Das geheime Drehbuch zu "Oliver Rath - Der Film": 5 Szenen aus Freiburg

Daniel Laufer

Das Leben des Freiburger Fotografen Oliver Rath soll verfilmt werden - mit Starbesetzung. Angeblich ist das Drehbuch noch gar nicht geschrieben. Erstaunlich, denn: fudder liegt bereits eines vor! Hier ist es:





Szene I: Wir wollen Pussies


INNEN. LIQUID LOUNGE. ABEND.


Ein MANN steht in der Mitte eines Kellerclubs. Es ist vollkommen still hier unten. Wir sehen nur seine Silhouette, der Raum ist dunkel – bis ein einzelner Scheinwerfer angeht, der den MANN schräg von oben anstrahlt: Es ist AL KAPORN. Sein Kopf ist fast kahlgeschoren, er trägt ein hässliches Hawaii-Hemd (es sind immerhin die frühen Nuller-Jahre).

FAHRT, DOLLY – Die Kamera nähert sich KAPORN

KAPORN schaut ins Nichts, seine Augen sind blutunterlaufen, er wirkt müde. Aus der Ferne ist ein leiser Hip-Hop-Beat zu hören, ganz langsam scheint er näherzukommen. KAPORN greift in die Hemdtasche, er zieht eine Pilotenbrille hervor und setzt sie auf. Dann zupft er seinen Kragen zurecht.

Auf einmal ertönt ein Knall, KAPORN torkelt einen Schritt nach hinten – der Club ist jetzt voll, um ihn herum tanzen ein Dutzend FRAUEN – sie sind nur mit Bikini und Hotpants bekleidet.

TEXTEINBLENDUNG: "Frühling 2003"

Für einen Moment wirkt KAPORN verloren, dann aber erblickt er den KAMERAMANN, der vor ihm auf dem Boden kniet und gerade ein Fischaugenobjektiv installiert hat.

REGISSEUR (ruft): Action!

Der Beat setzt ein, KAPORN macht einen Satz nach vorne und beugt sich zur Kamera hinunter. Der KAMERAMANN wippt im Takt und KAPORN beginnt zu rappen.

KAPORN (rappt): Baby, du bist heiß – Sex on the beach mit Eis. Baby, ich bin voll – Seh‘ euch doppelt, ihr seid toll… Hey, wir wollen Pussies, hey, wir wollen Pussies!

REGISSEUR (ruft): Stopp, stopp! (zu KAPORN) Oli, geht das nicht auch gefühlvoller? (er macht den Text vor) So: Pus-sies! Pus-sies – verstehst du?

AUSSEN. VOR DER LIQUID LOUNGE. NACHT.

KAPORN steht an die Wand gelehnt neben dem Eingang und raucht. Der TÜRSTEHER fertigt den letzten Gast in der Schlange ab und dreht sich dann zu KAPORN.

TÜRSTEHER: Wirst ein Star, oder? Gehst auf eins mit dem Clip, oder?

KAPORN: Das wird total geil.

TÜRSTEHER: Wann kommt das im Fernsehen?

KAPORN: Im Juli – auf Viva.

Der KAMERAMANN kommt die Treppe hoch, er trägt einen schweren silbernen Koffer. Jetzt wird klar: KAPORN hat auf ihn gewartet.

KAPORN: Hey, was ist das für ein Objektiv? Was kostet das?

KAMERAMANN (irritiert): Hä?

KAPORN hält dem KAMERAMANN die Hand hin.

KAPORN: Ich bin Oliver Rath.



Szene II: Blindgekotzt

SCHNITT ZU:

INNEN. WARTEZIMMER IM UNIKLINIKUM. TAG.

RATH kauert auf einem Stuhl, kreidebleich. Seine Augen sind stark gerötet. Nervös schaut er sich um. Der Raum ist rappelvoll. Eine ALTE FRAU sitzt ihm gegenüber und starrt ihn vorwurfsvoll an. RATH greift sich eines der Magazine auf dem Tisch in der Mitte – Der Spiegel mit der Titelstory: "Umfrage unter Hochschulstudenten: Warum so viele das Falsche studieren".

Wir sehen das Magazin aus seinen Augen – völlig unscharf. RATH blinzelt, er kann nichts erkennen.

TEXTEINBLENDUNG: "Winter 2006"

Die Tür zum Behandlungszimmer geht auf.

ARZTHELFERIN: Herr Rath?

INNEN. BEHANDLUNGSZIMMER IM UNIKLINIKUM. TAG.

Wir sehen den Raum zunächst aus RATHS Perspektive: wieder völlig unscharf. Die Umrisse des ARZTES kommen näher.

RATH sitzt auf dem Behandlungsstuhl, der ARZT vor ihm.

ARZT: Herr Rath, waren Sie in eine Prügelei verwickelt?

RATH (heiser): Ich bin DJ.

ARZT: Ist man als DJ in Prügeleien verwickelt?

RATH: Am Donnerstag habe ich im Kagan aufgelegt. Da habe ich richtig übel gesoffen. Am Freitag dann im F-Club. Das ging echt ab dort. Am Samstag ging die Scheiße mit dem Auge los, aber das war mir egal, ich war immer noch besoffen. Also bin ich in den Funpark. Dort habe ich wieder aufgelegt. Danach war’s richtig schlimm.

ARZT: Hat Sie denn jemand zusammengeschlagen?

RATH: Sie verstehen nicht: Ich habe gekotzt. Dann habe ich Salat gegessen, das war nicht so gut, aber ich musste ja wieder auflegen. Also habe ich weitergekotzt. Ich habe das ganze Wochenende gekotzt und gekotzt. Und jetzt sehe ich kaum noch etwas.

ARZT (vorwurfsvoll): Hinter Ihrem Auge ist eine Ader geplatzt. Sie müssen sofort in den OP – dann Ihr Augenlicht vielleicht noch zu retten. Und wenn Sie dort wieder raus sind… Sie sollten wirklich mal gut über ein paar Dinge nachdenken.

Szene III: Fashion in the City



SCHNITT ZU:

AUSSEN. METZGERAU. TAG.

TEXTEINBLENDUNG: "Sommer 2007"

Der Reihe nach stolzieren MODELS über einen roten Teppich, männlich, weiblich, mit Sonnenbrille oder Maske. Auf einem Banner, das über ihnen an der Hauswand hängt, steht: "Fashion in the City".

Ein Agent, ENZIO MAGGIORE, steht am einen Ende des Teppichs. Er winkt, erteilt den MODELS Anweisungen – seine Agentur hat die Veranstaltung mitorganisiert. Das PUBLIKUM johlt, FOTOGRAFEN drängen sich links und rechts vom roten Teppich, vollbepackt mit Ersatzobjektiven und anderer Technik.

Den Arm mit der Fotokamera in die Luft gestreckt, bahnt sich OLIVER RATH den Weg durch die Menge. Beim Versuch, nach vorne durchzukommen, rempelt er versehentlich einen der ZUSCHAUER an.

ZUSCHAUER (wütend): Passen Sie mal auf, junger Mann! Wir wollen hier alle die Models sehen – nicht nur Sie!

Mit einer Geste versucht RATH den ZUSCHAUER zu besänftigen, dann sieht er seine Chance: Am anderen Ende des Teppichs ist noch ein Durchgang frei. Dort geht er hin – und steht auf einmal mittendrin. RATH grinst, selbst etwas überrascht, dann beginnt er, das erste Foto zu schießen – von einem blonden MODEL mit türkisgrünem Sommerkleid.

Ein KAMERAMANN des Lokalfernsehens hat sich bereits vor dem Model aufgebaut, er steht RATH im Bild – also macht der einen Schritt zur Seite – und rempelt abermals jemanden an: MAGGIORE.

MAGGIORE (verwundert): Hey, pass doch auf!

RATH: Sorry, Mann. Tut mir Leid.

MAGGIORE: Du stehst mitten auf dem Laufsteg, wer bist du?

RATH: Oliver Rath, ich bin Fotograf.

MAGGIORE: Seit wann?

RATH: Seit heute. Ich fotografiere für Fudder!

Szene IV: Revolution der Nackten Brüste



SCHNITT ZU:

AUSSEN. STADTGARTEN FREIBURG. ABEND.

Eine MUTTER schiebt ihren Kinderwagen über die Brücke zum Stadtgarten. Die Sonne geht gerade unter. Daneben läuft der VATER, mit brauner Cordhose, das Hemd bis oben hin zugeknöpft. Die beiden machen einen Abendspaziergang. Aus der Ferne hören sie Musik, als sie näher kommen, sehen sie: Nackte Brüste.

TEXTEINBLENDUNG: "Sommer 2008"

Vier MÄNNER stehen neben zwei Plattentellern, um sie herum haben sich etwa 50 Menschen versammelt. Die vier machen Party. Jeder von ihnen trägt eine Maske: eine riesige rosafarbene Brust, gebastelt aus Pappmaché. Auf einem Transparent steht: "Revolution der nackten Brüste". Aus den Boxen ertönt der Theme-Song: "Wir wollen nackte Brüste sehen. Nackte Brüste sind das Schönste auf der Welt."

Das KIND im Kinderwagen weint, der VATER nimmt sein Handy, klappt es auf und wählt.

VATER (am Telefon, fordernd): Schaffen Sie Gerechtigkeit in dieser Stadt!

INNEN. POLIZEIAUTO/BISMARCKALLEE. ABEND.


Zwei POLIZISTEN fahren die Straße entlang, da ertönt das Funkgerät.

POLIZEI-LEITSTELLE (über Funk): Achtung, im Stadtgarten findet gerade ein nicht angemeldetes Konzert statt. Sie erkennen die Männer an den Brüsten!

AUSSEN. STADTGARTEN FREIBURG. ABEND.

Der VATER hat sich jetzt vor dem DJ-Pult aufgebaut. Sein Kopf ist knallrot, er fuchtelt wild mit den Ärmen umher.

VATER (brüllt die DJs an): Ich will in Freiburg keine Brüste! Ich habe Frau und Kind! Ich will in Freiburg keine Brüste! Geht nach Berlin!

Die POLIZISTEN betreten im Hintergrund den Stadtgarten. RATH, einer der BRÜSTE, wirft Konfetti durch die Luft. Der VATER stürmt auf ihn zu, die POLIZISTEN können ihn gerade noch zurück halten. Mühsam zerren sie ihn weg.

VATER (brüllt): Nächstes Mal kriegst du aufs Maul!

Szene V: Fight Night



SCHNITT ZU:

INNEN. ALTE GÜTERBAHNHOFSHALLE. ABEND.

Der Schlag sitzt. DJ ROBERT HEART trifft RATH mitten ins Gesicht, der torkelt zurück, hängt in den Seilen – der REFEREE geht dazwischen.

TEXTEINBLENDUNG: "Winter 2008"

RATH schaut durch die Halle. Sie ist ausverkauft, in der Ecke stehen etwa 30 HELLS ANGELS. Er schüttelt den Kopf, dreht sich um und der Kampf geht weiter. Wenn RATH schlägt, sieht es aus, als würde er seinem Gegenüber die Arme um den Kopf schleudern – doch es funktioniert, HEART weicht zurück. RATH drängt ihn in die Ecke und schlägt weiter auf ihn ein.

Wieder geht der REFEREE dazwischen. Er erklärt den Kampf für beendet, RATH und HEART umarmen sich.

ANSAGER (über die Lautsprecheranlage): "Unglaublich – ihr habt beide gewonnen, beim Promikampf gab es ein Unentschieden!"

RATH tritt an den Rand des Rings und blickt wieder in die Menge. Vor ihm blitzen die FOTOGRAFEN, er starrt sie an.

Dann sehen wir: RATH ist einer von ihnen – er steht nicht nur im Ring, sondern gleichzeitig auch daneben – mit einer Fotokamera. Der Ring-RATH starrt sich selbst an, der Foto-RATH knippst drauf los.

Die Filmmusik setzt ein, schön sentimental, schön mit Streichern. Nach und nach gehen in der Halle die Lichter aus, die anderen FOTOGRAFEN scheinen in der Dunkelheit zu verschwinden, nur RATH bleibt übrig.

FAHRT, DOLLY – Die Kamera nähert sich RATH

BLENDE ZU: SCHWARZ.

Wird Zeit, dass der Beat einsetzt.

Mehr dazu:

[Fotos: Forsbach/Rath/fudder-Archiv]