Da simmer dabei, dat is Gewaltmusik!

David Weigend

Inwiefern handelt es sich bei Karnevalsliedern um Gewaltmusik? Sollten Fasnethits untersagt werden? Wir fragten den Fachmann. Dr. Klaus Miehling stellte sich den akustischen Angriffen von de Höhner, Bernd Stelter und anderen Stimmungskanonen.



Wir haben Herrn Dr. Miehling zu uns in die Redaktion eingeladen, um mit ihm einschlägig bekannte Karnevalslieder anzuhören und diese auf ihr gewaltförderndes Potenzial hin zu analysieren. Gern erfüllten wir den Wunsch des Musikwissenschaftlers, der darum bat, die Hörproben "nur kurz und nicht zu laut anzuspielen."


1. Höhner: Viva Colonia



Miehling: "Es beginnt harmlos mit schönen Orgelakkorden und vielstimmigem Gesang. Aber dann haut es plötzlich rein. Die aggressiven Aspekte sind hier in erster Linie im Schlagzeug hörbar, ebenso in der elektrischen Gitarre. Das Stück ist außerdem mit volkstümlichen Instrumenten gespielt, mit einem Akkordeon etwa. Doch diese Instrumente werden übertönt von einem sehr starken Beat, der doch in Richtung Poprock geht.

Die Karnevalsmusik ist immer aggressiver geworden und fördert erhöhte Gewaltbereitschaft. Ein alkoholisierter Jüngling, der so was hört, denkt, er sei ein toller Hecht und mag sagen: "Mit diesem Mädchen will ich jetzt Sex haben, selbst, wenn die das gar nicht will." Der an und für sich harmlose Text wird durch die Musik angeheizt.



2. Colör: Kölsche Mädche sin jefährlich



Erneut ist dieser Beat stark in den Vordergrund gemischt worden. Die Melodie ist nur bedingt nachvollziehbar. Der dumpfe Beat schränkt die Menschen ein. Sie können nicht mehr richtig nachdenken. Bumm, bumm, bumm. Da sitzt man in der Diskothek und bestellt noch ein Bier und noch ein Bier und noch eins.

Das Nachdenken wird niedergeknüppelt. Man kommt in eine Art Trance hinein. Der Text scheint eine Warnung zu sein: "Komm uns nicht zu nahe!" Nun, mir reicht es jetzt schon.



3. Bernd Stelter: Ich hab 3 Haare auf der Brust



Gleicher Rhythmus wie eben, auch das gleiche Tempo, der gleiche Stil. Wobei das hier mehr in die volkstümliche Richtung geht. Und wieder stelle ich eine Diskrepanz fest zwischen der Art, wie der Mann singt und dem harten Beat. Vielleicht sind diese Lieder ja schon ziemlich alt.

Nachträglich wurden sie offenbar mit dieser aggressiven Perkussion verstärkt. Die führt meiner Meinung nach zu den Ausschreitungen, die auf Karnevalsveranstaltungen immer häufiger zu beobachten sind. Natürlich spielt da auch der verstärkte Alkoholkonsum eine Rolle. Aber auch der wird ja in diesen Liedern propagiert.

4. Höhner: Dicke Mädchen haben schöne Namen



Oh, zur Abwechslung mal ein Dreiertakt. Etwas zum Schunkeln, mit gezupftem Bass unten. Erinnert ein wenig an eine Operette. Aha, und jetzt kommt wieder der Bruch. Zweiertakt, ist natürlich leichter aufzufassen. Vermutlich ist der moderne Fasnachtskonsument nicht mehr in der Lage, eine Operettenanmutung ein ganzes Lied lang auszuhalten.

Übrigens, wie alles andere bisher eine Durtonart. Gute Laune, sanguinisch. Aber der Beat ist so aggressiv, dass Dur oder Moll keine Rolle mehr spielt. Man kann gut mitsingen. Der Text, an sich nicht schlimm sondern eher lustig, wird durch die Musik vulgarisiert.



5. Hubert Wolf und seine Original Böhmerländer Musikanten: Mainzer Narrenmarsch



Den kenne ich. Und jetzt der ruhige B-Teil, fast in der Straußtradition, könnte aus dem 19. Jahrhundert stammen. Ich muss gestehen, dass ich als Kind gerne Fasnachtssitzungen aus Mainz angeschaut habe. Die Büttenreden fand ich lustig. Inzwischen sehe ich mir diese Übertragungen nicht mehr an.

Neun Jahre lang habe ich am Friedrichring gewohnt, über dem heutigen KGB, direkt an der Umzugsstrecke. Ich war schockiert, was da abging. Wägen mit riesigen Boxen, aus denen Rockmusik und Techno dröhnte. Fast, wie bei der Loveparade. In den Folgejahren bin ich dann stets davor geflüchtet. Einmal bin ich vom Regen in die Traufe gekommen, nämlich nach Bad Krozingen.

Meine Eltern haben dort in einem Wohnstift gewohnt. In 200 Meter Entfernung hatte man eine Bühne aufgebaut. Den ganzen Nachmittag lang kam das hier (Miehling klopft mit den Fingern monoton auf die Tischplatte). Richtige Rockmusik. Wie ein tropfender Wasserhahn, nur viel lauter. Das kann einen wahnsinnig machen.

Im letzten Jahr habe ich am Friedrichring wieder diesen Umzug mitbekommen. Ich war angenehm überrascht, dass sich das sehr geändert hat. Das war viel moderater. Dennoch habe ich mir Ohrstöpsel reingesteckt, die Fenster geschlossen und Cembalo geübt.

6. Pappnas: Du kannst nicht treu sein

Verrockter Schlager. Das Thema Fremdgehen scheint kritisch behandelt zu werden. Es gibt natürlich auch in der so genannten klassischen Musik Texte, die in eine ähnliche Richtung gehen.

Nehmen wir etwa die "Airs à boire" - französische Trinklieder aus dem 16. Jahrhundert. "Meine Angebetete liebt mich nicht, deswegen ertränke ich meine Sorgen in Wein." Das ist meist der topos. Aber musikalisch ist das was völlig anderes als diese modernen Liebeslieder. Generalbass, Laute, Cembalo, eine Gambe dazu. Dadurch werden die Texte, das wage ich mal zu sagen, überhöht. Die Musik kommentiert den Text. Und wenn man ein klassisches Menuett entsprechend spielt, im richtigen Tempo und so weiter, ist das für mich bewegend, mitreßend und animierend. Ohne, dass es mich vulgarisiert.

7. Bier her! Bier her!



Volksmusik im Oktoberfeststil. Auf der Münchner Theresienwise galt bereits 2005 die Einschränkung: "Vor 18 Uhr keine heiße Partymusik." Die Zahl der Delikte ist daraufhin im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent zurückgegangen. Das finde ich bezeichnend.

In Waldkirch gab es offenbar jahrelang Gewalttourismus zur Fasnachtszeit. Dies dokumentieren Zeitungsartikel. Die Zünfte sahen sich gezwungen, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Eine Maßnahme war der "Einzug vernünftiger Musik", was immer das ist. In den Gaststätten und im Narrendorf wurde "aggressiver Techno", wie er in früheren Jahren lief, untersagt.



8. Peter Sebastian: Mein Herz, das ist ein Bienenhaus

Erneut verrockter Schlager. Eintönig. Warum kehrt man nicht zu den Wurzeln zurück? Man begründet das Feiern von Karneval ja auch mit Tradition. Diese Tradition wird verpopt und verrockt. Man sollte wieder weg von der elektronischen Verstärkung, von der extremen Lautstärke. Eine Blaskapelle kann auch sehr laut spielen. Aber die braucht auch mal eine Pause.

Da gibt es eine natürliche Bremse bei dem, was der Mensch leisten kann. Pauken und Schlaginstrumente: Eine Frage des Maßes. Besonders die ersten Hörbeispiele bergen für mich Essenzen von Gewaltmusik, die es meiner Meinung nach unbedingt einzudämmen gilt.  

Mehr dazu: