. Das ehemalige Hotel Burggraf ist in Vergessenheit geraten. Zumindest beinahe (Fotos).


"Es steht wie ein Schiff im Sturm." Karl-Peter Möhrles Hände ruhen flach auf einem dicken Ordner voll bepackt mit Fotos und Plänen, mit Konzepten und Träumen. Seit 17 Jahren ist das Leben des Freiburger Architekten mit dem alten Hotel Burggraf verbunden. "Wir wollten es aus seinem Dornröschenschlaf wecken." Doch scheint die Schöne auf dem Schauinsland an einer mysteriösen Schlafkrankheit zu leiden. Wach bleibt sie jedenfalls nicht. Vor 75 Jahren wurde das Sporthotel "Am Stohren 23" bei Hofsgrund errichtet. Postkarten aus jener Zeit zeigen es inmitten weiß gezuckerter Weite. Ende des Zweiten Weltkrieges war dort, einem Zeitzeugenbericht des Deutschen Historischen Museums zufolge, ein Stab französischer Offiziere untergebracht.Werbung

Nutzung querbeet

1958 dann der erste Bruch: Das Haus wurde von der Stadt Pforzheim gekauft und zu einem Kurheim für Kinder umgebaut. In den 80er-Jahren pachtete es der Stadtjugendring, nutzte es als Schullandheim. Wegen der stetig steigenden Zuschüsse stieß es Pforzheim im April 1989 an die Stadt Freiburg ab. Zeitweise nutzte es das Studentenwerk als Wohnheim, zeitweise waren Asylbewerber dort untergebracht. "Doch denen war das allen zu weit ab vom Schuss", sagt Franz Reisle, der heute das Uni-Haus auf dem Schauinsland betreibt. 1996 verfiel das Gebäude zum ersten Mal in tiefen Schlaf. Da hatte Architekt Möhrle schon ein Auge auf die Schauinsland-Schönheit geworfen.  
Baujahr 1936, fünf Stockwerke, leichte Südhanglage, 14.000 Quadratmeter Gesamtfläche, Naturschutzgebiet – "ein super Gebäude und eine super Lage", meint Möhrle und streicht leicht über den Deckel des Aktenordners. 1994 wurde der Wanderer auf das Haus aufmerksam, plante dort mit dem Verein "Initiative Schauinsland" ein umweltpädagogisches Zentrum für Kinder und Jugendliche. Allein ein zahlungskräftiger Investor fehlte. Dann kam Claudius Kemmerich, Chef der Freiburger Georg-Groddeck-Klinik, Vorgängerin der Thure-von-Uexküll-Klinik am Lorettoberg. Über Bekannte kam der Kontakt zustande.

Möhrle: "Die Insolvenz kam absolut überraschend"

Acht Millionen Mark (rund vier Millionen Euro) wollte der Facharzt für Psychotherapeutische Medizin in den Umbau des Hauses in ein Rehabilitations-Zentrum investieren; in eine Klinik für gestresste Manager, depressive Jugendliche oder ausgebrannte Büromenschen, eine Klinik für eine überschaubare Anzahl von Patienten, 50 Betten. Der "einzelne erkrankte Mensch" sollte sich "nicht in der Masse verloren" fühlen, heißt es im Konzept. Im Oktober 2000 begann Möhrle das heruntergekommene Gebäude zu sanieren: Niedrigenergiehausstandard, CO²-neutrales Heizen mit Holzpellets, Solarstromanlage und Blockheizkraftwerk. Ostern 2002 sollten Ärzte, Therapeuten und Patienten auf den Berg ziehen. Doch wo Patienten Gymnastik machen sollten, schwingen heute Käfer ihre sechs Beine. Statt Desinfektionsmittel wabert der kalte Geruch von Estrich durch die Räume. Möhrle: "Die Insolvenz kam absolut überraschend. Das war wie ein Schlag ins Genick."

Gelb blitzt der Bauhelm aus dem Gebüsch, Rost frisst sich durch die Mörtelwanne, der Regen hat den Stoff einer Feinstaubmaske aufgeweicht. Auch neun Jahre nach dem plötzlichen ende des Umbaus sind an der Ruine die Spuren der Arbeiter zu finden. Die wurden kurz nach Weihnachten 2001 aufgefordert, ihre Werkzeuge einzupacken und zu gehen. Die Georg-Groddeck-Klinik GmbH hatte sich an ihrem Kredit für den Umbau übernommen. Ein Schock für alle auf der Baustelle.

"Bis zum Schluss waren noch Aufträge vergeben worden", sagt Möhrle und legt die Fingerkuppen aneinander. In den Tagen danach kämpfte er darum, dass die Baustelle nicht sofort dicht gemacht wurde. Das Haus war noch nicht für den Winter gewappnet. "Wir bekamen vier Wochen, um wenigstens eine eingeschränkte Wintertauglichkeit zu erreichen." Der Architekt schluckt schwer. Das Flachdach am Nordbau konnte er noch abdichten, die Fensterseite an der Front mit Spanplatten vernageln lassen. "Am Schluss wurden wir durch den Insolvenzverwalter gestoppt." Das Geld. Die Insolvenz der Klinik reißt beinahe auch Möhrle in den Abgrund. Wie viel er verloren hat, will er nicht sagen. "Das ging an die Existenz." Doch nach einem Jahr sah der Familienbetrieb wieder Land.

Zerstörung und Verwüstung

Ein zweites Mal fiel das Anwesen in einen tiefen Schlaf. "Es gab einige Interessenten für das Haus, vorwiegend aus der Region", berichtet Annette Boegel von der Volksbank Freiburg. Die hatte Kemmerich seinerzeit die Kredite bewilligt und erstand das Anwesen nach der Insolvenz. Doch der Verkauf des mit 2,2 Millionen Euro veranschlagten Objektes scheiterte Jahr für Jahr. "Zum einen hatten manche Bedenken bezüglich der Lage. Zum anderen war das Gebäude im Zustand eines veredelten Rohbaus", erläutert die Pressesprecherin. Dies hätte weitere, höhere Investitionen erfordert. Möhrle ist sich indes sicher: "Wenn man es ernsthaft hätte verkaufen wollen – dann hätte man das auch geschafft." Dieser Gedanke treibt den letzten Verwalter der Vision von einem prachtvollen Bau am Schauinsland um. Claudius Kemmerich starb 2006. Besonders schmerzt Möhrle der Verfall des Hauses. Hielt zunächst eine Sicherheitsfirma die feierfreudige Dorfjugend fern, wurde sie nach Abwicklung der Insolvenz abgezogen. "Und dann kamen die Vandalen", so Möhrle.

Kaum eine Scheibe, die nicht zu Bruch ging, Backsteine oder Flaschenreste liegen innen wie außen in einem Scherbenmeer. Vor dem Haupteingang stapelt sich ein halbes Dutzend Toilettenspülkästen, geleerte Feuerlöscher liegen im Gebüsch, eine Tischplatte wurde von den Beinen gerissen. Flaschen mit dem rotbackig lachenden Schwarzwaldmädel, Captain Morgan Billig-Rum, Alu-Grillauflagen, Packungen chinesischer Instant-Nudelsuppe, Weinflaschen und Becher erzählen von Partys an lauen Sommerabenden. Möhrle war das letzte Mal im Winter 2003 am Haus. Da war noch alles heil. Seitdem hat er sich ihm nicht mehr auf Sichtweite genähert. "Das ist eine Sache des Selbstschutzes."

 

Wie geht es weiter mit dem Geisterhaus?

Vor zwei Jahren kaufte eine Berliner Immobiliengesellschaft das Anwesen. Der Preis ist Geheimsache. Nach einer Anfrage beim Grundbuchamt, um mit dem Käufer Kontakt aufzunehmen, reagiert der auf unerwartete Weise: In derselben Woche fahren mehrere Männer auf den Schauinsland, montieren die Fenstergriffe ab und vernageln die eingeschlagenen Scheiben im Erdgeschoss mit Holzbrettern. Seither verhindert Absperrband die Zufahrt, Schilder warnen vor Kameraüberwachung und Bewegungsmeldern. Auf ihnen heißt es aber auch: "Hier soll etwas Neues entstehen." Doch was das sein wird, weiß im Landratsamt oder auch in der Gemeindeverwaltung Münstertal niemand.

Möhrle ist indes überzeugt, dass das Gebäude nicht ewig leer stehen wird. Und er hofft, dass er dann zum Zuge kommt – schließlich hütet er in seinem Ordner sämtliche Baupläne, kennt jeden Balken, jede Ecke, jede Leitung. In Gedanken kehrt Möhrle auf den Schauinsland zurück. "Wenn man dort oben gearbeitet hat, dann war man dem Himmel schon nah."

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  Fotos: Das Geisterhaus auf dem Schauinsland Der Artikel ist am 29. April 2011 auf Seite 3 der Badischen Zeitung erschienen

[Foto © Carlotta Huber]