Danquart: Wieder versuchen, besser scheitern

David Weigend

Pepe Danquart bringt am 22. März "Am Limit" in die Kinos, den letzten Teil seiner exzellenten Sporttriologie ("Heimspiel", "Höllentour"). Das jüngste Dokudrama zeigt Leistung und Innenleben der beiden Extremkletterer Alexander und Thomas Huber. Bei fudder spricht Danquart über das Wachsen an der eigene Angst. Außerdem erläutert er die große Frage nach dem Glück.



Welchen Bezug hatten Sie als Kind zu Bergen?

Einen sehr großen. Ich bin in Singen aufgewachsen. Meine Eltern haben mich schon früh zum Skifahren in die Schweizer Berge mitgenommen. Mein Vater hat mir neulich erzählt, ich sei zum ersten Mal als Vierjähriger auf dem Feldberg auf Skiern gestanden. Kann ich mich natürlich nicht dran erinnern. Der Bezug zu den Bergen ist geblieben. Ich war im Skiclub, bin auch viel gewandert. Am liebsten im Bergell und im Engadin.

Abfahrt oder Skitouren?

Eher Skitouren. Mit Anfang 30 habe ich die Haute Route versucht. Bin dann leider abgestürzt. Es war sehr steil und der Schnee sehr tief. Es hatte ununterbrochen geschneit. Die Bindung hat sich in einem Schuh gelöst. Ich musste immer aus dem Schnee raus, um den Schwung einzuleiten. Plötzlich hatte ich keine Skier mehr an, beschleunigte mich quasi mit der Energie eines Katapults, flog auf einen Felsen zu, schlug mit dem Kopf auf und lag ein paar Minuten ohnmächtig da.

Offenbar waren Sie nicht allein.

Wir waren in einer Gruppe unterwegs. Ich habe mich irgendwie soweit hingekriegt, dass ich selbständig an die Bergstation gekommen bin. Dort wurde ich dann wieder ohnmächtig und wurde genäht.

In der Pressemitteilung behauptet jemand, Sie seien ein ängstlicher Mensch.

Das Ängstlichsein bezieht sich mehr aufs Leben als auf die sportlichen Auseinandersetzungen. Ängste beziehen sich für mich eher auf Liebe, Freundschaft, Beruf. Dinge zu tun, die mit Risiko verbunden sind. Etwas aufgeben; sich zu einer Liebe bekennen, die schwierig ist. Ich bringe mich gern in Situationen, in denen ich nicht mehr zurück kann. Das ist eine Parallelität zum Klettern. Da gibt es auch den point of no return und nur noch den Weg nach oben. Irgendwann ist es zu spät, aufzuhören.

Gab es während der Dreharbeiten einen Moment, in dem die Gefahr des Scheiterns so groß war, dass ein Abbruch angezeigt gewesen wäre?

Abbrechen wollte ich nie. Aber es gab schon sehr kritische Situationen, in denen wir nicht wussten, ob wir den Film zu Ende bringen. Nach dem ersten Absturz von Alexander Huber mussten wir den Film abbrechen. In Patagonien hatten wir mit schwierigsten Witterungsbedingungen zu kämpfen: Starker Wind, sehr schnelle Wetterumschläge. Dazu kommt die psychische Belastung, die Einsamkeit, dort, am Ende der Welt. Die zwei Jahre der Dreharbeiten waren für mich gefühlte vier Jahre.



Weit über 20 Menschen waren vor Ort mit dem Dreh beschäftigt. Unter krassen, teils lebensgefährlichen Bedingungen. Wie sind Sie mit dieser Verantwortung umgegangen?

Deswegen die gefühlten vier Jahre. Das war schon ein extremer Druck. Es ist manchmal schlimmer, jemanden am Abgrund balancieren zu sehen, jemanden in der Wand hängen zu sehen, als selber drin zu sein.

Bergfilmen als Angsttherapie?

Ich habe mich ja freiwillig in diese Situation gebracht. Eine Therapie ist das letztlich nicht mehr, sondern nur noch Wachsen. Sicherlich ist Angstbewältigung das große Thema dieses Films. Man merkt, wie stark man wachsen kann. An den Zielen und an den Träumen, die man sich erfüllen möchte.



Das Limit scheinen Sie ja nun erreicht zu haben. Und jetzt?

Als Grenzgänger kommt man eigentlich nie richtig irgendwo an. Der Alpinist Reinhard Carl hat das mal treffend formuliert. Du bist oben am Berg und denkst, du seist am Ziel. Und dann kommt dieses Loch danach; diese Unruhe, wieder los zu gehen. Ich glaube, ein wenig ist das in meinem filmischen Schaffen auch so. Die Suche nach dem Ich, nach dem Glücksgefühl, das man immer wieder haben möchte, das Gefühl, über sich hinaus zu wachsen - das ist schon ein Lebensmotiv, das mich vorwärts treibt. Ich befürchte, dass ich nie ankomme.

Samuel Beckett hat mal geschrieben: "Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern."

Ja. Mein ganzes Leben hängt so zusammen, dass ich immer versuche, besser zu scheitern, als zuvor. Wirklich angekommen bin ich noch nie. Immerhin, "Am Limit" erreicht in vielen Punkten all das, was ich mir erträumte. Aber das ist nicht der Endpunkt. Ich kann aus dieser Periode meines Schaffens nicht mein Glücksgefühl beibehalten. Glücksmomente sind vergänglich. Aber diese Momente will man immer wieder wiederholen. Sie machen süchtig. Das habe ich auch schon bei meinem Tour de France-Film gemerkt.



Können Glücksmomente nur durch solche Extremsituationen erzeugt werden?

Zumindest bei den Kletterern geht es wohl in gewisser Weise darum, eine Todesnähe zu suchen und dadurch dann das Leben stärker und intensiver zu fühlen.

Welche Opfer mussten Sie bringen für das Glück "Am Limit"?

Man ist oft einsam. Diese Einsamkeit habe ich als entbehrungsreich empfunden. Ein wichtiger Punkt aber auch in meinem Leben: ob ich sowas aushalte. Wir wollten diesen Film in sieben Wochen drehen und haben anderthalb Jahre gebraucht, hauptsächlich wegen der Stürze. Ich war physisch und psychisch am Limit.

Wie gefällt Ihnen der Film "Cliffhanger"?

Furchtbar. Weil er mit der Realität sehr wenig zu tun hat. Da wird die Actionschiene gefahren, spektakulär, klettertechnisch ist das aber nur zum Lachen.

"Am Limit" dokumentiert mit erschreckender Genauigkeit einen Sturz von Alexander Huber.

Für den Kameramann, Franz Hinterbrandner, war es der schrecklichste Moment bislang. Er will so etwas nie mehr erleben müssen.