Darf man seinen Müll in die Freiburger Bächle werfen?

Marius Buhl

Am vergangenen Wochenende kam es in Freiburg zu einem Streit, den fudder-Redakteur Marius Buhl beobachtete. Ein Freiburger behauptete: "Man darf seinen Müll in Freiburg in die Bächle werfen, diese sind für die Abwasserentsorgung da." Ein anderer hielt dagegen: "Niemals, du Öko-Nazi!" Wer hat Recht?



Freitagabend, so gegen 9 Uhr. In einer schmalen Innenstadtgasse läuft ein Freiburger Twentysomething, auf dem Rücken einen Rucksack, in der Hand die Reste seines Döners. Er verschlingt diese, knüllt die Papier- und Alufolienverpackung zusammen und schleudert sie knapp vor den Beinen eines zusehenden Freiburgers ins Bächle. Dieser, etwas älter als der Müllwerfer, gerät ob des Wurfes in Rage, flucht und fragt: "Noch ganz dicht?"


Der feuert zurück: "Du hast doch keine Ahnung. Die Bächle fließen direkt in die Kanalisation, das ist Freiburgs Abwassernetz. Man darf seinen Müll in die Bächle werfen."

Der andere antwortet noch, es fällt das Wort "Nazi", dann ist die Szene vorbei. Übrig bleibt die Frage: "Darf man seinen Müll ins Freiburger Bächle werfen?"

Wie entstanden die Bächle?

Rückblick ins Mittelalter: Erstmals wurden die Bächle im Jahr 1238 erwähnt, in einer Urkunde eines Dominikanerordens, denen für ihr neues Klostergebäude in Unterlinden die "Nachlassung des Hofstättenzinses gewährt wurde." Dort steht eine Ortsbeschreibung, die wie folgt lautet: "zwischen den zwei Bächen wo die Prediger wohnen". So steht das alles im Freiburger Almanach von 1987, den Victor Kuntzemüller geschrieben hat.

Wann genau die Bächle gebaut wurden, kann heute nicht mehr genau gesagt werden, systematisch angelegt wurden sie aber wohl im Zuge des Ausbaus der Stadtmauer. Der Freiburger Historiker und Leiter des Museums für Stadtgeschichte, Peter Kalchthaler, erklärt: "Freiburg hat einen sehr kiesigen Untergrund, weswegen die Wasserversorgung schon immer schwierig war. Es gab zwar die Laufbrunnen, wegen der hölzernen Wasserleitungen war es aber sehr aufwendig, das Wasser vom Mösle in die Stadt zu leiten. Dann hat man erkannt, dass Freiburg ein sehr günstiges Gefälle hat - und hat über den Gewerbekanal Dreisamwasser in die Stadt geleitet."

Das Dreisamwasser hatte zwar keine Trinkwasserqualität, konnte aber zum Waschen und zur Viehtränke genutzt werden. Außerdem war durch das Bächle die optimale Versorgung mit Löschwasser gewährleistet. Ein Brand war für eine Mittelalterstadt schließlich äußerst gefährlich.

Bereits damals zweigte man das Wasser am Sandfangweg von der Dreisam ab. Dann floss und fließt es durch den Gewerbebach, schließlich wird es bei Oberlinden ins Bächlesystem eingespeist. Von dort fließt es durch die Stadt, später wieder in den Gewerbekanal und bei der Breisacherbrücke wieder in die Dreisam.

Müll, der in die Freiburger Bächle geworfen wird, fließt also entweder in die Dreisam und von dort in den Rhein und schließlich ins Meer (wenn er es soweit schafft) oder bleibt an einer Schleuse im Bächle hängen. Dort fischt ihn dann einer der zwei Freiburger Bächleputzer heraus.

In die Kanalisation flossen die Bächle also nie - zur Müllentsorgung  waren und sind sie nicht gedacht. Auch wenn, wie Peter Kalchthaler sagt, man früher durchaus seinen Straßenkehricht ins Bächle gegeben habe. Damals habe man das aber alles nicht so eng gesehen mit der Verschmutzung. Das kam erst etwas später. Im 16. Jahrhundert hieß es in einer Freiburger Ratsverordnung:

"Und soll nymandt dhein mist, strow, stain in die bäch schütten ..."

Raus aus Freiburg?

Heute sind die Bächle vor allem Touristenattraktion, Freiburg ist über die Landesbegrenzung hinaus für sie bekannt. Insgesamt fließen die Bächle 15 Kilometer weit durch die Stadt, 9 Kilometer davon sind offen, 6 unter der Erde.

Hätte der Beobachter der zu Beginn geschilderten Szene den Müllwerfer angezeigt, jener hätte unter Umständen sogar eine Geldstrafe bekommen können. Das Verschmutzen von Gewässern ist laut §324 Strafgesetzbuch sogar ein Straftatbestand. Glück hatte der Verschmutzer, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben. Damals wurden Störenfriede unter Umständen gar der Stadt verwiesen.

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[Foto: Carolin Buchheim]