Das Auge kotzt mit: Das Tumblr-Blog "Sad Desk Lunch"

Manuel Lorenz

Wir tun es alle, immer wieder: essen am Arbeitsplatz, am Schreibtisch, am Computer. Manchmal zum Leidwesen des Bildschirms, der Tastatur oder der kalendarischen Unterlage, meistens zur Last unseres Gaumens oder gar unserer Seele. Das Tumblr-Blog "Sad Desk Lunch" sammelt davon jetzt Fotos – des Grauens.



Manche Bilder sehen gar nicht mal so schlimm aus. Jener liebevoll hergerichtete Salat zum Beispiel, mit Gurken, Cherry-Tomaten, Mozzarella-Bällchen und Caesar’s Dressing, der auf einem blauen Plastikteller angerichtet wurde.


Es überwiegen aber Stillleben des Ekels – Fotos, deren bloßer Anblick einem die Zunge taub werden lässt und den Gaumen umdreht: Tupperware mit Biomatsch in zig Grautönen. Ein Metalltablett, in dessen Mulden unverbindlich Speisekomponenten geklatscht wurden – Gemüsereis, grünes Dings, orangefarbenes Bums. Ramennudeln ohne Beilage in einer formunvollendeten Glasschüssel. Schleimlasagne aus der Styroporbox, Tiefkühlauflauf mit Bohnen und Cheddar für die Mikrowelle.

Auf spielerische wie Brechreiz erregende Weise führt „Sad Desk Lunch“ zwei Sachverhalte vor Augen: Erstens persifliert es den sogenannten Foodporn, also die Zurschaustellung von Essen in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram. In Anlehnung an Snuff-Movies –  Filme, die zur Unterhaltung des Zuschauers Morde aufzeichnen – könnte man diese Fotos geradezu als Foodsnuff bezeichnen.

Zweitens verweist das Blog auf eine doppelte Tristesse: eine kulinarische und eine gesellschaftliche. Natürlich ist es schneller und billiger, sich mittags Fertiggerichte „zuzubereiten“ oder Mitgebrachtes aufzuwärmen. Was einem dabei entgeht: Essensvielfalt und Sichbekochenlassen – vorausgesetzt, man arbeitet irgendwo, wo man in der Mittagspause mal eben zum Israeli, Asiaten oder Mexikaner kann, und nicht im Industriegebiet, wo man auf die Betriebskantine oder einen Supermarkt angewiesen ist.

Aber selbst dann: Wer am Arbeitsplatz isst, vereinsamt, nimmt sich die Chance, durchzuschnaufen und Geselligkeit zu pflegen. Und auch networkingtechnisch ist das Neonröhrendinner ein Grab. Spätestens Keith Ferrazzi belegte 2005 in seinem Karrierebestseller „Never Eat Alone“, dass man niemals alleine essen sollte.

„Sad Desk Lunch“ ist ein digitales Mahnmal wider das Essen am Arbeitsplatz. Eines, auf dessen Sockel geschrieben steht: Geh’ raus! Triff’ dich mit Freunden! Lern’ anderes Essen kennen – auch wenn’s mehr Zeit und Geld kostet! Und falls dir das in deinem gegenwärtigen Job nicht möglich ist: Such’ dir ’nen anderen! Oder werde der Held einer kulinarischen Tragödie.

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Übrigens: Auf Instagram taggen Nutzer ihre traurigen Arbeitsplatz-Mittagessen mit #saddesklunch. [Foto: Manuel Lorenz]