Das erste Buch über StudiVZ: Im Gruschelkabinett

David Weigend

Steve Przybilla, 22, Student der Anglistik in Freiburg, hat "Das Gruschelbuch" geschrieben, das erste Buch über das Studentenverzeichnis StudiVZ. Es erscheint am Montag. Bei fudder erzählt er, warum er sich nach seiner Recherche von Verlinkungsorgien und Gruppen wie "Wer mich gruschelt, will mich bumsen" distanziert hat.



Solinger mit Polopulli

Momentan stehen 14 Menschen mit dem Namen „Steve P“ im Studiverzeichnis (StudiVZ). Zwei Steves tragen auf ihrem Profil einen Pullover mit Querstreifen. Man muss vermuten, dass der Steve mit den schmaleren Streifen und dem unschuldigeren Lächeln bald viele Besucher auf seinem Profil haben wird. Vielleicht findet dann auch die von ihm gegründete Gruppe „Solinger in Freiburg“ ein zweites Mitglied.

Steve Przybilla, 22, studiert in Freiburg Anglistik und Politik. Nebenher hat er „Das Gruschelbuch“ geschrieben. Es erscheint nächste Woche und ist das erste Buch, das ausschließlich das StudiVZ thematisiert, in Form eines Selbstversuchs.



Mit dem Modell im Tierpark

Steve pflegt in Wirklichkeit den gleichen Kleidungsstil wie in seinen digitalen Studivz-Fotoalben. Das ist nicht selbstverständlich. In dem Netzwerk des Holtzbrinck-Verlags tummeln sich allerhand Doppelpersönlichkeiten, Stalker, Blender und Spinner. Diese Einsicht war für Steve der Anreiz, das Buch zu schreiben: „Im April 2007 wurde ich von einer 16-Jährigen namens Laura gegruschelt. Ihr Foto war toll. Blond, top gestylt, gute Figur. Angeblich Modell. Ich habe sie dann besucht, in Worms. Wir sind durch die Stadt gegangen und in den Tierpark. War ganz nett. Irgendwann hat sie mich geküsst. Sie wollte mich unbedingt wieder sehen.“

Der Kontakt hielt, über E-Mail und ICQ. Laura und Steve verabredeten sich erneut. Wieder in Worms. Als sie vor ihm stand, sagte sie: „Ich bin nicht Laura. Ich bin ihre Zwillingsschwester.“ Es folgte ein Reigen kruder Geschichten, eine unglaubwürdiger als die andere. „Da wurde mir klar, dass die nicht ganz dicht ist.“ Laura zog diese Nummer bei vielen Mitgliedern von Studivz ab, wie Steve herausfand. Warum? Bestätigung, Langeweile, Leute kennenlernen, Geltungssucht, vermutet er. „Und ich habe den Eindruck, dass es ziemlich viele von solchen Leuten im StudiVZ gibt.“



Jahrmarkt der Eitelkeiten

Als Ehssan Dariani und Dennis Bemmann das Online-Netzwerk im Oktober 2005 gründeten, schufen sie eine soziale Software für Studenten: man konnte sich über Lehrveranstaltungen austauschen, Referatstipps holen und den fehlenden Mann für den Samstagskick beim Uniturnier suchen. Inzwischen ist StudiVZ ein Unternehmen. Im Dezember hatte die Seite eine Reichweite von 153 Millionen Visits, die URL wurde 5,3 Milliarden Mal aufgerufen.

Nicht mehr nur von Studenten. Es ist ein alljugendlicher Jahrmarkt der Eitelkeiten, stets bemüht um die Balance von Gemeinsamkeiten und Individualität. Man guckt, klickt, gruschelt und pinnt. Viele sind süchtig danach und andere geradezu stolz darauf, auch ohne Studivz-Profils in der Lage zu sein, einen Bekanntenkreis zu unterhalten.



Steve, der in einer Vierer-WG in Betzenhausen lebt, hat 90 Studivz-Freunde. Früher waren es noch mehr. Seltsame Vögel. Einmal hat ihn ein Typ angeschrieben und behauptet, er wolle für seine arme Freundin heimlich Geld sammeln: „Ich hätte da noch ein altes, leeres (ernsthaft!) Konto von mir, bei der Volksbank Freiburg, was ich ursprünglich als Vereinskonto gedacht hatte…“

Drinnen und draußen

Kommunikationswissenschaft hat Steve mit seinem Buch keine betrieben. Er hat einfach nur aufgeschrieben, was er erlebte in seinen Verlinkungsorgien. Mal tippte er das Protokoll im „Sessel der Langeweile“, wie er seinen Bürostuhl in trüberen Chatstunden nannte, mal setzte er sich mit dem Laptop auf den Balkon mit Blick auf die Lehenerstraße, um den Kontrast von Gruschelrausch und Vogelgezwitscher auszukosten.



Bewertung durch Überfliegen

Steve hat sich nach seiner Recherche vom StudiVZ distanziert. Wenn man ein wenig im Gruschelbuch blättert, ahnt man auch, warum. Die dümmlichen Flirtdialoge, die Anbiederungen in den Fotoalben („Willsch nicht noch nen’ Kommentar dazu schreiben?“), die absurden Gruppen (Ü30-Party-Crasher“), die Bewertung eines Menschen im Bruchteil einer Sekunde, nämlich beim Querlesen seines Profils, all das mündet auf der Zunge von Steve Przybilla zu der Aussage: „Ich habe gemerkt, dass es Quatsch ist, irgendwelche Leute im Internet kennen zu lernen. Das ist in real zehnmal besser.“

Wer kennt das "alte Haus" wirklich?

Das Erfolgsrezept von StudiVZ sei die Neugier, meint Steve. In seiner Freizeit ist er, wer hätte das gedacht, Liebhaber von Spionageromanen. „Man spioniert eben gerne. Neben wem stand meine Freundin gestern bei der Fachschaftsparty? Ich finde es ab und zu auch reizvoll, Fotoalben von anderen Leuten anonym zu durchstöbern.“ Allerdings gab er auch einiges von sich preis. Seinen Geburtstag etwa.

Das verursachte Gratulationsalarm. Am 15. Mai hagelt es „Altes Haus“-Mails, dazu Dauervibration am Handy. Sogar um 23.59 Uhr meldet sich noch eine ungeliebte Verzeichnisfreundin, als Steve schon längst in der Mudombar feiert.



Immerhin, sie wollte bloß gratulieren. Andere, „mit Psychoschaden“, wollten mehr. Man scheint sich im Studivz auf dem schmalen Grat zwischen Affärenbörse und Gefühlsmülleimer zu bewegen. „Ein Mädchen hat mich nachts um zwei angerufen und mich vollgeheult, ihr Leben sei eine Trauerwüste.“ Das StudiVZ begünstigt die Vorstellung, man hätte tausend Freunde. In Wirklichkeit, sagt Steve, hat man gar nichts. „Man sitzt daheim vorm Computer. Allein.“

Mehr dazu:

  •  Was: Steve Przybilla: Das Gruschelbuch. Ein Erfahrungsbericht von der Internetfront. Kontrovers Verlag, 183 Seiten, 9,90 €.
  • Wann: erscheint am Montag, den 11. Februar