Das Freiburger Dark Wave-Duo Totengeläut hat das Unsagbare des syrischen Bürgerkriegs vertont

Bernhard Amelung

Düstere Prosa, eiskalte Atmosphäre: Im November erscheint mit "Aleppo" das Albumdebüt des Freiburger Dark Wave-Duos Totengeläut. Wer hinter dem Pseudonym steckt und was es mit dem Albumtitel auf sich hat.

Kinder leiden Hunger. Frauen werden entehrt und vergewaltigt. Familien werden in ihren Häusern erschossen. Städte versinken im Bombenhagel. Verzweiflung, Zerstörung, Tod. Im syrischen Bürgerkrieg, der seit sieben Jahren tobt, stirbt die Menschlichkeit – und die Weltöffentlichkeit schaut zu. Aleppo ist zum Synonym für die unmenschlichen Greuel dieses Krieges geworden.




Wie die einst wichtigste Wirtschaftsmetropole Syriens heißt auch das Album der Freiburger Anti-Folk-Sängerin Nogood Luna und des Freiburger Elektronikmusikers Björn Peng. Das wird am 2. November dieses Jahres auf zwei Plattenlabel erscheinen. Zum einen auf Anette Records, das Strizi Streuner, der Sänger des Indiepunk-Trios Frittenbude, seit 2014 führt. Zum anderen auf Reach Another System, mit dem sich Jekyl aus Freiburg und Daun aus Stuttgart seit 2016 zwischen Techno, Industrial und EBM positionieren.

Auf Anette Records erschien 2014 bereits Björn Pengs Album "Dark Rave". An dessen Song "At Night" hat Nogood Luna als Sängerin mitgewirkt. Zusammen treten sie jetzt unter dem Pseudonym Totengeläut auf. Der Name unterstreicht die düstere und morbide Atmosphäre der sieben Stücke auf "Aleppo". Ein Aufschrei zweier Menschen angesichts des größten Zivilisationsbruchs des 21. Jahrhunderts.

Nogood Luna und Björn Peng geht es auf "Aleppo" darum, die Furcht, Ausweglosigkeit und Trauer der syrischen Bevölkerung in Text und Musik zu übertragen. Das Unsagbare der Greuel zu versprachlichen, das Unhörbare des Kriegs vertonen. Nogood, die im türkisch-syrischen Grenzgebiet humanitäre Hilfe geleistet hat, und Peng begegnen dieser Herausforderung mit hoher Sensibilität.



Düstere Prosa, eiskalte Atmosphäre

Die Sängerin verarbeitet ihre Eindrücke zu einer düsteren Prosa. Sie verwendet eine schlichte Sprache. Fragmente und chiffrenhafte Andeutungen, wenn sie im Opener "Haram" das Leid der Kinder, in "Deprived" die Entseelung vergewaltigter Frauen zum Opfer macht. Sie macht deutlich: Das Ich dieser Menschen ist gebrochen, ungetröstet, verzweifelt.

Björn Peng greift die Texte mit harschen Drumloos, reduzierten, unterkühlten Synthesizerpads und einer sparsam angelegten Melodieführung auf. Das Wechselspiel von atonalen und tonalen Elementen erzeugt Klangbilder von besonderer Intensität. Die eiskalte Atmosphäre erinnert an den Sound, wie er auch bei aktuellen Dark Wave-Bands anzutreffen ist. Lebanon Hanover und Boy Harsher zum Beispiel.

Es ist eine Musik für weltentfremdete Träumer. Doch ihre Träume sind nicht gut. Auch aufwachen ist sinnlos. Die Menschlichkeit ist gestorben. Die Weltöffentlichkeit hat zugeschaut. Wieder einmal.
Was: Totengeläut (live) – Albumrelease
Wann: Freitag, 2. November 2018, Uhrzeit tba
Wo: Slow Club Freiburg

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