currentTV: Das Fernsehen wird demokratisiert

Christian Schmidt

In dieser Geschichte beschäftigen wir uns mit der Zukunft des Fernsehens: currentTV. Und wir beschäftigen uns mit einer kuriosen Geschichte vor unserer Haustür: Golfen auf Müllhalden. Unser Videoreporter Christian Schmidt hat sich mit diesem sonderbaren Sport beschäftigen - und seinen Videobeitrag auf currentTV veröffentlicht. Wir erkären, wie das alles funktioniert.



Golfglück Eberhard ist ein Crossgolf-Club, der sich allmonatlich in der Ortenau zum Golfsport an ungewöhnlichen Orten trifft und dazu noch höchst ausgefallene Motti ausgibt. Zum Beispiel Recyclinggolfen auf der Schutthalde - Schlagabzug bei themenbezogener Verkleidung. X-Golf at the rubbish dump ist ein Film über diesen Crossgolf-Club. Produziert hat ihn unser VJ Christian, der gerade anfängt, mit dem Fernsehen der Zukunft zu experimentieren: currentTV. Sollte sein Film innerhalb der current-communitiy auf Wohlwollen treffen, dann läuft der Beitrag schon bald im amerikanischen TV und die exzentrischen X-Golfer aus der Ortenau erreichen 20 Millionen Fernsehhaushalte per Kabel-TV.


Fernsehen, das ist normalerweise eine ziemlich passive Angelegenheit, eine Einbahnstraße eben. Doch currentTV, der amerikanische Kabelsender aus San Francisco, bricht mit den Konventionen des klassischen Fernsehens, denn die Zuschauer bestimmen gleich mehrfach darüber, was über die Mattscheibe flimmern soll. Jeder der eine Kamera und ein paar gute Ideen hat, ist aufgerufen sein eigenes Programm zu produzieren und über die Internetseite des Senders ins Studio hoch zu laden.

Allerdings ist currentTV nicht der Ort, wo man mal eben seine Trashvideos loswerden kann. Bevorzugt werden journalistische Inhalte und nichtfiktionale Stories. Und nur wenn das Video ohne Copyrightverletzungen daherkommt, wird es dort in einer Video-Galerie auftauchen.

Im Gegensatz zu Medien-Plattformen wie You-Tube oder Myspace achtet currentTV nämlich penibel darauf, dass in den Videos kein geklautes Material verwendet wird. Wer ohne GEMA-Lizenz seine Lieblingsmusik auf die Tonspur knallt oder fremdes Bildmaterial verwendet, der taucht bei currentTV erst gar nicht auf.

Von Grund auf Selbermachen lautet also die Devise.



X-Golf at the rubbish dump, das ist also die Geschichte. Dreh und Schnitt, das ging leicht. Doch dann das Sprachproblem. Englischkenntnisse zwar vorhanden, doch einen Film vertonen und in einer fremden Sprache wortwitzig sein? Ein Native Speaker musste her, doch woher nehmen? Klar, die Uni. Nach längerer Suche sorgte Robert Honeywood (Fremdsprachenassistent mit Schauspielerfahrung) mit seinem Oxford-Englisch für Text und Kommentar, fertig.

Ist der Film dann hochgeladen und von der juristischen Abteilung des Senders für clean befunden, wird’s richtig demokratisch. Die Internet-User von currentTV entscheiden nun darüber, ob der Film etwas taugt und für eine landesweite Ausstrahlung im Kabelfernsehen reif ist. Es ist ein sehr kritisches Publikum und ein sehr fachkundiges. Hunderte von Gelegenheits-Redakteuren und semiprofessionellen Filmemachern schauen sich nun unseren Beitrag an, kommentieren ihn konstruktiv oder lassen ihn schlicht links liegen, geben ein begeistertes Feedback oder bewerten ihn mit einem kurzen Klick.

Wird der Film als sehenswert eingestuft, dann bekommt er vom Betrachter ein so genanntes "Greenlight". Je mehr solcher Auszeichnungen ein Film sammelt, desto größer die Chance auf eine Ausstrahlung im ?echten’ TV. Ein Verhältnis von 9 greenlights zu 68 views (Stand, Donnerstag 23:20), das ist besser, als es auf den ersten Blick aussehen mag (erfahrungsgemäß gelten 50 greenlights oder ein Verhältnis von 1 zu 8 als kritische Masse). Sollte unser Film gut ankommen, dann erreicht uns eines Tages eine freundliche e-mail von current, in der wir aufgefordert werden, unser Video in TV-Qualität nach San Francisco zu schicken.

Dieser Schritt ist zumindest für deutsche Filmlieferanten etwas knifflig. Zum einen technisch, denn die TV-Standards in Europa und USA erfordern eine nicht ganz unkomplizierte Konvertierung von PAL in NTSC. Zum anderen lauern einige bürokratische Fallstricke: zig Formulare in fünffacher Ausführung, Anti-Porno-Declerations und Zoll-Dokumente müssen ausgefüllt werden. Ein Fall für den Native Speaker...

Wer das alles übersteht, der verdient nicht nur Video-Ruhm und Filmer-Ehre. Bei einer Ausstrahlung gibt’s richtig Cash und echte Bucks. 500 bis 1000 $ kann ein Beitrag Wert sein. Ganz egal ob der Film nur ein wenige Sekunden langes Video-Jingle für Current ist (selbst das ist bei diesem Sender Viewer created Content) oder eine mehrminütige Dokumentation über die neusten High-Tech-Trends in Tokio. Darüber hinaus winken den Filmemachern "Festanstellungen". Wer sich bei current einen Namen macht und regelmäßig Stücke von hoher, journalistischer Qualität liefert, der gehört zum festen Stamm der Current-Producer, für die feste Programmplätze reserviert sind. Sie berichten aus Iraq, New Orleans oder aus den Vororten von Paris, berichten von Kriegen, Katastrophen, urbanem Lifestyle oder verrückten Trends.Leider kann man currentTV nicht im Deutschen Fernsehen empfangen. Es ist auch nicht zu erwarten, dass dies irgendwann möglich sein wird. Doch vielleicht wird auch hierzulande eines Tages ein solcher Sender demokratisch Fernsehen machen (lassen). Im Moment ist currentTV in seiner Art jedoch einzigartig. Hinter dem bimedialen Sender stehen mit dem amerikanischen Ex-Vizepräsidenten Al Gore, und CEO Joel Hyatt zwei hochkarätige Medienbosse.

Der Sender strahlt über DirecTV, Time Warner und Comcast in ca. 20 Millionen US-Haushalte aus. Er ist Teil eines Medienimperiums, aber dennoch einer der wenigen, redaktionell unabhängigen TV-Sender in den USA. Das ist der Grund, warum Current auch eine politische Dimension hat.

Seine Gründung ist auch der Versuch, der Konzentration von Meinungen durch die regierungsnahen Sender Fox und NBC entgegen zu wirken und, ähnlich den Versuchen von Filmemacher Michael Moore, (wieder) eine kritische Medienöffentlichkeit in den USA zu schaffen.

Insgesamt ist currentTV eines der interessantesten Projekte im Bereich Citizen Journalism, die es derzeit gibt. Das Prädikat zukunftsweisend verdient es uneingeschränkt. Wenn wir hier ab und an von Web 2.0 sprechen, dann ist current das Web-TV 2.0. Probiert es aus.

Zum Golfspiel auf die Müllhalde geht es hier - Film ab (Beitrag ist auf Englisch):http://www.current.tv/swf/vm2/player.swf" quality="high" type="application/x-shockwave-flash" height="360" flashvars="videoType=vcc&videoID=1975693" pluginspage="http://www.macromedia.com/go/getflashplayer" width="335">