Platz der Alten Synagoge

Darum kniet ein Tänzer aus Brooklyn im Gedenkbrunnen

Frank Zimmermann

Der Mann trägt den Tallit und bewegt sich im Synagogenbrunnen – langsam und ausdrucksstark: Der New Yorker Tänzer Yehuda Hyman will ohne Worte auf den Umgang der Freiburger mit der NS-Geschichte hinweisen.

Der Mann in schwarzer Hose und weißem Hemd mit großem, gelbem Judenstern auf dem Rücken, reckt, mit einem Knie im Wasser, einen Arm zum Himmel. Über den Kopf hat er einen weißen Tallit, den jüdischen Gebetsmantel, gelegt. Der Mann ist in sich gekehrt, in Gedanken versunken. Passanten am Rand des Synagogenbrunnens halten an und betrachten ihn.


Im Wasser herumtollende Kinder unterbrechen irritiert ihr Spiel. Nach wenigen Minuten steht der Mann, die Arme leicht ausgebreitet, allein im Wasser. Das ist es, was er will – aber auch nicht will. Mit seiner Aktion will der US-Amerikaner Yehuda Hyman erreichen, dass die Menschen Respekt vor diesem "Ort des Erinnerns" auf dem Platz der Alten Synagoge haben. Dazu gehört für ihn, dass das Wasser nicht betreten werden soll. Was er keinesfalls will, ist, dass die Kinder oder irgendjemand Angst vor ihm haben. Deshalb hält er respektvoll Abstand. "Ich bin in New York selbst Lehrer und unterrichte Kinder."

Es soll keine Provokation sein, auch keine Performance

Keinesfalls will er seine Aktion als provokante Performance oder Protesttanz verstanden wissen. Hyman hat kein Konzept, bewegt sich ohne Plan und ohne Worte durchs Wasser. Der Tallit lässt seine Aktion wie ein Ritual wirken. Er wolle mit dem Körper ausdrücken, was er höre und wahrnehme. Manchmal bete er – mit dem Körper. "Ich grabe Erinnerung aus", steht handgeschrieben auf einem Blatt Papier am Beckenrand. Auf einem anderen: "Wissen Sie, was hier geschehen ist?"

Der 62-Jährige kommt aus Brooklyn, New York, ist Lehrer, Tänzer, Choreograf und Dramatiker. Deutschland besucht er regelmäßig, weil er hier Freunde hat, auch in Freiburg. Im vergangenen August, damals war der Brunnen gerade eingeweiht, hat er erstmals darin gestanden. Er sei geschockt gewesen. Eine betrunkene Frau habe oben ohne im Wasser gebadet; Hunde hätten reingepinkelt, Leute darin Eis gegessen. Zeitweise habe er sich an "Karneval" erinnert gefühlt, zeitweise erinner es an einen Spielplatz. Sein Brief an den OB sei unbeantwortet geblieben.

Ein Kind habe mit dem Schuh nach ihm geworfen, ob aus Spaß oder Wut, könne er nicht sagen. In jedem Fall passe das alles nicht zur tragischen Geschichte des Ortes, zur Zerstörung der Synagoge 1938. Was hier passiere, könne er nicht verstehen, er empfinde es als Fehler. Er wolle nicht anklagen oder anprangern, aber die Stadt müsse das regeln. Der Ort sei entgegen einer vertraglichen Vereinbarung mit der Israelitischen Gemeinden profaniert worden. "Der Vertrag wurde gebrochen." Die Infotafeln würden den Horror des Holocaust nicht klar darstellen, findet Hyman. Dass noch eine digitale Tafel installiert wird, weiß er. Und dass, wie am Mittwoch, Erwachsene den Infotext lesen, ehe sie dann trotzdem ins Wasser stapfen, ist für ihn Indiz dafür, dass es nicht allein an Wissen, sondern an Respekt mangelt. "Das hier ist Geschichte", mahnt er.

In New York, meint Hyman, würde man den Wunsch der jüdischen Gemeinde achten

Yehuda Hyman ist selbst Jude. Seine Familie kommt aus Polen und wurde im Holocaust ermordet, nur der Vater konnte sich retten. Hyman ist deshalb in seinen Ansichten kein Radikaler. In New York, glaubt er, würden die Menschen sich an den Wunsch der jüdischen Gemeinden halten und das Wasser nicht betreten. Allerdings seien jüdische Gruppen und Organisationen dort eine Macht. Generell sieht Hyman auch die politische Entwicklung in seiner Heimat, den Umgang mit Fremden, kritisch. Notfalls müsse die Stadt Freiburg, um jetzt ein Zeichen zu setzen, das Wasser einfach mal abstellen, schlägt er vor – und zeigt zu den Wasserfontänen ein paar Meter weiter, wo Kinder gut spielen könnten.
Am heutigen Donnerstag, 9. August 2018, wird Yehuda Hyman am Nachmittag noch einmal im Synagogenbrunnen sein.

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