Darf man eigentlich auf der Blauen Brücke sitzen?

Franziska Kiedaisch

Die letzten Sommeruntergänge kann man bei Bier und Wein auf der Blauen Brücke besonders gut genießen. Das Ausblicks-Idyll wird allerdings immer wieder von der Polizei unterbrochen, die Brückensitzer höflich von den Bögen bittet und deren Personalien feststellt. Grund genug für fudder-Autorin Fanny einmal der ewigen Frage nach zu gehen: Darf man eigentlich oben auf den Bögen der Wiwili-Brücke sitzen?

Ich beginne mit einem Geständnis: Ich saß noch nie auf solch einem Brücken-Bogen. Das liegt vor allem an meiner Höhenangst, die sich in den letzten Jahren ohne mein Zutun stetig weiterentwickelt hat. Vier Meter Höhe und der waghalsige Aufstieg über den Bogen selbst – das ist mir persönlich der gute Ausblick dann doch nicht wert.


Mutigere Freiburger als ich frequentieren die Wiwili-Brücke jedoch gerne und häufig. Die Bögen werden sowohl von romantischen Sonnenuntergang-Beobachtern, wie auch von Eisenbahn-affinen Zeitgenossen, die das industrielle Flair zu schätzen wissen, genutzt.  Schließlich gibt es keine Verbotsschilder, die einem das Sitzen auf den Brücken-Bögen untersagen. Und doch: Die Beamten der (Bahnhofs-) Polizei sprechen neuerdings Verwarnungen aus, wenn sie Personen dort sitzen sehen – das kostet zwar nichts, aber unangenehm ist es trotzdem. Das wirft die Frage auf : Darf man nun dort oben sitzen oder nicht?

Die Wiwili-Brücke ist seit dem Jahr 1978 Eigentum der Stadt Freiburg, ein Anruf bei der städtischen Pressestelle sollte also schnell Klarheit verschaffen. Dort weiß man es zwar nicht so ganz genau, das Hinaufklettern auf die Bögen wird aber mit dem Aufstieg auf den Münsterturm verglichen – und ich werde weiter verbunden mit dem städtischen Garten- und Tiefbauamt.



Die Frau am anderen Ende der Leitung, Frau Kurze, ruft nach einer Erkundigungsrunde umgehend zurück und weiß dann Bescheid: „Das sitzen auf den Brücken-Bögen der blauen Brücke ist verboten“, sagt sie. Das gehe einher mit dem Schutz der Öffentlichkeit, denn schließlich befänden sich unter der Brücke die Bahnschienen und außerdem würde die Brücke von Fahrradfahrern und Fußgängern genutzt.

„Wenn die Polizeibeamten jemanden dort oben sitzen sehen, dann werden die betreffenden Personen angesprochen und über die Risiken aufgeklärt“, sagt Frau Kurze. Vor allem die Gefahr, die von herabfallenden Gegenständen ausgehe, sei dabei zu berücksichtigen: „Wenn Dinge auf die Schienen geschmissen werden, dann reagieren natürlich auch die Beamten anders“, sagt sie.

Schutz der Öffentlichkeit durch die öffentliche Hand also – nur kann der nicht umfassend gewährleistet werden, denn: „Wollten wir sicher stellen, dass keiner dort hochklettert, so müssten wir rund um die Uhr Beamten vor Ort haben. Das können wir uns einfach nicht leisten“, sagt die Mitarbeiterin des Garten- und Tiefbauamtes.

Rechtlich geregelt wird das Eingreifen in den sogenannten Polizei- und ordnungsrechtlichen Generalklauseln, die je nach Bundesland ein wenig variieren, im Kern aber den gleichen Inhalt haben: Die vorsorgliche Abwehr von Gefahren. In Paragraph 1 der Klausel für Baden-Württemberg heißt es beispielsweise: „Die Polizei hat die Aufgabe, von dem einzelnen und dem Gemeinwesen Gefahren abzuwehren, durch die die öffentliche Sicherheit oder Ordnung bedroht wird, und Störungen der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung zu beseitigen, soweit es im öffentlichen Interesse geboten ist .[...]“

Die Rechtslage ist also klar: Präventiv sollen die Freiburger vor sich selbst und anderen geschützt werden. Und ein wenig verstehen kann man das wohl auch: Nüchtern mögen die Brücken-Bögen bezwingbar sein, doch wird das Herunterklettern durch die in vier Metern Höhe genossenen Substanzen ein manches mal erschwert.

Nur: warum gibt es dann kein Verbotsschild an der Brücke? Auch hier hat Frau Kurze eine Antwort: „Dann müssten wir ja an jedes öffentliche Gebäude Verbotsschilder anbringen. Das Hinaufklettern auf die Wiwili-Brücke ist eine mißbräuchliche Nutzung öffentlichen Eigentums. Und dafür brauchen wir nicht noch mehr Schilder!“ 

Der gesunde Menschenverstand also wieder – dank Höhenangst stellt der sich mir in diesem Punkt wohl nie in den Weg.