Das Baden-Derby war so harmlos, dass Christian Streich einfach mit dem Zug fahren konnte

Marius Buhl

"Keine Gewalt, kein Streit, kein Ärger" – so fasst ein Polizist das Derby zwischen Karlsruhe und dem SC Freiburg zusammen. Kurios: Freiburg-Coach Streich lief nach dem Spiel einfach durch die große Bahnhofshalle:



Das Baden-Derby zwischen Freiburg und Karlsruhe war gerade eine Stunde abgepfiffen, als ein besonderer Fahrgast durch die Hallen des Karlsruher Hauptbahnhofs eilte. Freiburger und Karlsruher Fans trafen hier gerade aufeinander, ringsum beobachteten Hundertschaften der Polizei die Szenerie.


Da schritt plötzlich Christian Streich durch die Menschenmenge und taxierte die große Fahrplananzeige. "Hab’s eilig, de Zug fährt", rief er einem Jungen im Freiburg-Trikot entgegen, ließ ihn dann doch ein Selfie knipsen und bekam noch eine Frage gestellt: "Wie fanden Sie das Derby?" "Isch okee", antwortete der Trainer des Sportclubs – und viel prägnanter konnte man tatsächlich nicht ausdrücken, was in den Stunden zuvor passiert war.

Zehn Uhr morgens am Freiburger Hauptbahnhof. Viele SC-Fans strömten in Richtung der Züge, die Freiburg gen Norden verlassen sollten. Gen Norden, das hieß an diesem Fußballsonntag gen Karlsruhe. Denn dort, im Wildparkstadion, stand das badische Derby an: der Karlsruher Sportclub gegen den SC Freiburg, Nordbaden gegen Südbaden, der Tabellen-14. gegen den Ersten. Es ging also nicht nur um drei Punkte, es ging um die regionale Hoheit. Und nur in einem war man sich dabei einig: Hoffenheim, der Retortenklub aus dem Kraichgau, gehört nicht zu Baden.

Fachsimpeln im Regionalzug

 
Ansonsten trafen zwei Klubs aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein können. Das zumindest erörterten die Freiburger Fans im Regionalzug. Da wurde gefachsimpelt, dass Petersen bereits acht Tore gemacht hat, der komplette Kader des KSC dagegen nur sieben. Und dass der Gegner aus Karlsruhe seit 1990 bereits 15 Mal den Trainer gewechselt hatte, die Freiburger dagegen nur fünf Mal. Und vor allem wurden allerhand Schmähungen gefunden für den Verein, der bei den SC-Anhängern so unbeliebt ist.

Eben diese Rivalität war auch der Grund, warum die Karlsruher Polizei bereits Tage vor dem Anpfiff einen Brief an die 4000 Freiburger Fans veröffentlichte. Darin äußerte sie eine Bitte: "Keine Gewalt!" Außerdem drohte sie mit rechtlichen Schritten, falls Pyrotechnik verwendet würde. Eine Drohung, die nicht ankam. Kurz vor Spielbeginn, die Rotgekleideten hatten sich gerade mit einem schallenden "Hurra, hurra, die Freiburger sind da" angekündigt, da brannte es im Block. Ein Unbekannter hatte einen Feuerwerkskörper eingeschmuggelt und diesen angezündet. Kurz darauf zogen Rauchschwaden in den angrenzenden Sitzplatzblock.

Dorthin, wo Walter Bergmann Platz genommen hatte. Er und seine "Alten Herren" reisen seit 30 Jahren zu den Auswärtsspielen des SC Freiburg. "Seit der Zeit, als man zum Fußballspielen noch Kicken sagte und niemand wusste, was Pyrotechnik ist", sagt er und deutete auf den qualmenden Fanblock nebenan. Dutzende Baden-Derbys hat der 82-Jährige bereits erlebt – und trotz Pyrotechnik sagt er: "Früher war die Rivalität der Klubs größer, die Präsidenten Roland Schmider und Achim Stocker konnten sich ja nicht leiden. Heute ist das harmlos, alles ist eher gespielter Natur."


Walter Bergmann (links) mit seinen "alten Herren"

Gewinnen sehen wollte er die Freiburger dennoch – und war daher enttäuscht, wie sein Team spielte. "Zerfahren, kein Kampf, viel zu harmlos", analysierte er. Und etwas später: "Eigentlich hätte man sich das ganze Spiel sparen können – nur die letzten drei Minuten waren wichtig." Da nämlich traf zuerst Nils Petersen mit dem Kopf für Freiburg, ehe kurz darauf Vadim Manzon per Kopf für den KSC ausglich.

Fans werden leiser und leiser

1:1 – für Bergmann gerecht, aber enttäuschend. Die Fans im Block nebenan hatten das genauso erlebt. Hatten sie zu Spielbeginn noch gesungen und skandiert, waren sie während des Spiel leiser und leiser geworden. Nur beim Tor von Petersen sprangen und schrien sie kurz, knapp darauf erstarrten sie. Ausgleich. 1:1, die badische Machtfrage konnte an diesem Sonntag nicht geklärt werden.

Bedröppelt schlichen die Freiburger zu ihren Bussen, eingerahmt von Polizisten auf Pferden und beobachtet von Zivil-Polizisten mit Knopf im Ohr. Lust auf eine Auseinandersetzung mit den Karlsruher Fans hatte niemand. "Keine Gewalt, kein Streit, kein Ärger", fasste ein Polizist das Derby aus Fan-Sicht in Worte.

So kam es, dass die aufregendste Szene dieses Sonntags eben weit nach Spielende stattfand. Da nämlich, als Christian Streich mit seinem Rollkoffer durch den Bahnhof schritt, kurz seinen Zug nach Leverkusen zu einer Trainertagung suchte – und schließlich am Gleis eine Selbstgedrehte rauchte. Flugs standen ein paar Karlsruher neben dem Freiburger Trainer, rauchten eine Zigarette mit – und baten um ein Erinnerungs-Selfie. Harmloser hätte das Baden-Derby nicht zu Ende gehen können.

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