Darum müssen Freiburger Studenten bald auf viele ILIAS-Texte verzichten

Andreas Braun & Daniel Laufer

Viele Texte im Onlineangebot ILIAS der Uni Freiburg fallen ab Januar weg. Grund ist ein neuer Vertrag über die Vergütung von Urheberrechten. Ist es das Ende der digitalen Hochschule, wie Du sie kennst?

Studierende werden ab Januar auf viele Texte aus dem Onlineangebot der Uni Freiburg nicht mehr zugreifen können. Schuld daran ist ein neuer Rahmenvertrag mit der Verwertungsgesellschaft Wort. Sie vertritt die Autoren von Texten, ähnlich wie die GEMA Musiker. Der neue Vertrag regelt die Vergütung von urheberrechtlich geschützten Texten in Hochschulintranets neu – wie in Freiburg ILIAS.


Mehrere Landesrektorenkonferenzen und Hochschulen, darunter auch die Uni Freiburg, weigern sich, dem neuen Vertrag beizutreten. "Wir möchten betonen, dass die Entscheidung nicht aus Kostengründen gefallen ist", so die Freiburger Prorektorin Juliane Besters-Dilger in einem Mitarbeiter-Schreiben, das fudder vorliegt.

Was verändert sich durch den neuen Vertrag?

Nach Paragraph 52a des Urheberrechtsgesetz ("Öffentliche Zugänglichmachung für Unterricht und Forschung") konnten Dozenten den Studierenden bisher Teile von Zeitungsartikeln oder auch bis zu 100 Seiten aus längeren Publikationen zur Verfügung stellen – in der Regel für die Dauer eines Semesters. Die Bundesländer bezahlten dafür eine Pauschale.

In Zukunft aber werden nur noch die tatsächlich verwendeten Texte vergütet. So steht es jetzt in dem Rahmenvertrag zwischen der VG Wort und der Kultusministerkonferenz. Damit ist das vom Bundesgerichtshof abgesegnete neue Verfahren für die Autoren zwar wesentlich gerechter als bisher, doch stellt es die Hochschulen vor ein Problem: Die Lehrenden müssen für jeden einzelnen geschützten Text ein Dokument ausfüllen und es an die VG Wort schicken.

Warum will die Uni dem Vertrag nicht zustimmen?

Aus Sicht vieler deutscher Universitäten, darunter auch die Uni Freiburg, ist das neue Meldeverfahren nicht umsetzbar. Rektor Hans-Jochen Schiewer spricht von einem "unverhältnismäßigen und realitätsfremden zusätzlichen Aufwand".

Kritik kommt auch von der Uni Osnabrück. Sie hat das neue Verfahren bereits ein Semester lang getestet. Während die VG Wort von einem "technisch einwandfreien" und bereits vereinfachten System spricht, fällt das Urteil der Niedersachsen wenig positiv aus.

Offiziell waren nur knapp 3 Prozent der im Untersuchungszeitraum in Osnabrück genutzten Dokumente meldepflichtig. So steht es im Abschlussbericht zu dem Testlauf. Allerdings hatte fast die Hälfte der genutzten Dokumente gar keine Lizenzangabe. Das mache es schwierig, abzuschätzen, welche Werke der VG Wort überhaupt gemeldet werden müssen und welche nicht.

Die Uni Osnabrück hatte aufgrund von Erfahrungswerten aus vorherigen Semestern mit etwa 4000 Meldungen gerechnet – am Ende wurden aber nur rund 1000 gemeldet. Das neue Verfahren habe dazu geführt, dass viele Texte nicht mehr von den Dozenten selbst hochgeladen würden. Diese würden lediglich noch Literaturlisten an die Studierenden verteilen.

Ein großes Problem sei auch der zeitliche Aufwand: Die Uni Osnabrück hat eine durchschnittliche Eingabezeit von 3 Minuten und 47 Sekunden pro Text ermittelt.

Welche Folgen hat das für die Studierenden?

"Viel Literatur wird bereits über Lizenzmodelle über die Universitätsbibliothek bereitgestellt", so Uni-Sprecher Nicolas Scherger. Diese soll auch weiterhin verfügbar sein.

Auf meldepflichtige Dokumente werden Studierende dagegen erstmal nicht mehr zugreifen können. "Es gibt keine Erhebung dazu, wie viele Materialien an der Universität Freiburg genau betroffen sind", sagt Scherger. Prorektorin Besters-Dilger fordert die Mitarbeiter in ihrem Schreiben bereits auf, ihre Onlinematerialien zu überprüfen und gegebenenfalls zu überarbeiten.

Gibt es noch Hoffnung auf eine Einigung?

"Im Augenblick lässt sich nicht absehen, ob eine andere Regelung gefunden werden kann", so Scherger. Mehrere Landesrektorenkonferenzen und die Hochschulrektorenkonferenz fordern von der Kultusministerkonferenz neue Verhandlungen ein. Auch die VG Wort gilt als gesprächsbereit.

Kommt es zu keiner Einigung, sind die wahren Leidtragenden die Studierenden: Wie Generationen vor ihnen, müssten sie meldepflichtige Literatur in den Büchereien suchen, ausleihen oder notfalls kopieren – trotz des Fortschritts durch die Digitalisierung.