Dada, House und Hamburg: Interview mit Mense Reents von Die Vögel

Bernhard Amelung

Dadaistisch-intellektuelle Texte, abgedrehte Melodien und schweißtreibende Feierbeats - aus diesen Zutaten besteht die Musik der Hamburger Musiker Mense Reents und Jakobus Siebels. Damit passen sie wunderbar auf DJ Kozes Label Pampa, aber auch in Schmitz Katze, wo sie am Dienstag live spielen werden. Ein Interview.


 

Bereits die Titel eurer Platten stechen heraus. Woher kommen Namen wie "Blaue Moschee" oder "Fratzengulasch"?

Als Musiker greifen mein Kollege Jakobus Siebels und ich Dinge auf, die um einen herum passieren, an den Orten, an denen man sich gerade befindet. Der Titel die 'Blaue Moschee' ist zurückzuführen auf einen Besuch des gleichnamigen Gebäudes in Istanbul. Ich würde zwar nicht behaupten, dass ich eine tiefere Verbindung zur türkischen Kultur habe, aber das Ornamentale der osmanischen Architektur, die Wandmalereien und die Außengestaltung des Gebäudes haben mich beeindruckt. Zudem finde ich, dass 'Blaue Moschee' ein guter Titel ist für ein elektronisches Stück. Denn in der elektronischen Musik geht es oft auch um Ornamentik.

Und was hat es mit "Fratzengulasch" auf sich?

Das ist ja ein weit verbreitetes Wort aus der Afterhour-Kultur. Es ist ein sehr hartes, aber auch schönes Wort, das man als Metapher anwenden kann auf alles, was auf einer Afterhour passiert. Für mich ist das Stück jedoch kein Sich-Lustig-Machen über Menschen, die zu hart gefeiert haben. Denn diese Ebene sprechen wir überhaupt nicht an.

Davon abgesehen sind Jakobus und ich beide auch schon etwas älter und nicht mehr so die klassische Afterhour-Zielgruppe. Dass 'Fratzengulasch' als Afterhour-Hymne beschrieben wird, liegt nicht an uns. Das haben die Leute daraus gemacht. Aber die Leute können damit ja machen, was sie wollen.

Der Text dieses Stückes zielt ja auch nicht darauf ab.

Genau. Der Text ist vielmehr ein wenig Dada und quatschig. 'Ich hab' mir ausgedacht, du wirst ein Vogel sein. Wir bauen uns ein Pferd aus Knochen und aus Stein', und so weiter. Andererseits erscheint der Text zu später Stunde, wenn man schon ein wenig gefeiert hat und der Kopf schon ein wenig durcheinander ist, völlig richtig. Dann wirkt die Textebene ganz anders. Aber das ist ja gerade das Aufregende, wenn man mit Texten arbeitet. Das Kunstwerk lebt auf einer ganz anderen Ebene fort ...

Die Vögel: Fratzengulasch

Quelle: Vimeo

 

... zumal Texte in der elektronischen Musik immer auch ein wenig ungewöhnlich sind.

Texte in der elektronischen Musik bekommen eine viel größere Bedeutung als beispielsweise bei Rockmusik. Da weiß man ganz genau, dass der Sänger spätestens nach 20 Sekunden einsetzt. Aber hier ist das herrlich aufregend, wenn erst nach zwei, drei Minuten mit der Stimme als Element gearbeitet wird. Und außerdem ist es ein deutscher Text und kein englisches 'vocal'. Das finde ich total geil, weil es ein Überraschungsmoment beinhaltet. Es ist ganz wichtig, die Leute zu überraschen und spontan zu sein.

Auch die Gründung eures Musikprojekts 'Die Vögel' vollzog sich ja sehr spontan. Ihr habt das erste Mal im Rahmen der letzten Dokumenta in Kassel zusammen gespielt?

Mein Kollege Jakobus Siebels, den ich schon sehr lange kenne, hat anlässlich der Dokumenta 2007 sein Atelier nach Kassel verfrachtet und dort parallel zur Dauer der Ausstellung auf dem Gelände der Lolita Bar, einer Undergroundbar, gearbeitet. Regelmäßig hat er befreundete Künstler und Musiker zu sich eingeladen und mit denen etwas gemacht. Als ich ihn besuchte, haben die Betreiber der Lolita Bar angefragt, ob wir uns nicht ein Programm für einen Abend ausdenken wollten. Und daraufhin haben wir eben diese Band gegründet, den Auftritt gehabt, und das war's dann.

Wie ging's weiter?

Das Projekt lag ein Jahr auf Eis. Weiter ging es erst, als uns der Pudel Club in Hamburg für einen Auftritt angefragt hat. Für diesen haben wir auch das Stück 'Blaue Moschee' geschrieben.

Sind 'Die Vögel' denn eine klassische Live Band?

Man hört vielleicht, dass wir Musiker sind. Aber ich finde nicht, dass wir eine klassische Live-Band sind. Für uns waren Tuba und Flöte, die Instrumente, die auf 'Blaue Moschee' und 'Petardo' zu hören sind, anfangs ganz fremde Instrumente. Wir mussten uns Schritt für Schritt die Techniken aneignen, wie man diese Instrumente zu spielen hat. Aber das ist ja gerade aufregend, wenn man sich neue Dinge erschließen muss.



Welche Auswirkungen hat dies denn auf euren Produktionsprozess?

Am Anfang hat dies vielleicht noch den Charakter einer Jam-Session. Man probiert viel aus, experimentiert mit Klängen, Melodien und Rhythmen. Aber es ist nicht so, dass sich die fertigen Stücke nach Jam-Session anhören. Eher im Gegenteil. Unsere Musik ist Clubmusik, die mit anderem Material gemacht wird, aber es ist dennoch geloopte Musik. Denn was die Form betrifft, ist unsere Musik sehr streng.

Aber nicht, was den Inhalt betrifft. Die Klänge sind buntschillernd wie eine Pfauenfeder. Ist das eure Antwort auf die allgemeine Kritik, dass elektronische Musik langweilig sei?

Zunächst ist das eine künstlerische Entscheidung, die man im Studio und schon davor trifft. Die ersten Nullerjahre waren beispielsweise stark vom Minimal geprägt. Dann wurde der Sound plötzlich wärmer, und auf einmal ist die Rede vom House-Revival. Deep House ist in aller Munde. Das finden wir natürlich gut, weil House eine ganz tolle Musik ist. Aber schon mit Egoexpress sind Jimi [Anmerkund: der Bruder von Jakobus Siebels] und ich sehr frei und undogmatisch mit dem Thema umgegangen. Man möchte nicht wiederholen, was schon da war.

Außerdem schöpfen wir unsere Einflüsse aus vielen verschiedenen Kunst- und Musikrichtungen. Das sind die Minimal Music der Sechziger Jahre, Soul, experimentelle Musik, aber auch Punk. Zudem kommt, dass Jakobus und ich schon immer in Bands gespielt haben. Da hat man einfach einen ganz anderen Zugang zum Thema Musik.

Jakobus Siebels ist Mitglied von JaKönigJa, Du warst Teil von Stella und Die Goldenen Zitronen. Inwieweit schwingt die 'Hamburger Schule' in euer Elektronik-Projekt mit rein?

Ich würde nicht behaupten, dass das, was man allgemein unter 'Hamburger Schule' versteht, irgendwie wichtig wäre für 'Die Vögel'. Mit Ausnahme vielleicht der textlichen Ebene, der Umgang mit Sprache und Worten. Unser Hintergrund beeinflusst aber die Einstellung, mit der wir an die Clubmusik herangehen. Das Flöten-Instrumental beispielsweise ist so eine Art Punk-Idee. Letzten Endes spielen wir nur drei Noten, aber für die Leute ist es das Größte überhaupt.

Und wie wirkt Hamburg als Ort selbst auf euer musikalisches Schaffen ein?

Die Stadt Hamburg als Ort ist natürlich sehr wichtig für uns. Wir leben und arbeiten dort, gehen dort auch aus, und gerade wenn man Musik macht, ist es wichtig, wo man sich befindet. Was gibt es für Clubs, was ist das für ein Kern an Leuten, die auch Musik machen. Das Umfeld von Dial, Smallville, DJ Koze und Pampa, der Pudel Club und so weiter, das spielt auf jeden Fall eine große Rolle.

Auf Pampa sind auch eure beiden Platten erschienen. Was steht für dieses Jahr an?

Es werden Remixe für Ada und Dntel kommen, der auf Pampa gerade sein neues Album veröffentlicht hat. Seit einiger Zeit arbeiten wir auch an einem Album, wieder und immer wieder. Wir gehen an unser Album jedoch anders heran, als beispielsweise an einen Clubtrack. Ein Album muss seine Wirkung nicht zwingend auf der Tanzfläche entfalten. Da braucht die Entstehung einfach ihre Zeit. Zudem sind wir auch sehr viel live unterwegs, da verzögert sich die Arbeit auch ein wenig.

Mehr dazu:

Was: Konzert: Die Vögel (live); Support: LA Rokoko (live)
Wann: Dienstag, 26. Juni 2012, 22 Uhr
Wo: Schmitz Katze, Haslacherstraße 43, 79115 Freiburg
Eintritt: Vorverkauf via reservix: 17,45 Euro