Das Dreisamcafé-Streitgespräch

David Harnasch

Die Diskussion um das Dreisamcafé hat die Gemüter in manchen Teilen Freiburgs erregt - auch in den Kommentarsektionen bei fudder.de. Lars Bargmann (37, oben links), Projektleiter des Dreisamcafés, freut sich, am heutigen Donnerstag (Eröffnung der Terrasse) eine weitere Etappe auf dem Weg zum Normalbetrieb geschafft zu haben. Martin Walcher (31), Sozialarbeiter, hätte die Dreisamwiese hingegen gerne in ihrer ursprünglichen Form behalten. David Harnasch versuchte im Streitgespräch der beiden, Gerüchte von Fakten zu trennen.



Lars, wie liegt ihr in der Zeit?

Lars Bargmann: Am Donnerstag (Anmerkung der Red.: heute) wird der Selbstbedienungsbereich soweit komplett sein, dass wir ihn in Betrieb nehmen können. Das ganze Gebäude wird man Mitte August nutzen können. Die Eröffnungsfeier veranstalten wir erst im September, vorher ist ja noch alle Welt im Urlaub.

Martin, ist das für Dich ein Grund zu feiern?

Martin Walcher: Ich schaue es mir natürlich mal an, aber zur Eröffnungsparty komme ich wohl nicht.

Was behagt Dir an dem Projekt nicht?

Walcher: Zugespitzt gesagt verschwindet öffentlicher Raum für eine neue Yuppiebude in Freiburg. Ich habe nichts dagegen, dass - ich zitiere einen Kritiker aus dem fudder-Forum - “VWL-Bubis und Jura-Schnecken” feiern wollen, aber gleichzeitig verlieren “unliebsame” Leute ihren Treffpunkt.

Geht er verloren oder wird er sich verlagern?

Walcher: Warum müssen denn die gehen, die auf solche Orte angewiesen sind, und nicht diejenigen, die dank ihres Geldes überall hin können?

Ein Gastronomiebetrieb ist auf Laufkundschaft angewiesen.

Walcher: Ich verstehe ja, dass Leute Geld verdienen wollen. Die Frage ist, ob das unbedingt auf Kosten dieser Wiese geschehen muss. Die Rosa Hilfe beklagt zum Beispiel, dass deren Klientel einen Treffpunkt verliert.

Bargmann: Mit der Schwulenszene habe ich gar kein Problem. Ich kenne die Rosa Hilfe und ich habe mich auch mit SPD-Stadtrat Walter Krögner, der ja nicht für das Projekt war, darüber unterhalten und wir sind gut auseinander gegangen. Als ich in der Pressemitteilung las, dass die Rosa Hilfe aber das Erstbezugsrecht fürs Café beansprucht, musste ich schon schmunzeln, denn der Vorschlag war nun offensichtlich völlig jenseitig.

Walcher: Den haben sie ja auch zurückgenommen. Aber selbst wenn Du kein Problem mit ihnen hast, verdrängt Dein Projekt deren Leute - denn das Publikum, was grade Deine Partner mitbringen werden, schließt sich mit denen aus. Auch Studenten, die ihre Pizza aus dem Karton essen, werden sich weniger willkommen fühlen.

In wieweit waren denn diese leeren Pizza-Kartons, die die Wiese oft zugemüllt haben, ein Indikator für die Wertschätzung für diesen Ort?

Walcher: Die Frage ist ein wenig unfair, denn unter den Idioten, die ihren Müll dort liegen ließen, litten die regelmäßigen Besucher der Wiese am meisten. Daher kann das kein Argument für deren kommerzielle Nutzung sein.

Bargmann: Mich überraschte die Heftigkeit der Diskussion, auch auf fudder. Denn der Prozess, der zur Entscheidung für das Café führte, ist jetzt zwei Jahre her.

Walcher: Der war auch unstrittig in Ordnung.

Da haben wir von anderen Kritikern aber anderes gehört.

Bargmann: Das lief seinen normalen Gang. Ich habe eine Bauvoranfrage gestellt, es gab zusammen mit dem Bauordnungsamt eine Anhörung aller Anwohner, die es rein rechtlich nicht gebraucht hätte, die wir dennoch durchgeführt haben. Es gab mehrere runde Tische, Bauausschusssitzungen, wo die Fraktionen des Gemeinderats teilnahmen und am Ende all dessen stand das Okay für genau das Projekt, wie wir es jetzt umsetzen.

Zwischendurch haben zwei Schülerinnen eine Unterschriftenliste dagegen erstellt. Allerdings war deren Fragestellung irreführend. Sinngemäß: “Ein auswärtiger Investor möchte eine öffentliche Wiese zubauen und niemand darf mehr dorthin - sind Sie dagegen?” Ich hatte sie eingeladen und ihnen erklärt, was wir machen. Darauf räumten die beiden ein, dass ihre Frage falsch gestellt war. Sie fänden das Projekt trotzdem nicht gut. Das kann ich auch ein wenig nachvollziehen, aber ich glaube, die überwiegende Mehrheit der Freiburger befürwortet die Entwicklung gegenüber dem Status quo ante, denn nun können sich nach meiner Beobachtung viel mehr Leute dort wohl fühlen als zuvor. Mütter mit Kindern zum Beispiel, die früher eher Angst in der Ecke hatten.

Deine tatsächlichen Mitinvestoren haben ? ebenfalls zum Beispiel in unserem Forum ? nicht nur Begeisterung geerntet. Die Innenstadtgastronomie würde monopolisiert.

Bargmann: Das ist aber Blödsinn: Ich weiß nicht, wie viele Kneipen es in Freiburg gibt - ein paar hundert jedenfalls ? und Frank, Bela und Thomas (Böttinger, Gurath, und Fehrle, Anm. d. Red.), betreiben neben der Dreisam noch das Wiener und den F-Club, andere machen mehr Lokale. Ich kann da kein Monopol erkennen. Du?

Die haben aber auch andere Läden gestartet.

Bargmann: Ja, das Maria und das R’n B, wo sie aber nicht mehr aktiv sind, und ihre Veranstaltungsagentur (Endless Event, Anm. d. Red.). Müssen die sich dafür rechtfertigen? Ich merkte bei den Gesprächen mit ihnen, dass die mit ganzem Herzen dabei waren, das passte sofort, geschäftlich und auch persönlich. Ich selbst bin kein Gastronom. Ich habe mir das Projekt ausgedacht, meine Aufgabe und Heimat darin gefunden, die gastronomische Handschrift wird von den Dreien stammen.

Der Klüngel-Vorwurf, den manche äußern, richtet sich eher dagegen, dass zum Beispiel öffentliche Genehmigungen leichter bekommt, wer über gute Verbindungen aus der Vergangenheit verfügt.

Bargmann: Auch das ist völliger Blödsinn. Das Bauordnungsamt und auch die anderen Ämter entscheiden so etwas nicht danach, ob sie jemanden nett finden, sondern aus fachlichen Gründen. Als das fachlich geklärt war, gab es im vergangenen Jahr politisch eine überwältigende Mehrheit für dieses Projekt und dann haben wir das auf den Weg gebracht.

Was bekommt die Stadt als Körperschaft? Kaufpreis oder Pacht?

Bargmann: Pacht, die Wiese gehört hälftig Stadt und Land, da wurde nichts verkauft. Den Betrag darf ich nicht nennen, aber es gibt Regeln, wie so was ermittelt wird: Einerseits kostet jeder Sitzplatz eine Pauschale, andererseits orientiert sich die Grundstücksmiete am Markt. Dazu besorgen wir die Reinigung der gesamten Wiesenfläche zwischen den beiden Brücken, was die Stadt circa 2000 Euro im Monat kostete. Und das Klohäuschen, das den städtischen Haushalt mit bisher 2500 Euro monatlich belastete, tut das nicht mehr...



... weil diejenigen, die es bisher nutzten, ja nicht mehr willkommen sind.

Bargmann: Erst einmal heißt das, dass das Rathaus jedes Jahr durch das Dreisam-Ufercafé mehr als 50.000 Euro spart und noch Pacht einnimmt. Mit diesem Geld kann sie etwas anderes machen. Es war klar, dass es auch von der Stadt gewollt war, eine öffentliche Toilette im Café zu betreiben. Mit der spritzenden Szene oben am Platz habe glaube ich nicht nur ich ein Problem, denn die nehmen ihre Umgebung gar nicht mehr wahr, wenn sie auf ihrem Film sind. Die Freiburger Wirtschaft und Touristik hat damit ein noch größeres Problem, denn auf einem Busparkplatz, wo Freiburg-Besucher ankommen, ist so was nicht der schönste erste Eindruck von der Stadt. Drogenkranke sind ein Problem der Gesellschaft, die sich damit befassen muss. Das tut das Sozialdezernat auch. Es wird einen neuen Platz für diese Menschen geben.

Wie viele reiben sich am Projekt? In der Öffentlichkeit nimmt man nur wenige wahr, die aber sehr laut sind.

Walcher: Das ist auch für mich schwer zu sagen. Der ASTA hat sich beschwert, weil sich Studentenwerk bzw. Univerwaltung einbringen wollten und das nicht gut kommunizierten. Ansonsten sind die Gegner zum Beispiel alternativ angehauchte Chill-Studenten, die generell eine schöne Wiese einem Café vorziehen und natürlich diverse kleinere Szenen, die diese Wiese gerne als Treffpunkt nutzten.

Bargmann: Ich habe hier das Luftbild ? wieso sollte man sich 30 Meter weiter westlich nicht mehr treffen können?

Walcher: Könnte man sicher, aber wer sich dort wegen des Cafés nicht mehr wohlfühlt, wird das nicht tun. Ich nehme an, die werden weiter nach Osten ziehen.

Statt einfach weiterzuziehen, hat ja offenbar jemand seinem Unmut drastisch Luft gemacht.

Walcher: Ja, über die Aktion mit den Fernsehern brauchen wir gar nicht zu reden, das ist natürlich komplett indiskutabel. Und obendrein erweist, wer so was tut, natürlich all jenen einen Bärendienst, die sich ernsthaft argumentativ gegen das Projekt wehren.

Meinst Du, man kann die Gegnerschaft irgendwie mit dem Café versöhnen?

Walcher: Die Diskussion kam zu spät. Das Ding steht jetzt, man wird sich sicher eine Weile lang daran stören, aber vielleicht gewöhnt man sich daran.

Bargmann: Das hoffe ich. Wer meint, ich hätte ihm “seine” Wiese weggenommen, der konnte und kann mit mir reden, vielleicht kann man ja was kompensieren ?-nur Vorschläge müssen schon kommen. Ich bin natürlich von der Sache beseelt und überzeugt, dass sich jeder im und beim Café wohlfühlen kann. Es gibt das Café, einen Biergarten, einen Strand, und einen öffentlichen Spielplatz für Kinder, wir erzeugen sauberen Solarstrom, wir machen eine neue Station für den Freiburger Wasserweg, wir bauen neue Nistkästen für Wasseramseln, wir haben zum Ausgleich neue Bäume gepflanzt - wir haben uns wirklich an jeder Ecke die größte Mühe gegeben. Ich glaube, dass einige den politischen Prozess, der zum Ufercafé geführt hat, gar nicht wahrgenommen haben. Jetzt kam der Bagger und jetzt haben sie das realisiert. Aber ich hoffe, auch die geben uns eine Chance und sagen womöglich irgendwann: Das war doch keine so schlechte Idee für Freiburg.