Das Freiburger Fahrrad-Labor

Meike Riebau

Nicht nur bei der Tour de France wird Fahrradgeschichte geschrieben. Im beschaulichen Freiburg befindet sich ein richtiger Fahrrad-Think-Tank: Seit mehr als zehn Jahren lässt das US-Unternehmen Scott hier ihre hochkarätigen Rennmaschinen entwerfen, auf denen in diesen Tagen viele Tour-de-France-Helden durch Frankreich radeln.



In der Oberwiehre ist - halb versteckt - die Firma “Denk Engineering” beheimatet, die seit mehr als zehn Jahren alle neuen Fahrräder für die Fahrradmarke Scott entwirft. “Scott” produziert Rennräder und Mountainbikes - dieses Jahr fährt sogar das Saunier Duval-Team auf der Tour de France auf Fahrrädern der Marke Scott.


Hier wird nicht das ordinäre Strampelrad für jedermann entworfen, sondern hochwertige Rennmaschinen. Die Denk-Ingenieure waren mit die Ersten, die von Aluminiumrahmen auf Carbon umstiegen, und damit Fahrräder leichter und widerstandsfähiger machten; eine kleine Revolution im Radsport. Was hier entwickelt wird, ist teilweise streng geheim. Deswegen darf wir bei unserem Illustrationsfoto (oben) auch keinsefalls der Sattel zu sehen sein.


Drei Ingenieure und ein Kaufmann beschäftigen sich hier den ganzen Tag mit Federungen, Sätteln und Karbon-Rahmen: Thomas Fuderer (39), Peter Denk (40), Thomas Harter (28) und Adrian Herlund (28). Das Büro, welches in einer ehemaligen Schreinerwerkstatt untergebracht ist, ist eine (leicht chaotische) Mischung aus Hobbywerkstatt, Architekturbüro und New Economy-Firma: Fahrräder, die auf den ersten Blick äußerst zerbrechlich wirken, stehen, komplett oder in Einzelteile zerlegt, überall herum, umgeben von Wänden mit Werkzeug.



Riesige Zeichenbretter, auf denen ein Fahrrad in Originalgröße abgebildet werden kann und Computer, mit riesigen Bildschirmen, die womöglich sogar selbständig kochen und Haare schneiden können. Ein kleines El Dorado für Tüftler und Fahrradverrückte. “Das muss man auch sein, um hier zu arbeiten”, meint Thomas Fuderer, ein bedächtiger Schwabe und einer von zwei Inhabern der Firma.

Er betrachtet seinen Job als glückliche Fügung: “Ich kann mein schönstes Hobby, das Radfahren, mit meinem Beruf vereinigen, das ist schon toll.” Logisch, dass da auch die Familie mit muss: Seine sechsjährige Tochter hat schon mit drei Jahren Fahrradfahren gelernt. Die kleinere Tochter, mittlerweile drei Jahre alt, war im Alter von einem Jahr schon mit dabei bei einer Fahrradtour durch Neuseeland.



Der 39-Jährige hat vor mehr als zehn Jahren zusammen mit seinem Kollegen Peter Denk das Ingenieursbüro gegründet, damals noch mit einer eigenen Fahrradmarke Hotchilli. Hotchilli erreichte bald einen regelrechten Kultstatus in der Szene, “was uns natürlich wahnsinnig gefreut hat”. Aber die Marke wuchs der kleinen Firma bald über den Kopf. “Die Nachfrage war für nicht zu bewältigen.” Also entschlossen sie sich zum Verkauf.

Durch einen Zufall entstand die Zusammenarbeit mit der Firma Scott, zunächst für ein einmaliges Projekt. Daraus ist mittlerweile eine enge Kooperation geworden, Scott ist einziger Kunde der Firma Denk Engineering. “Deshalb müssen wir auch nicht werben für unsere Firma”, freut sich der Schwabe Fuderer.

Selbstverständlich besitzt jeder Mitarbeiter der Firma mehrere Fahrräder. “Ich habe fünf, das ist noch vergleichsweise wenig”, erzählt Mitarbeiter Thomas Harter, mit bemüht harmlosem Gesicht. Fünf Bikes seien ein “Minimum” ? “ein Stadtrad, ein Mountainbike, ein Rennrad, ein Schwimmbadrad und ein Saufrad”. Logisch.

Die Fahrräder, die die Scott-Ingenieure in Freiburg entwerfen, werden in China und Taiwan gebaut, die “Denker” müssen deshalb alle mehrmals im Jahr nach Asien fahren, wenn wieder ein neues Fahrrad gebaut wird. “Das ist manchmal gar nicht so einfach, wenn in einer Fabrik mit 1300 Arbeitern nur ein einziger Englisch spricht”, sagt Fuderer. Aber ehrlich gesagt, hält sich das Mitleid in Grenzen, wenn ich höre, wo der jährliche Betriebsausflug hinging: nach Thailand und Laos... (Vorschlag an den fudder-Chef: Gute Alternative zum Grillen auf der Sternwaldwiese?).