ct Festival: Theater im 15-Minutentakt

Nina Braun

Im Z hatte die studentische Theatergruppe "die Zeitgenossen" am vergangenen Wochenende erstmals zur akademischen Viertelstunde geladen: Maximal 15 Minuten dürfen die Stücke beim ct-Festival ("cum tempore") nur dauern. Das hat gereicht, um auch literarischen Stoffen Raum zu bieten.



Der Abend ist ausverkauft, hinten müssen die Besucher stehen. Vorne ein Gerüst mit Beleuchtung, eine provisorische Bühne mit karger Ausstattung, die den Blick auf die Darsteller zwingt. Lilli Rombach sitzt dort für ihr Stück „Tagesfesseln“ auf einem Stuhl, wendet dem Publikum den Rücken zu, den Blick zur Wand, auf welche die aktuellen Fernsehnachrichten gebeamt werden.




Ihren Kopf hat sie auf ein Gerüst gelegt, das aus einer Werkstatt oder Folterkammer zu stammen scheint, und dort langsam festgeschraubt. Der weitere Verlauf ist ein stiller Kampf in Zeitlupe ums Hinsehen oder Freikommen, sie versucht die Schrauben wieder zu lockern und windet sich, bis sie erst auf die Knie, schließlich ganz zu Boden fällt und liegen bleibt: Eine ebenso einfache wie atmosphärische Aufführung.

Ähnlich ruhig geht es bei „Kleidertausch“ von Johanna Meier zu: Fiona Hesse spielt die Aufreizende, die in knappem Kleid und lasziven Posen dem Publikum ihren Körper darbietet. Sophia Maier als komplett verhüllte Vertreterin des Orients bildet den Gegenpart. Eine stumme, langsame Bewusstwerdung folgt, die sich im Ab- und Anlegen der Kleidung widerspiegeln soll und ihren zwischenzeitlichen Höhepunkt darin findet, dass sich beide Frauen gänzlich nackt gegenüberstehen, bevor sie einen Mittelweg finden.

Ein Stück um das Zusammenspiel von Würde, Weiblichkeit und Kultur, das sich altbekannter Metaphern bedient – Nacktheit und Verkleidung, Blöße und Verhüllung – und schauspielerisch, vielleicht gerade weil so langsam und statisch, nicht ganz so stark wirkt wie die folgenden Darbietungen.



So wenig in den ersten beiden Stücken gesagt wurde, so sehr setzen diese nun auf die Sprache. Sabine Stroh hat Ingeborg Bachmanns Ein-Frau-Monolog „Undine geht“ inszeniert. Nathalie Dickscheidt spielt die Figur der zwischen zwei Welten gefangenen Wasserfrau, die ihr Element der Liebe wegen verlassen hat, vom Geliebten und den Menschen enttäuscht wurde und sich nun zwischen Verachtung und Verzweiflung, Anziehung und Abstoßung nicht mehr zurecht findet.

Die Schauspielerin blickt eindringlich ins Publikum, trägt den manchmal diffusen Text klar und sicher vor und bricht ihn immer wieder durch kleine Einlagen am Replay Pedal, mit welchem sie kleine Kanones ihrer Stimme erzeugt – ähnlich einem Musiker, der für eine Aufnahme alle Instrumente des Orchesters selbst spielt. Ein anspruchsvoller Monolog, der aber vor allem dank der musikalischen Elemente von 15 Minuten gut getragen werden kann.

Nach dem eher düsteren Bachmanntext verheißen Bühnendeko – unzählige leere bis halbvolle Weinflaschen –, und der Name Robert Gernhardt schließlich einen lockeren Ausklang. Die Erwartung wird nicht enttäuscht: Das Zwei-Personen-Stück „Hell und Schnell“, mit dem Ursula Cadenbach verschiedene Verse des Dichter und Satirikers auf die Bühne bringt, wird der Höhepunkt des Abends.

Sie (Daniela Nik-Nafs), gekleidet in einen geschmacklosen Bademantel, Schlappen und Kleidchen im Leopardenstil, scheint sich ihr Nest irgendwo zwischen Plattenbau und Elitenalkoholismus gemacht zu haben.



Er (Lukas Macher), im Smoking, spielt Cello und schenkt nach. Beiden gelingt es, den Zustand des Sich-Gehen- oder -Fallen-Lassens nach dem berühmten Gläschen zuviel zu inszenieren, der perfekt zu den ausgewählten Gedichten passt: Ein Wechselspiel von absurdem Unsinn und einem bisschen gedankenverlorener Ernsthaftigkeit, das zum ersten Mal nun auch Szenenapplaus erntet.

Nach dem Prinzip des Kurzfilms haben die „Zeitgenossen“ so einen abwechslungsreichen Abend auf die Beine gestellt: Eine schöne Idee, die Theaterinteressierten ebenso wie unbedarften Zuschauern Unterhaltung bieten kann, Teilnehmende zum Experimentieren einlädt und wohl sogar ein misslungenes Stück auffangen würde. Für Langeweile bleibt ohnehin kaum Zeit.



Weitere Aufführungen (insgesamt elf Stücke) finden am 17., 18. und 19. Januar im Peterhofkeller statt.