Darf eine ehemalige Terroristin Lehrerin sein?

Helena Barop

In Bremen unterrichtet Susanne Albrecht an einer Grundschule Migrantenkinder in Deutsch. 1991 wurde sie zu 12 Jahren Haft verurteilt, weil sie an dem Mord an Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto beteiligt war. Seit 1996 ist sie auf Grund einer Kronzeugenregelung wieder auf freiem Fuß. Darf eine ehemalige RAF-Terroristin Kinder unterrichten? Helena hat im St.-Ursula Gymnasium nachgefragt.



Im Klassenzimmer

Der Deutschkurs der Klasse 12 am St.-Ursula Gymnasium spricht eigentlich gerade über Kafkas "Prozess". In einer Verschnaufpause reden sie bei fudder darüber, ob Susanne Albrecht als Lehrerin unterrichten darf.

"Ich finde das irgendwie schwierig einzuschätzen. Einerseits finde ich das schon krass, wenn man weiß, dass das eine Frau ist, die Morde begangen hat und dann ist sie Lehrerin. Aber es kann ja auch sein, dass sie das bereut. Menschen ändern sich. Deshalb sollte man ihr die Chance geben, normal weiterzuleben."

"Der Mord war ja eine Auflehnung gegen das damalige System. Das ging gegen die Politik und hatte nichts mit Kindern zu tun. Sie war ja keine Kinderschänderin sondern sie hat ja politisch gehandelt. Deshalb würde ich das jetzt nicht so bedenklich finden."



"Es ist vor allem die Frage, wie sie über die Vergangenheit denkt und wie sie damit umgeht. Wenn sie das im Nachhinein kritisch betrachten kann und in der Lage ist, neutral darüber zu sprechen, dann ist es was anderes, als wenn sie gar nicht einsieht, was sie gemacht hat oder nicht richtig damit umgehen kann."

"Jetzt, wo das rausgekommen ist, wird das natürlich aufgebauscht und die Eltern denken vielleicht 'Oh Gott, mein Kind ist da bei einer ehemaligen Terroristin im Unterricht!', aber vorher ging es ja auch gut. Also ich finde diese Angst übertrieben, dass auf einmal irgendwas passiert."
"Dass das jetzt für den Wahlkampf in Bremen so missbraucht wird, das ist nicht in Ordnung. Sie ist auch ein Mensch, und zwar eine deutsche Bürgerin, und hat auch ihre Rechte."

"Ich denke, dass ein Lehrer einen bei der Meinungsbildung schon sehr beeinflusst, weil er einem einfach Perspektiven eröffnet, die man vielleicht als Kind oder als Jugendlicher so gar nicht wahrnimmt. Die Eltern und die Lehrer sind, glaube ich, die Gruppen, die am meisten auf die Meinung von Jugendlichen einwirken. Es würde schon etwas ausmachen, wenn so jemand im Unterricht ihre Meinung an die Schüler weitergibt."

"Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass diese Lehrerin vor einer Klasse steht, und die Klasse weiß, dass diese Frau schonmal an einem Mord beteiligt war... da wissen bestimmt viele nicht, wie sie damit umgehen sollen. Außerdem gibt es auch viele Schulen, wo die Lehrer gemobbt werden. Wenn sie dann vor einer Klasse steht, wo die pubertierenden Schüler zu ihr sagen 'Hey, du Mörderin', dann könnte das schon zu Problemen führen."



Im Lehrerzimmer

Bei einer Tasse Kaffee zwischen den Schulstunden haben auch die Gemeinschaftskundelehrer der Schule etwas zu diesem Thema zu sagen.

"Ich würde nicht prinzipiell ablehnen, dass Frau Albrecht unterrichten darf, sofern sie die Staatsordnung, so wie sie ist, akzeptiert. Eine Voraussetzung wäre, dass sie sich von ihrem ursprünglichen Weg tatsächlich losgesagt hat aber ansonsten sollte man eigentlich jedem eine Chance geben, die Fehler von früher wieder gut zu machen. Man sollte aber ein paar Jahre lang ein besonderes Auge auf sie und ihren Unterricht werfen, denn ich glaube schon, dass man für viele Schüler dann doch prägend sein kann" - Manuela Hartmann (Geschichte, Politik und Englisch)

"Wenn jemand nach wie vor die umstürzlerischen Ziele der RAF verfolgt, die nicht vereinbar sind mit unserer Grundordnung, dann kann man ihn nicht zum Staatsdiener machen. Aber sobald er oder sie sagen kann 'ich habe eine  Wandlung hinter mir, ich erkenne die Fehler meines Weges und ich bin jetzt bereit im Namen des Grundgesetzes tätig zu sein', finde ich das in Ordnung. Einge gewisse Kontrolle ist aber nötig. Ein Lehrer soll ja in besonderem Maße dazu erziehen, dass die Kinder unsere Grundordnung kennen und schätzen lernen. Damit ist eine besondere Verantwortung verbunden."- Thomas Ernst (Französisch, Geschichte und Politik)

"Ich find das ziemlich daneben, dass das jetzt im Wahlkampf aufgenommen wird  von der CDU. Frau Albrecht unterrichtet ja schon länger und alle sind zufrieden mit ihr. Ich finde sie kann weiterhin unterrichten, sie hat diese Chance verdient. Ich finde es nicht gut, dass der Fall politisiert wird. Im Wahlkampf hat das nichts verloren. Die Reaktion der Schule ist wohl so, dass Frau Albrecht gute Arbeit leistet. Es besteht keine Gefahr, dass sie die Menschen in irgendeiner Form instrumentalisiert oder zum Kampf gegen die Bundesrepublik aufruft." - Klaus Valentin (Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde)