Das Ende der Dreisam (13)

David Weigend

Am Anfang stand eine einfache Frage: Wohin fließt die Dreisam? Die Antwort ist, zumindest auf dem Papier, ebenso einfach. "Sie mündet in den Rhein." Schön. Aber wie sieht diese Stelle genau aus? Steht da ein Denkmal? Kann man dort picknicken? Oder ist der Punkt total unzugänglich? So richtig konnte uns das keiner sagen. Deshalb sind wir hingefahren. Mit dem Fahrrad, stur dem Wasser nach. Ein Reisebericht mit Video.



5.30 Uhr: Freiburg, Kronenbrücke

Es dämmert. Für die frühe Uhrzeit ist es erstaunlich mild. Ich stütze mich ans Brückengeländer und blicke nach unten, ins schwarze Wasser. Die Dreisam. Man kann das Rauschen jetzt laut hören, die meisten Autofahrer schlafen noch. Wohin fließt dieser Fluß?



Ich habe in den vergangenen Tagen auf die Michelinkarte geschaut und habe es, in Symbolen verschlüsselt, sehen können. Eine abstrakte Information. Wie alles, was man noch nicht am eigenen Körper gespürt hat.

Ich habe begonnen, mich dafür zu interessieren, wie die Dreisam endet; habe verschiedene Menschen befragt, die es eigentlich wissen müssten, aber keine befriedigende Antwort erhalten. Jetzt trete ich in die Pedale, um es zu erfahren. Manchmal sind es Fragen der naiveren Art, die den eigenen Tagesrhythmus durcheinander bringen.

6.15 Uhr: In der March

Im Nachhinein fällt es schwer, den ersten Abschnitt der Fahrt zu erinnern. Vielleicht ist es so, dass dieser, sagen wir es ruhig, geheimnisvolle Zustand der Dämmerung das meiste schluckt. Das in dieser Zeit Gesehene, Gehörte und Gerochene erscheint in der Erinnerung diffus. Auch diejenigen, die einem begegnen, also vereinzelte Radfahrer mit Tunnelblick, scheinen mich überhaupt nicht wahrzunehmen.

Über den Feldern verdampft der Tau, die Sonne erhebt sich. Sie steht über dem Kandel.



Hin und wieder eine kleine Brücke über den Fluß. Er ist schnurgerade. Warum?

Der ehemalige Bauingenieur Johann Gottfried Tulla hat im Jahr 1812 geschrieben: „Kein Strom oder Fluss hat mehr als ein Flussbett nöthig, oder, welches einerlei ist, kein Strom oder Fluss hat in der Regel mehrere Arme nöthig.“

Tullas Ausdrucksweise war, seiner Zeit gemäß, verschnörkelt; sein Schaffen umso rigoroser. Tullas Job war es, die Natur zu korrigieren. 1817 zwang er die Dreisam in ihr heutiges Bett. Er errichtete Dämme gegen Hochwasser und baute Schwellen ein, um das schnell fließende Wasser zu zähmen. Landschaftskosmetik, die nun, von Tullas Nachfolgern verfeinert, in der Marcher Morgensonne erscheint.



Dass der Name Dreisam vom Keltischen "Trisamma" stammt, was so viel wie "die Schnellfließende" bedeutet, ist seit Tulla höchstens bei Hochwasser ersichtlich.

6.45 Uhr: Riegel, Leopoldskanal

Die pure Dreisam endet kurz nach der Riegeler Brauerei. Bis hierhin ist sie 47,7 Kilometer lang. Direkt unter einer mächtigen Linde, die 1850 gepflanzt wurde, vereinigt sich die Dreisam mit der Elz.



Von nun an nennt sich das Ganze Leopoldskanal. Wiederum ein Konstrukt, das Tulla am Reißbrett entworfen hat. Ein kleines Denkmal erinnert daran.

In Riegel betrete ich eine Bäckerei und trinke einen Becher Kaffee. Währenddessen kommt eine junge Frau herein. Sie macht eine Großbestellung: „4 Elsässer, 3 Laugeknode, 4 Quarkschneckle, jo, des wärs scho. Oh, jetzt han i mei Geld vergesse. Schreibe sie’s uff. Metzgerei Engler.“ Anschreiben lassen. Das sollte ich auch mal versuchen, in einem dieser neuen Backwarendiscounts am Freiburger Cinemaxx.

8 Uhr: Brücke, Höhe Rheinhausen

Der Weg ist mühsamer geworden. Meine Füße und die Turnschuhe sind nass vom kniehohen, taufeuchten Gras auf dem Damm.

Auf meinen Beinen haben sich viele, kleine, rote Flecken von den Brennesseln gebildet. Das zehrt ein wenig, wirkt aber auch belebend. Die Muskeln in den Armen kribbeln, da mein Fahrrad keine Federgabel hat und der Untergrund mal aus Schotter besteht und mal aus aufgeschütteter Erde.

Ich passiere Kirschbäume, sehe Krähen. Pollen und Mücken verwanzen sich in meinem Baumwollshirt.



Die Nase läuft, die blühenden Gräser reizen Augen, Gaumen und Schleimhäute.

Die Landschaft ändert sich. Die betuliche Schwarzwaldromantik, wie man sie aus dem Zartener Becken kennt, ist weit, weit weg. Es riecht nach Ortenau.

Bei Kilometerstein 3 hat sich eine Schafherde niedergelassen. Vom Schäfer keine Spur.

Den Leopoldskanal flankieren nun Ulmen, Silberpappeln und Eichen. Willkommen im Urwald.



8.30 Uhr: Taubergießen, am Rhein

Am Ziel. So auenwaldig habe ich es mir nicht vorgestellt. Es ist fast wie in einer dieser mildgefärbten Dokumentationen im SWR-Fernsehen, „Fahr mal hin: Biotop am Oberrhein“. Flutender Hahnenfuß säumt das Dreisamwasser. Ein Specht klopft, ein Reiher schwingt seine Flügel, ansonsten viele Schwäne und ein Mäusebussard. Und Wildgänse.



Das ist sie also, die Stelle. Wenn ich in Freiburg eine Feder von der Kronenbrücke fallen lassen würde, käme hier etwas von ihr an. Friedlich, kein Internet, keine Leute. Bloß ein Dreibord verweist auf menschliche Existenz. Ich tauche einen Fuß ins Wasser. Gar nicht so kalt. Gegenüber Frankreich. Man hört das Glucksen des Dreibords und das ferne Rauschen vom Rheinwehr.



Gern würde ich jetzt rüber ans andere Ufer, auf dieses dreieckige Stück Waldtorte. Seltsam: Obwohl der Leopoldskanal etwas künstlich angelegtes ist, sieht sein Ende so wild aus.

Dann schließe ich die Augen. Bevor ich einnicke, stelle ich mir den 29. September 1909 vor.



An diesem Tag ist es einigen Bürgern gelungen, die Dreisam in einem Boot hinabzufahren, von Freiburg bis zum Rhein. Das Boot war neun Meter lang, der Wasserstand betrug 50 Zentimeter. Die Vorstellung mündet in einen Traum.

Video: Das Ende der Dreisam (0:32 Min.)