DailyBooth: Wie Twitter und Facebook, nur anders, irgendwie

Christoph Müller-Stoffels

Für die einen ist es "the next big thing on the internet", für die anderen eine neue Möglichkeit, sich zu exhibitionieren und seine Zeit auf die dämlichst denkbare Weise zu verschwenden. Allerdings kann niemand behaupten, dass DailyBooth eine schlechte Idee ist. Wir haben die Seite gestetet.



Der Tagesanzeiger nennt es „das heisseste Internetphänomen“ und prognostiziert, dass DailyBooth (dt. tägliche Ausstellung) das Internet nachhaltig beeinflussen, ja verändern könnte, wie das einst Facebook und Twitter taten. Die Idee der Gründer Jon Wheatley und Ryan Amos ist ähnlich simpel, wie die beiden erfolgreichen Dienste, erweitert um einen visuellen Aspekt.


DailyBooth bietet die Möglichkeit, Fotos hochzuladen und einen kleinen Kommentar zu hinterlassen. Oder auch einen größeren. Die Twitter-Beschränkung auf 140 Zeichen gibt es nicht. Die meisten Fotos kommen von Webcams oder Mobiltelefonen, weshalb Techchrunch bereits mutmaßte, dass das iPhone 4 einzig für DailyBooth gemacht worden wäre. Foto schießen, Kommentar einfügen, posten.

Der Zugang ist einfach. Registrieren, fertig, los. Fotos kann man entweder mit der Webcam schießen oder aus anderen Dateien hochladen – nach urheberrechtlichen Dingen wird nicht gefragt. Und auch sonst ist die Hemmschwelle niedrig. Nickname genügt, der Account muss nicht verifiziert werden, und ob man auf den Bildern nur seine Genitalien zeigt, nun ja... Die „Community Guidelines“ beginnen damit, dass DailyBooth wunderbar geeignet sei, das eigene Leben zu dokumentieren und mit anderen zu teilen. Zwar solle man nicht zu viel Haut zeigen, aber das wird nur über die Report-Funktion kontrolliert.

Im Vordergrund steht der Gedanke, sein Leben zu dokumentieren. Und auf diesem Gedanken fußt auch das Projekt, das eine Idee des New Yorker Künstlers Noah Kalina aufgreift und quasi tausendfach reproduziert. Kalina hatte sich über sechs Jahre täglich fotografiert und aus den Fotos ein Video zusammengestellt, das auf YouTube große Erfolge feierte. Knapp 16,5 Millionen User haben sich die 5:45 Minuten musikunterlegter Künstlerfotos angeschaut.



„Man muß sich darauf gefaßt machen, daß so große Neuerungen die gesamte Technik der Künste verändern, dadurch die Invention selbst beeinflussen und schließlich vielleicht dazu gelangen werden, den Begriff der Kunst selbst auf die zauberhafteste Art zu verändern.“ Walter Benjamin schickt dieses Zitat von Paul Valéry seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ voraus. Ob die beiden in den 1930er Jahren dabei schon an DailyBooth oder zumindest an Kalinas Kunstwerk gedacht haben?

Die Frage ist auch, ob DailyBooth in die Kategorie "Kunstwerk" einzuordnen ist, oder ob es die reine Befriedigung des exhibitionistischen Triebes darstellt, für den das Internet schon immer Raum bot und vielleicht immer mehr bietet. Denn einerseits ist das Geschrei groß, wenn Soziale Netzwerke ihre Datenschutzrichtlinien verändern (Wer weiß denn wirklich, worin die Änderungen bestehen? Wer liest Datenschutzrichtlinien?), zum anderen werden auf Facebook, Twitter und nun auch auf DailyBooth mit Foto die unwichtigsten Intima gepostet.

Sicher ist, dass ein Markt für DailyBooth besteht. Die fünf Regeln, um ein guter „Boother“ zu sein, sind mehr oder minder gute Wünsche und erinnern an die „big six“, die einst für die virtuelle Welt Second Life aufgestellt wurden. Wahrscheinlich benötigt man diese niedrige Zugangs-Hemmschwelle, um die User anzufixen. Später werden dann Datenschutzrichtlinien erstellt, alle Bilder rückwirkend zum Eigentum von DailyBooth erklärt und für niedere Zwecke verhökert. Dann gibt es ein paar Proteste in Form von Fotos und Posts und das Leben geht weiter.

Es ist sicherlich nicht falsch, dem Unternehmen von Wheatley und Amos eine rosige Zukunft zu bescheinigen. Es trifft den Zeitgeist, und die Verknüpfungen zu Facebook und Twitter werden ihren Teil zur Verbreitung beitragen. Und dann wird auch mit dem unhaltbaren Umstand aufgeräumt, den der Tagesanzeiger mit Entsetzen beobachten musste: „Dailybooth verfügt noch nicht mal über einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag.“ Das ist eigentlich ein Zeichen von akuter Inexistenz.

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