Da hasch, was du verdiensch!

David Weigend

Eine Frau schüttet der Expartnerin ihres Freundes Putzwasser aus einem Eimer über den Körper und beleidigt sie aufs Übelste. Das klingt nach billig produzierter Nachmittagsunterhaltung eines Privatsenders, ist aber die gestrige Verhandlungsrealität am Freiburger Amtsgericht (Fotos nachgestellt).



Der Tathergang

Auf der Anklagebank sitzt die 32jährige Sara E. und auf dieser saß sie schon öfters. Das Vorstrafenregister der gelernten Fleischfachverkäuferin ist respektabel im angsteinflößenden Sinne: Diebstahl, Betrug, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, Urkundenfälschung, Fahren ohne Fahrerlaubnis und einiges mehr. Haftstrafen hat Sara, Mutter zweier Kinder, auch schon verbüßt. Sie weiß also ungefähr, was auf sie zukommt im Saal IV des Amtsgerichts. Gegen sie wird diesmal verhandelt wegen Beleidigung und Körperverletzung.

Am 16. Juli 2006 arbeitet Sara als Reinigungskraft in einer Pizzeria gegenüber des Freiburger Hauptbahnhofs. Nach Schichtende, es ist inzwischen nach Mitternacht, verlässt Sara die Pizzeria und geht hinüber in den Außenbereich einer Diskothek am Hauptbahnhof. Ihr Freund sitzt dort und wartet auf sie.

An den Freilufttischen befinden sich ungefähr 50 Sommerfrischler, darunter auch ein Gast, auf den Sara gar nicht gut zu sprechen ist: Die Expartnerin ihres Freunds, die 53jährige Bernadette H. Sie trinkt Kaffee, ihr 12jähriger Enkel sowie ihre Freundin Daniela komplettieren die nächtliche Runde. Sara ist wütend auf Bernadette, weil sie die Hausfrau aus Weingarten verdächtigt, sie wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis angezeigt zu haben.

Sara geht zu Bernadettes Tisch, stützt sich mit den Händen offensiv auf den Stuhllehnen ab und thematisiert diesen Verdacht. Bernadette blockt ab: "Lass mich in Ruhe. Ich will hier ungestört was mit meiner Freundin trinken." Die Freundin Daniela versucht es mit Deeskalation: "He, was soll denn des. Da streitet ihr zwei euch wegen einem Mann, der da hinten sitzt."

Dann geht es los mit dem zehnminütigen Reigen der Beleidigungen, die sich der Staatsanwalt von der Zeugin Bernadette detailliert nacherzählen lässt: "Das Wort Drecksfotze ist also gefallen. Was noch? Auch ,Hure'?" Bernadette sagt: "Sie hat mir gesagt, dass ich soo ein großes Loch hätte, weil ich schon fünf Kinder zur Welt gebracht habe. Da bräuchte ich mich nicht wundern, wenn mir der Mann wegrennt und es mit anderen Frauen treibt." Vielleicht wollte es der Staatsanwalt doch nicht so genau wissen.

Sara jedenfalls verlässt Bernadettes Tisch und kommt nach etwa vier Minuten wieder, diesmal mit einem blauen Putzeimer, dessen Volumen die Zeugin Bernadette auf fünf Liter schätzt. Der Eimer ist zu drei Vierteln gefüllt mit Spülwasser, das Sara mit Schmackes über Kopf und Oberkörper von Bernadette schüttet, mit den Worten: "So, du alte Hure, da hasch, was du verdiensch!" Bluse, Rock und Haare von Bernadette sind klatschnass. Der Putzschwamm fällt aus dem Eimer unter den Tisch und Sara verlässt umgehend die Lokalität.

Am nächsten Tag bilden sich an Armen und Beinen von Bernadette nesselartige, rote Flecken, denn die Überschüttete leidet unter einer Putzmittelallergie.



Die Ungereimtheiten

Die Angeklagte Sara E. schildert den Tathergang ganz anders. Der Eimer habe nur ein Fassungsvermögen von 0,25 Liter gehabt ("kleines Colaglas"), gefüllt sei er mit klarem Wasser und einem "Spritzer Spüli" gewesen.

Außerdem sei sie von Bernadette massiv provoziert worden mit Sätzen wie: "Du aidskranke Nutte! Der Typ nimmt dich doch nur fürs übers Bettschleifen! Geh zurück, wo du herkommst, in die Rosastraße!" Jedoch mindert Sara die Glaubwürdigkeit ihrer Verteidigung, indem sie der Richterin und den Zeuginnen immer wieder ins Wort fällt. Die Angeklagte erweckt den Eindruck einer unkontrollierten Furie. Haarsträubende Abschweifungen, theatralische Gestik und einschüchternde Mimik gehören augenscheinlich zu ihrem Repertoire.

Dazu kommt Saras Mutter, die über die Absperrung des Zuschauerraums klettert und ihrer Tochter mitten im Prozess etwas einflüstert. "Barbara Salesch" ist ein Witz dagegen. Das Gericht quittiert all dies mit einem Ordnungsgeld von 150 Euro.



Das Urteil

Das Gericht zeigt Milde und greift, nach Absprache mit der Geschädigten, den Vorschlag von Saras Anwalt auf. Das Verfahren wird vorläufig eingestellt. Sara muss Bernadette innerhalb von sechs Monaten ein symbolisches Schmerzensgeld von 500 Euro überweisen und die Beleidigte in Zukunft in Ruhe lassen.

Das schönste Zitat

Angeklagte: "Wenn das stimmt, dann fress ich ihre Füß', Frau Richterin!"

Richterin: "Nein, die frisst so schnell keiner."