Damien Rice in Strasbourg: "Sch!"

Markus Steidl

Normalerweise sind wir um Aktualität bemüht. Heute erscheint eine Kritik mal 12 Tage nach dem Konzert, quasi im Tempo des Musikexpress - in diesem Fall, weil der Text von Markus Steidl erstmal im digitalen Nirvana verschwunden ist. Das verzögerte Erscheinen tut dem Artikel aber keinen Abbruch.



Straßburgs Laiterie und Damien Rice, völlig ausverkauft. Ein Freudenfest für die Ohren, eher ein Pilzesammeln für das Nervenkostüm.

Zuallererst stellt sich die Frage, warum es bei vielen Konzertgängern ein Kultursystem gibt, das ihnen befiehlt, sich bereits einen halben Tag vor Öffnung der Türen ums Einlasstor zu scharen. Drinnen mischt sich ja eh alles wieder, und ob man einen unbedingten Vorteil hat, wenn man als Fünfter von 20 Menschen statt als Zehnter in einen Raum einmarschiert, ist schwer zu beantworten.

Sehr leicht hingegen ist das Durchschnittsalter der Ersten in der Schlange abzuschätzen, das sich irgendwo zwischen 14 und 18 einpendeln dürfte. Allen Befürchtungen zum Trotz sind aber auch eher jüngere Franzosen Meister im vorbildlichen Schlangestehen, so dass es sich nicht nervenaufreibend gestaltet, den Weg ins Innere zu finden. Positiv zu bewerten (und das von einem Raucher!) ist, dass absolutes Qualmverbot herrscht, so dass die Luft im Saal angenehm frisch bleibt. Das Bedürfnis, zu rauchen, kommt kaum auf, außer vielleicht bei den Magic Numbers einmal kurz.



Diese sind eine britische Band, die aus zwei Geschwisterpärchen besteht (also zwei Männern, die jeweils eine Schwester mitbringen).

Die Haarlänge ist insgesamt ein wenig über dem Durchschnitt, so wie auch andere Eigenschaften, die nicht näher benannt werden müssen. Ihre Musik ist ein gemütlicher, etwas schnulziger Indie-Pop, der durchaus gute Gitarrenparts aufweist, aber genauso häufig einfach Kariesgefahr beinhaltet, aufgrund seiner übertriebenen Süße: der Sänger hat eine ähnlich niedliche Stimmlage wie Kristín Anna Valtysdóttir von der isländischen Band Múm, und das ist ja irgendwie schon ein bisschen zuviel des Guten.

Außerdem auffällig ist hier, dass sie, obwohl sie bereits ein zweites Album veröffentlicht haben, fast ausschließlich Songs von der ersten, selbstbetitelten Platte spielen. Aber so hui und up-beat das auch manchmal ist: Während vorne schon ein wenig mitgewippt wird, versetzen sich die hinteren Reihen in eine selbstinduzierte Salzstarre. Dies ist vor allem deswegen ein wenig seltsam, als dass sehr viele Besucher den „Venue“ bereits vor dem Auftritt von Damien Rice verlassen.



Was natürlich, wie zu erwarten war, ein riesiger Fehler ist. Damien Rice sieht aus wie der Ire, als den man ihn sich vorstellt, ein bisschen lockige Haare, ein helles Jackett, Bartstoppeln, natürlich erkennt man die Sommersprossen auf die Entfernung nicht, aber man kann sich sicher sein, dass sie da sind. Seine Band ist groß: Kontrabass, Cello, Schlagzeug und Gitarre gehören außer ihm zur festen Besetzung, des Weiteren die Sängerin Lisa Hanningan, deren rauchige Stimme auffällig gut zu allem passt, nur nicht zu ihrem zierlichen Erscheinungsbild.

Die Cellistin Vyvienne Long ist zu Anfang sehr versteckt, wird aber dann ins Rampenlicht gestellt, als sie mit ihrem Instrument eine Cover-Version des White-Stripes-Stücks „Seven Nation Army“ vorträgt. Es ist ja nicht so, dass das kein gutes Lied wäre, nur leider hat man in letzter Zeit genügend Live-Covers davon zu hören bekommen (u.a. von Jan Delay in Karlsruhe-Durlach), um das sehr stark wertschätzen zu können.

Damien Rice ist souverän und humorvoll, widmet „Older Chests“ einem Freund, der in Straßburg lebt, und erzählt die Geschichte davon in einem nicht ganz lupenreinen, aber immerhin kommunikationsfähigen Französisch, das er sich ohne Zweifel von keinem seiner wortklaubenden („bonjour“ – „merci“ – das wars.) Rockstarkollegen abgeschaut haben wird. Er präsentiert jeden einzelnen Song souverän, wie „Coconut Skins“, der in einem Stammesgetrommel endet, das jedoch gerne ein paar Minuten kürzer hätte sein können.

Es ist sehr bezeichnend für das Publikum, welches den Ausverkauf mit bedingt hat, dass die epidemisch um sich greifende Mitsingerei selbstverständlich erst bei „The Blower’s Daughter“ beginnt. Zugegebenermaßen wird das hinterher fortgeführt, also muss angenommen werden, dass die meisten auch mehr als dieses Lied schon einmal gehört hatten, aber sämtliche Zweifel über den Film „Hautnah“ als Trigger der damien-riceschen Bekanntheits-Explosion dürften nun von einem einzigen sanft angespielten E-Dur-Akkord aus dem Weg geräumt worden sein.



Ein sehr schönes Konzert, im Übrigen auch überhaupt nicht einschläfernd, weil diejenigen Lieder, die auf dem Album schon mit Schlagzeug untermalt waren und etwas schneller anmuteten, live wirklich sehr laut und energetisch herübergebracht wurde.

Ein immerwährendes Manko an der Straßburger Laiterie ist eben das Publikum, wie schon damals bei den Two Gallants. Es wird geredet, was das Zeug hält, gerufen und geschrien. Nicht einmal sein erstes Lied lässt man den armen Jungen ungestört beginnen. Im Gegensatz zum Two-Gallants-Konzert im Club ist das Publikum im großen Saal aufgebrachter, und versucht sich gegenseitig mit lauten „SCH!“-Tönen ruhigzustellen, was zweckmäßig eher glücklos, aber mindestens genauso störend ist.

Man kann eben nicht alles haben.