Tschüss!

Das Ende einer langen Freundschaft: "Ruhe in Frieden, geliebtes Nokia"

Christian Engel

Es war sein langjähriger Partner, ein treuer Begleiter: Jetzt gibt das Nokia-Handy von fudder-Autor Christian Engel langsam den Geist auf. Er hat ihm einen Abschiedsbrief gewidmet.

Ich erinnere mich gut, wie ich dich das erste Mal in den Händen hielt. Du warst noch so klein, während deine hochentwickelten Smartphonecousins bereits prollig und aufgepumpt daherkamen wie Bodybuilder, die kaum mehr in die Jeans passten. Du warst ein zartes Pflänzchen, aber keineswegs zerbrechlich – tausende Male knalltest du mir auf den Boden. Vom Tisch runter. Von Mauern hinab. Auf Fliesen und Asphalt. Kein Ton der Klage. Du standst immer wieder auf. Ich schloss dich vom ersten Tag an in mein Herz – und nahm dich überall hin mit.


Weißt du noch: der Spanienurlaub vor etlichen Jahren? Sand in der Ritze kennt ja jeder vom Strandurlaub, aber du hast lange dran knabbern müssen, ständig geknirscht vor Zorn. Ich fand’s lustig. Dafür hast du dich später revanchiert, den einen oder anderen Schabernack mit mir getrieben. Beispielsweise mit deinem Lieblingsjoke: verstecken von SMS. Der Eingang quoll meist über, weil das Löschen der SMS so zäh war wie ein Länderspiel der deutschen Nationalelf.

Verschwundene SMS und verschwommene Partypics

Manchmal, wenn eine SMS reinkam, hast du mir mit einem Briefsymbol die frohe Botschaft angeteasert, aber die Nachricht irgendwo hingeschoben, wo ich sie niemals finden konnte. Irgendwo im Eingang zwischen SMS 1278 und 2362, zur Post der letzten fünf Jahre. Unauffindbare Messages, die die Absender nie beantwortet bekamen (nur deswegen meldete ich mich so unzuverlässig zurück). Bisweilen stelltest du mir auch nur die halbe Nachricht durch, von der die andere Hälfte kurioserweise in anderen SMS auftauchte – Tage später. Weiß Gott, wie du das manchmal angestellt hast. Aber du hattest deinen Spaß.

Ich allerdings auch mit dir. Wie amüsant war es bitteschön, auf deinem Mini-Bildschirm die 3,2-Megapixel-Partypics der vergangenen Nacht anzuschauen. Da wusste ich nie genau, ob ich noch einen im Tee hatte, so verschwommen zeigtest du mir die Andenken. Und dann erst dieser fröhliche Begrüßungssound am Morgen: wie ein Sonnenaufgang über den Alpen, wie Wärmebalsam nach einer Zerrung, wie ein Käse-Lyoner-Brötchen nach einer langen Wanderung.

Abschied von einem langjährigen Freund

Deine Melodie ist zum letzten Mal erklungen. Das Alter hat auch vor dir nicht haltgemacht. Die Zeit nagte an deiner Platine. Ich nahm die ersten Wackler bereits vor Monaten wahr, als du sie erst ignoriertest, später augenrollend auf Eisenmangel schobst. Dann fiel dein Gehäuse allmählich auseinander. Manchmal hängtest du dich auf – ich hatte den Eindruck, du wolltest nicht mehr. Für Tage schaltest du ab. Immer wieder kamst du zurück, bevor dich der nächste Rückschlag ereilte. Mal stießest du die SIM-Karte ab, mal ertrugst du die drückende Rückwand nicht mehr. Von den Kreuzschmerzen erlöste ich dich, aber daraufhin plumpste dein Akku ständig raus – und du fielst jedes Mal in Ohnmacht.
Ich muss mich jetzt von dir, meinem langjährigen, treuen Freund verabschieden.

Niemals werde ich dich lieblos in einen Schrottcontainer werfen, das verspreche ich dir. Aber verzeih mir: Ich muss dich ersetzen. Du wirst einen Ehrenplatz in meinem Nachtkästchen finden, in der Weihnachtsmesse werde ich dich in meine Gebete schließen – und mehrmals an die gemeinsame Zeit mit dir denken: an die Ausflüge, die Partys, an die Taste 3, die häufig klemmte, die Panik in meinem Gesicht, als du für Tage in der Sofaritze verschollen lagst, die Freude, als ich dich wiederfand, an die Urlaube, die vibrierende Magie vor jedem Anruf und jeder SMS, an dein schlankes Design, deine finnische Reserviertheit, deinen Humor. Ruhe in Frieden, mein Nokia. Mein Freund. Auf ewig mit dir verbunden.

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