Das Dreigipfelexperiment

David Weigend

Wie das so ist, während der Tour de France: Man liest, was die Fahrer so leisten bei den Höllenetappen und lässt sich dann ohne Not zu einer kühnen Behauptung hinreißen: "Feldberg, Schauinsland und Rosskopf, das schaff' ich doch locker in einem Aufwisch." Weil ich nicht als Schwätzer dastehen wollte, bin ich gestern losgefahren. Mit normalem Testosteronspiegel. Ein Selbstversuch.



10 Uhr, Deicheleweiher (278 Meter)

Eigentlich wollte ich früher aufbrechen. Doch Schauer zur Morgenstunde lassen mich hadern. Nun tröpfelt es nur noch. Meine Bremsen jaulen jetzt schon wie ein angestochener Biber. passio fudderis incipit.



10.30 Uhr, Oberried, Bäckerei Ruf (460 Meter)

Ein einziges Kommen und Gehen beim Ruf, stellt dieses Geschäft nicht nur Konditorei, sondern auch Post, Café und Kleinbuchhandlung dar. Angesichts des hartnäckigen Schnürlregens überlege ich, ob ich nicht auf eine Weile ins Rufsche Refugium verschwinden soll. Das im Schaufenster ausliegende Taschenbuch "Liebe und Tod in Havanna" soll Lust wecken für einen Aufenthalt.

Stattdessen kaufe ich bloß ein Mandelcroissant und übe mich vor der Lokalität in Konversation mit Einheimischen. Einer weist mich darauf hin, dass der Gewittervolksmund mit dem Ratschlag "Buchen sollst du suchen" nicht die Wahrheit sagt. "Buuche und Tanne meide!", sagt der Oberrieder.

Als ich ihm von meinem Plan erzähle, Feldberg, Schauinsland und Roßkopf hintereinander zu erklimmen, beobachten seine Augen meinen Mund seitwärts gerollt, so dass sie ihr Weißes zeigen. Der Mann mit dem Hut scheint etwas anderes sagen zu wollen, weist mich dann aber auf ein lokales Kuriosum hin.



Hinter der Kirche züchtet der Pfarrer Lamas. Pfarrer spricht man in Oberried "Pfaah-Rr". Die Lamas schaue ich mir an. Sie springen tatsächlich flink auf der Wiese herum.



11 Uhr, Zastlertal

Was liest man hier, am sprudelnden Stollenbach, fernab von Tour de France und Blutdoping? Man liest Perry Rhodan, Heft Nummer 2395, "Die Gen-Sammler".



11.15 Uhr: Grundschule Zastler

Auf dem Gebäude, in dem gerade unterrichtet wird, steht: "Aus Quellen der Heimat weist Wissen uns Wege." 70 Kinder schöpfen dieses Jahr aus diesen Quellen. Die Mädchen spielen auf dem Pausenhof noch Gummitwist.



12.30 Uhr: Auf dem Weg zum Rinken (1196 Meter)

Im Nachhinein betrachtet ist dies vielleicht der ekligste Anstieg der Tour, auch wenn der Bodenbelag angenehm zu fahren ist. Eine kleine, einspurige Asphaltstraße, die später zu einem Waldweg wird, schlängelt sich, teils in Serpentinen, das Zastlertal hinauf. Ich begegne niemandem. Obwohl ich zusehends an Höhe gewinne, wird es immer wärmer. Ich schwitze. Oben am Rinken vespere ich zwischen gelbem Enzian, Arnika und einem rotrandigen Porling.



13.15 Uhr: Am Feldberg

Ich habe die Sonnenbrille vergessen und dafür zuviel warme Kleidung eingepackt, die meinen Rucksack unnötig erschweren. Je näher ich dem Gipfel komme, desto stärker riecht es nach Kräuterbadewanne. Nur ab und zu schießt der stechende Geruch frischen Ziegenkots in die Nasenflügel. An einem Brunnen fülle ich die Wasserflasche auf. Jetzt wird es länger keinen mehr geben.



13.45 Uhr: Feldberggipfel (1495 Meter)

Das erste Ziel ist erreicht, das Panorama so, wie es sich für den höchsten Berg vom Zwarte Woud (niederländisch für Schwarzwald) gehört. Ich lege mich ins Moos und denke an den "Geisterbesuch auf dem Feldberg" von Johann Peter Hebel. In diesem Alemannischen Gedicht von 1820 geht es um einen Jüngling, der sich auf dem Feldberg verläuft und um Mitternacht einem Engel begegnet. Dieser erzählt dem Jüngling, dass es besonders zwei Laster sind, die den Menschen quälen: der Irrgeist und der Ploggeist.

Der Irrgeist wohnt im Wein: "D'Brucke schwanke, d'Berg bewege si, alles isch doppelt. Nimm di vorem in Acht!"

Vorsichtig nippe ich an meinem Gipfelstürmerpils und blicke hinüber zum Feldbergturm. Ich finde, er sieht ein wenig aus wie der Roboter aus dem "Talk"-Video von Coldplay.



15 Uhr: Westweg, vorm Stübenwasen (1241 Meter)

Ich folge der roten Raute über eine leicht wellige Loipe. Unten im Tal kochen die Hasen Kaffee. Ein Spruch eines älteren Freundes, immer dann gedropt, wenn Wolken aus dem Tann hochzudampfen scheinen. Noch bin ich guter Dinge und froh, mit dem härtesten Brocken begonnen zu haben.



16 Uhr: Zwischen Notschrei und Schauinsland (1284 Meter)

Am Notschrei gelange ich wieder auf Asphalt. Inzwischen fahre ich prolligerweise oben ohne, was mir einen leichten Sonnenbrand an den Schultern bescheren wird.

Den Schauinslandturm spare ich mir, aber ich fahre heran bis zum Parkplatz. Dann kehre ich um, weil ich am schöner gelegenen Gießhübel eine Pause einlegen will. Ich esse einen Happen und lese die Bildzeitung, deren Redakteure das "Elsaß" immer noch mit ß schreiben. Über Headlines wie "KLÖDEN: Jetzt ist der Toursieg drin" schlafe ich ein.



18 Uhr: Kaltwasser (etwa 950 Meter)

Während der ungefederten Abfahrt platzt der Schlauch am Vorderrad. Ungelegener als Platten sind eigentlich nur Herpesbläschen und Umzüge. Ich habe einen Ersatzschlauch dabei. Dennoch Zeitverlust.



20 Uhr: "Pennerhüttle" am Rosskopf (etwa 600 Meter)

In der Wiehre lege ich einen Boxenstop ein, trinke einen doppelten Espresso und eine Cola. Ein bisschen Doping muss sein. Den flotten Dreier will ich nach Zweidritteln nicht sausen lassen. Ich beiße mich den Hirzberg hinauf, den schmalen Weg oberhalb der Karthäuserstraße. Es wird zäh. Wiegeschritt. Das Herz schlägt mir nicht wenig. Mein Gehirn reagiert nur noch auf die primitivsten Befehle. Im Discman eine alte Aerosmith, "Love in an Elevator". Schön wär's.



20.30 Uhr: Rosskopfturm (737 Meter)

Einen Tacho habe ich keinen. Ich weiß nicht, wieviele Kilometer und wieviele Höhenmeter das heute gewesen sind. Aber ich spüre jeden von ihnen in den Oberschenkeln. Wobei das Kribbeln in den Beinen erst später kommen wird, wenn ich im Bett liege. Hier oben am Ziel überwiegt das stille Glück.

Dieses Foto hat ein freundlicher Turmbesucher gemacht, dessen Name ich nicht kenne.

Manchmal ist es so auf Bergen: Man erzählt sich allerhand und sieht sich dann nie wieder. Auf diesem Weg: Alles Gute für Burghausen!



21.15 Uhr: Sonnenuntergang über den Vogesen

Es ist ein langer, einsamer Tag gewesen. Er wird mir im Gedächtnis bleiben. Bevor ich die ersten Stufen des Rosskopfturms zum Abstieg betrete, schaue ich ein letztes Mal gen Süden. Da glänzt die kahle Kuppe des Belchen im Abendrot. Nun ja. Das soll dann der Klöden machen. passio fudderis finit.