Das Ende der Toleranz

Nora

Seit dem ersten September gilt in Gaststätten in Baden-Württemberg das Rauchverbot. Raucher müssen sich seitdem entweder zum Rauchen vor die Tür verziehen, oder in Hinterzimmern ihrer Sucht nachkommen. Aber die wahren Verlierer dieses Gesetz? Das sind die Nichtraucher! Zumindest die in rauchendem Umfeld. Das findet jedenfalls Nora. Ein Erfahrungsbericht.



Plötzlich war alles anders.

In der ersten Woche nach meiner Rückkehr aus dem Ausland musste ich eine Menge frieren, weil meine Freunde lieber ihr Getränk mit nach draußen nahmen, als es ohne die Zigarette dazu im Warmen zu genießen. Die Kälte hat mir anfangs ebenso wenig ausgemacht wie das Passivrauchen. Es war besser, als einsam am Tisch zu sitzen, auch wenn der Smog vor der Tür die doppelte Konzentration erreichte wie früher drinnen und mein Leben so um einiges ungesünder wurde.


Ich war nie militanter Nichtraucher.
Ich war ebenso passiver Raucher wie passiver Nichtraucher. In der Rolle der Toleranten habe ich mir immer gefallen, und sie fiel mir in dieser Beziehung leicht, weil ich Rauchen nicht abstoßend finde. Ich habe lediglich deshalb nicht damit angefangen, weil meine Freunde in der Pubertät nicht damit angefangen haben. Zufall also, und Glück für meine Lunge, dass ich erst dann rauchende Freunde hatte, als ich dem Gruppenzwang schon entwachsen war. Seither war ich aber immer die, bei der trotzdem alle im Zimmer qualmen durften. Mehr Attitüde als Freundlichkeit. Toleranzbestie aus Überzeugung und vielleicht ein bisschen zu stolz darauf.



Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte das Rauchverbot auch gar nicht eingeführt werden müssen. Ich mag es, wenn Kneipen ein bisschen verqualmt sind. Und ich mag es, im Warmen zu sein. Doch wie nun die Tage kürzer werden, wird auch die Luft kälter, das Hinausbegleiten zunehmend lästig und mir zudem nach und nach ein sehr viel schwerwiegenderer Aspekt des Problems bewusst: Ich werde diskriminiert.

Gingen meine beiden Freundinnen und ich früher abends als drei Gleichberechtigte aus, so schweißen die beiden inzwischen mehr und mehr zu M&M zusammen. Denn sie haben im Vornamen die gleiche Initiale und rauchen und werden gemeinsam nervös, wenn sie selbiges nicht tun dürfen. Mein Vorname hingegen beginnt mit einem schnöden N. Mir fehlt der letzte Balken im Buchstaben und mir fehlt die Zigarette. Da bringt es auch nichts, dass ich ihnen brav in jedes Raucherverlies folge und mich passiv zuqualmen lasse. N wie Nichtraucher. Überhaupt bin ich nun mit einem mal ein Nicht-Irgendetwas, eine vermeintlich Nicht-Betroffene des neuen Verbotes und eine Nicht-Getriebene. Ja, in der konkreten Situation bin ich sogar plötzlich nicht einmal mehr Nichtraucher, sondern nicht-rauchend. Ich werde zum Partizip, Enthaltsamkeit wird zur Tat, das bloße Unterlassen zum bedeutungsschwangeren Handlungsakt.



In einer Freiburger Keller-Kneipe, in der ich des öfteren meine Zeit verbringe, muss man nicht zwangsläufig hinaus in die Kälte: Es gibt im Inneren einen ziemlich durchlässigen Raucherbereich. Böse Zungen behaupten, dies sei ungefähr ebenso sinnvoll wie ein Urinierbereich im Schwimmbecken. Wir wissen, was das heißt, denn darum haben wir früher auch alle munter ins Babybecken gepinkelt. Aber diese Kneipe ist kein Babybecken.

M&M und ihren Bedürfnissen folgend stieß mich kürzlich tatsächlich exakt im Durchgang zu besagtem Kämmerlein eine Wand aus Smog und erleichterter Glückseligkeit erstmals zurück in den Nichtraucherbereich. Und so beschloss ich, nun, da ich schon zur Nicht-Rauchenden gemacht worden war, dies auch aktiv auszuleben. Es war gewissermaßen mein persönliches Coming out, als ich meinen halb entgeisterten Begleiterinnen aus der Ferne zu verstehen gab, dass ich mich alleine an einen Tisch hier draußen [sic!] in der Kneipe setzen und warten würde.

Kopfschüttelnd ließ man mich ziehen, um mich nach der immerhin eilig gerauchten Zigarette unleidig mit spitzen Kommentaren zu bedenken: Ein Spalter sei ich, eine Überläuferin, und wohin das führen solle in Zukunft, wollten wir nicht schließlich den Abend zusammen verbringen?

Demokratie wird schnell ungemütlich, wenn man immer einer Zweidrittelmehrheit unterliegt. Darum habe ich auf eigenem Terrain die Diktatur errichtet: In meinem Zimmer darf nun niemand mehr rauchen. Toleranz war gestern.

Ein Gutes hatten das Rauchverbot und meine neuen Leiden als Nichtraucherin bisher aber doch: Bei einer besonders drögen Mitfahrgelegenheit konnten wir kürzlich die zwangssozialen ersten fünf Minuten mit Erfahrungsaustausch überbrücken. Lautstark und schnell wurden wir uns darin einig, die eigentlichen Verlierer der neuen Regelung zu sein. Für den Rest der Fahrt verfielen wir in einhelliges Schweigen. Nicht-sprechend in voller Muße. Und wer was sagen will – raus!