Darum könnte es StudiVZ bald nicht mehr geben

Markus Hofmann

Will sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg (Bild oben: vermutlich ein Fake-Profil) das StudiVZ unter den Nagel reißen? Man könnte die Klage, die Facebook gegen StudiVZ eingereicht hat, als ersten Schritt eines Übernahmeversuchs interpretieren. Der Berliner Blogger Martin Weigert (25) vertritt eine spannende These: In einem Jahr könnte es StudiVZ als eigenständiges soziales Netzwerk nicht mehr geben. Seine Argumentation:



Facebook gegen StudiVZ: Um was geht es bei diesem Konflikt?

Martin Weigert: Facebook behauptet, dass StudiVZ das Konzept und Design von Facebook kopiert beziehungsweise sehr eng daran angelehnt hat. Drei Jahre lang hat Facebook sich nicht darum geschert. Jetzt aber ist es offensichtlich Zeit gewesen für eine Klage vor einem Gericht in Kalifornien.

Warum hat Facebook nicht viel früher reagiert?

Ich denke, zunächst war Facebook nicht ernsthaft am deutschen Markt interessiert. Es ist verständlich, dass man nicht juristisch auf einem Markt vorgeht, auf dem man nicht selbst aktiv ist. Weltweit gibt es so viele Facebook-Kopien – da käme Facebook gar nicht mehr aus den juristischen Streitigkeiten heraus. Facebook hat erst im Januar 2008 seine deutsche Version gestartet – bisher nicht sonderlich erfolgreich. Da sich die User nicht so leicht von StudiVZ weglocken lassen wie von Facebook erhofft, werden jetzt andere Geschütze aufgefahren.

Du vertrittst die These, dass es StudiVZ in einem Jahr als eigenständiges Netzwerk nicht mehr geben könnte. Wie begründest du dies?

Durch die Klage hat Facebook deutlich gemacht, wo das Problem liegt. Das Problem heißt StudiVZ. Facebook muss in Deutschland die User von StudiVZ erobern, weil sich die Zielgruppen beider Plattformen sehr stark überschneiden. Facebook muss also StudiVZ aus dem Weg räumen. Die Klage ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Schritt in diese Richtung: Facebook will StudiVZ übernehmen.

Es wurden ja schon früher Gespräche geführt. Schon Ende 2006, bevor Holtzbrinck StudiVZ übernommen hatte. Angeblich gab es in den vergangenen Monaten erneut Gespräche, die aber gescheitert sind, weshalb Facebook sich nun zu diesem juristischen Schritt entschlossen hat. Entweder will Facebook dadurch den Preis senken oder die Verlagsgruppe Holtzbrinck als Besitzerin von StudiVZ in die Enge treiben. Dieser Schritt von Facebook ist ein deutliches Signal, dass sie bereit für den Kampf um StudiVZ sind.

Angenommen, Facebook würde diesen Kampf gewinnen. Was würde das für die StudiVZ-Nutzer bedeuten? Würde StudiVZ als Netzwerk in Facebook aufgehen?

Gute Frage! Dass ein Netzwerk mit 100 Millionen Mitgliedern ein anderes Netzwerk mit zehn Millionen Mitgliedern übernimmt, hat es meines Wissens nach in dieser Form noch nicht gegeben. Für Facebook wäre das eine enorme Herausforderung. Denn Facebook könnte es sich nicht leisten, dass die StudiVZ-Nutzer abwandern. Ich denke aber, dass StudiVZ langfristig als Marke nicht mehr existieren und in Facebook integriert wird.

Spiegel Online vertritt dagegen die Auffassung, dass in Deutschland immer der Klon, also StudiVZ, am Ende gewinnt.

Natürlich ist auch das nicht auszuschließen. Persönlich glaube ich aber, dass Facebook den Druck auf Holtzbrinck stark erhöhen wird, um sich entweder auf juristischem oder auf anderem Wege (aggresives Marketing, möglicherweise ein neues, sehr attraktives Übernahmeangebot) StudiVZ einzuverleiben.

Noch weiß niemand, wie mit Sozialen Netzwerken Geld verdient werden kann. Wäre ein lukrativer Verkauf nicht der beste Deal für Holtzbrinck?

Kurzfristig möglicherweise. Langfristig muss man aber auch berücksichtigen, dass zehn Millionen Nutzer einen hohen Wert haben. Holtzbrinck ist ein großer Verlag mit vielen Produkten und vielen Websites. Da bieten sich so viele Möglichkeiten der Bewerbung eigener Produkte und eigener Seiten an, so dass es aus strategischer Sicht auch sehr sinnvoll sein kann, diese große Plattform mit all den Nutzerdaten zu behalten. Angesichts der Tatsache, dass das Netz die Zukunft der Verlage ist, könnte man es als Niederlage ansehen, solch ein Netzwerk verkaufen zu müssen.

Auf Zoomer, Holtzbrincks Nachrichten-Portal für die StudiVZ-Generation, habe ich am Montag vergeblich einen Bericht über die Auseinandersetzung gesucht.

Lustig!

Zoomer will ja das News-Portal sein, bei dem die User mitbestimmen, was wichtig ist. Interessieren sich StudiVZ-Nutzer gar nicht für den Konflikt?

Ich kann mir vorstellen, dass erst ein sehr geringer Prozentsatz der Nutzer weiß, dass es diesen Konflikt gibt. Bisher wurde darüber ja größtenteils in den Wirtschafts- und Internetressorts von einigen Zeitungen, Online-Medien und Blogs berichtet.

Es gibt in diesen Tagen wenige Jugendliche, die kein Profil in einem Sozialen Netzwerk haben. Wie wird dieser Markt der sozialen Netzwerke in ein bis zwei Jahren aussehen?

Generell werden die großen, internationalen Netzwerke wie MySpace, Facebook, Bebo und vielleicht Googles Orkut immer weiter wachsen und technisch noch raffinierter. Irgendwann gelingt es diesen Plattformen, den letzten Zweifler als Nutzer gewinnen, weil all dessen Freunde über soziale Netzwerke kommunizieren. Daneben werden aber auch kleine Netzwerke existieren, die sich auf ihre Nischen und bestimmte Themen konzentrieren – wie zum Beispiel Tiere, Hundebesitzer oder Sportfreunde.

Mehr dazu:

  • Wie ist Facebooks Klage juristisch zu bewerten? Mit dieser Frage hat sich der Stuttgarter Jurist Carsten Ulbricht in seinem Blog Rechtzweinull.de beschäftigt. Seine Antwort: "Nachdem Facebook und StudiVZ offensichtlich seit einiger Zeit über einen Verkauf verhandeln, scheint es tatsächlich durchaus möglich, dass es sich bei der Einleitung des gerichtlichen Verfahrens um eine strategische Maßnahme im Zuge der Verhandlungen handelt."