Dabkeh: Olivenbaumtänzer mit Botschaft

Anette Bender

Freiburg will die "aktivste Stadt Deutschlands" werden. Eine Gruppe, die diesen Schweißtreibertitel in den Breisgau holen soll, heißt Al-Zeitunah. Das sind sechs Männer und Frauen, die den Nahosttanz Dabkeh beherrschen - ein Tanz, der in Palästina auch einiges über den Konflikt mit Israel ausdrückt. Ein Portrait.



Im Proberaum. Musik an, es geht los. Abdul, Ghassan und Tariq fangen an zu tanzen, sie mimen die Bewegung einer Sichel beim Ernten. Im Vordergrund sitzen Fatima, Valerie und Mariam am Boden und stellen mit fließenden Bewegungen das Mahlen von Getreide dar. Dann hüpfen die 12 Füße los.


Dabkeh (sprich: dabka) ist ein traditioneller Folkloretanz und bedeutet „mit den Füßen stampfen“. Es ist ein Gemeinschaftstanz. In Palästina, Syrien, Jordanien und dem Libanon tanzen ihn die Menschen auf verschiedenen Festen. Unterschiede finden sich im Takt, in der Art, wie man tanzt und in der Kleidung. Trommeln sind wichtig, außerdem die Laute, die arabische Zither, Flöten, Geigen und Gesang.

Wie tanzt man Dabkeh?

Männer und Frauen tanzen gemeinsam, entweder in einer Linie oder im Kreis und formen verschiedene Figuren. Die Sprünge kommen für den uneingeweihten Betrachter überraschend. Am besten beherrscht sie Ghassan Saad. Er war in Palästina Mitglied einer professionellen Tanzgruppe. In Freiburg stieß er auf Interesse und gründete Ende 2005 seine eigene Gruppe, die vor allem aus Studenten besteht und einmal die Woche trainiert.

In Anlehnung an die Herkunft des Tanzes heißt sie Al-Zeitunah. „Das bedeutet Olivenbaum, denn von denen gibt es viele in Palästina. Sie werden sehr alt und brauchen nicht allzu viel Wasser. Ich finde, das kann man heute auch gut auf das Volk übertragen“, sagt Ghassan.


Die anderen Tänzer kommen auch aus Palästina, ferner aus Algerien, dem Jemen und aus Deutschland. Ghassan brachte ihnen Dabkeh bei und entwickelte viele Schrittfolgen für sie. Fatimas Schleiertuch hat sich beim vielen Springen gelöst und Ghassan versucht eine Weile lang, ihn zu richten: „Ein arabischer Mann kümmert sich um die Frau… und es klappt nicht." Die festliche Tracht mit den typischen Stickereien haben Frauen in Bethlehem entworfen und genäht.

Der Anführer der Tanzkette wird Lawieh genannt, was „schwingen“ bedeutet, da der erste Tänzer in der Regel zum Rhythmus mit einem Tuch wedelt. Er zählt den Takt und gibt die Schritte vor: „Das ist bei großen Ereignissen wie Hochzeiten wichtig, wenn viele Leute zusammen tanzen“, sagt Ghassan. Die Grundschritte beherrsche in Palästina jeder. "Wenn wir vorher absprechen, zu welchem Musikabschnitt wir was tanzen, sieht es natürlich eleganter aus.“

Der Gesang trägt immer zu einer Geschichte bei: wenn es um Liebe geht, so kniet ein Tänzer vor der Frau hin. Wird eine Hochzeit dargestellt, tanzen beide in der Mitte zusammen. Es gibt spezielle Dabkeh-Gruppen, die mit Hilfe ihrer Figuren ganze Geschichten erzählen: sie stellen Landarbeit dar oder bringen ihre politischen Meinungen zum Ausdruck. Dann geht es um Kampf, Widerstand und Frieden am Ende.

Yallah yallah – los geht’s!

Wer tanzt Dabkeh in Freiburg? Abdul zum Beispiel. Er sagt: „Im Jemen konnte ich Dabkeh nur im Fernsehen sehen, es hat mir sofort gefallen. Mein Vater hat den Tanz in Syrien entdeckt und hat mir immer erzählt, wie schön er ist."

Das Tolle an Dabkeh sei, dass man nicht alleine tanzt, sondern seine Gefühle mit anderen teilen kann. "Für mich bedeutet es Sport, Spaß, Kultur und auf schöne Weise ein Austausch mit der westlichen Welt“, so Abdul.

Valerie ist die einzige „deutsche Deutsche“ der Gruppe. Sie hat knapp ein Jahr in Bethlehem gelebt und studiert Islamwissenschaften: „Es ist wirklich leicht zu lernen, denn es geht ja darum, dass man spontan tanzen kann und sich gemeinsam amüsiert. Wenn man als Gruppe ein paar Einlagen in die Disko mitschleppt, wird es lustig.“



"Komplizierter Konflikt"

In Palästina wird mit Hilfe des Tanzes viel vom Konflikt mit Israel erzählt: „Früher, vor über 60 Jahren, war es ein rein fröhlicher Tanz, heute ist es manchmal auch ein trauriger. Man tanzt als Erinnerung an vergangene Zeiten und an die Heimat“, sagt Ghassan.

Dennoch möchte er mit dem Tanz zeigen, dass die Palästinenser fröhliche Menschen sind. „Wir wollen Interesse wecken, so dass die Leute auf uns zukommen. Sie haben bestimmt viele Fragen zu Palästina, zur Kultur, zur Geschichte und dem komplizierten Konflikt. Wir finden, dass Dabkeh eine elegante Art ist, die Leute zu erreichen und mit ihnen zu kommunizieren.“



Die jungen Tänzer werden oft von Arabern zu privaten Festen eingeladen. Auftritte hatten sie vor allem in Deutschland, aber auch in Basel, Metz und Strasbourg. In Freiburg waren sie beim Universitätsjubiläum auf der Bühne und beim palästinensischen Kulturabend im Bürgerhaus Zähringen. Live kann man sie am 12. Juli sehen, dann treten sie bei der „Freiburger Nacht des Tanzes“ im Stadtgarten auf – im Rahmen des Wettbewerbs zur aktivsten Stadt Deutschlands.

Mehr dazu:

Was: Dabkeh mit Al-Zeitunah Wann: Samstag, 12. Juli, 22 Uhr Wo: Stadtgarten Freiburg Kontakt: ghassasaad@yahoo.de