Schallstadt

Crystal Meth: Wie eine Mutter für ihren Sohn gegen die Sucht kämpft

David Weigend

In der Rehaklinik Lindenhof in Schallstadt versuchen Frauen nach ihrer Drogensucht den ersten Schritt in die Normalität – dies gelingt nicht immer. Steffi kämpft für ihren Sohn um ein Leben ohne Crystal Meth. Ein Besuch.

Steffi trägt an diesem kalten Februarmorgen eine offene, schwarze Strickjacke. Aus ihrem Dekolleté ragen tätowierte Buchstaben. "La mia pazza vita" steht da. Das ist Italienisch und heißt "Mein verrücktes Leben". Das Leben der 26-Jährigen ist aus den Fugen geraten. Deshalb will sie es ändern. Weniger ihr selbst zuliebe, es geht ihr mehr um ihren vierjährigen Sohn Paul: "Wenn ich ihn nicht hätte, wäre ich nicht hier." Aber auf dem Lindenhof, einer Suchtklinik für Frauen in Schallstadt bei Freiburg, können die Patientinnen auch ihre Kinder mitbringen.


Steffi hat eine Stunde Zeit, bis sie Paul vom Kindergarten der Einrichtung abholen muss. Sie sitzt in einem ruhigen Eckzimmer des ehemaligen Gutshofs. Ihre Nervosität merkt man ihr ein bisschen an. Sie spricht wie eine Protokollantin, die es eilig hat. Nichts auslassen, nichts schönreden, nichts vergessen.

Sie versuchen, fernab ihrer Heimat von Crystal Meth loszukommen

Ihr Lebenslauf ähnelt dem vieler Mütter aus Ostdeutschland, die der Droge Crystal Meth verfallen sind. Einige von ihnen versuchen, fernab ihrer Heimat davon loszukommen.

Steffi wuchs in Jena auf. Als Mädchen erlebte sie, wie der Vater ihre Mutter verprügelte. Mit 15 probierte sie zum ersten Mal Crystal Meth. "Ich zog es mit einer Nachbarin durch die Nase", erinnert sie sich. "Es birnt sofort, macht dich total wach. Ich nahm ein halbes Gramm und habe fünf Nächte lang nicht geschlafen." Durch Meth werden im Gehirn die Hormone Dopamin und Noradrenalin ausgeschüttet. Man wird zum Duracell-Hasen, der trommelt und trommelt und trommelt – weil er nicht anders kann. "Du musst dauernd was machen, das ist ganz schlimm." Aufräumen, Dinge gerade rücken, quatschen. "Anfangs war ich verrückt nach Kreuzworträtseln. Ich musste gleich das ganze Heft auf einmal lösen und merkte gar nicht, wie die Zeit rumgeht." Plötzlich waren zwei Tage vorbei. 48 Stunden, in denen sie kaum aß. Crystal bremst den Hunger. Als Teenager wog Steffi 150 Kilo, bei ihrer Ankunft in Schallstadt im September 2016 waren es nur noch 88.

"Wir waren bis Mittwoch wach, Donnerstag und Freitag war Ruhepause." Steffi
Steffi machte mit 16 den Realschulabschluss, dann eine Friseurlehre. Ihr Crystal-Konsum fiel nicht auf. "Die Kunden mochten es, dass ich so redefreudig war." Sie arbeitete übertrieben genau, kontrolliert jede Kontur dreimal. Mit ihrem Freund ballerte sie sich jedes Wochenende mit Crystal weg. "Wir waren bis Mittwoch wach, Donnerstag und Freitag war Ruhepause." Auf Partys ging sie nie. "Dafür bin ich nicht der Typ. Wir haben das immer nur zu Hause gemacht." Mit 18 trennte sie sich von ihrem Freund und kam mit seinem besten Kumpel zusammen, auch er Crystal-Konsument. Außerdem trank und kiffte er. "Kiffen hat mich nie interessiert, weil mich das so runterfährt. Ich habe immer das Aufputschende gebraucht."

Ein Leben im Dauerwachzustand

2010 erhöhte sich die Schlagzahl. Sie konsumierte drei, vier Wochen am Stück. Ein Gramm pro Tag. Die illegalen Kristalle bezog sie von Lieferanten aus Tschechien, etwa zwei Autostunden von Jena entfernt. Steffi verkaufte Gras und bekam im Gegenzug das Crystal zum Einkaufspreis, etwa 20 Euro pro Gramm. Ihr Leben glich einem Dauerwachzustand. Sie unterbrach ihn 2012, als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr. "Wir freuten uns riesig." Steffi schmiss alle Drogen weg. Mit 22 wurde sie Mutter.

An dieser Stelle hält Steffi inne, trinkt einen Schluck Wasser und fährt sich durch die Haare. Erholt sieht sie aus. Der Lindenhof ist ein Idyll, der richtige Ort, um zur Ruhe zu kommen. Tatsächlich könne sie mittlerweile wieder gut schlafen, sieben Stunden am Stück. Früher nickte sie einfach eine halbe Stunde weg, wenn der Körper nicht mehr konnte.

Die Abstinenz hielt Steffi durch, bis Paul ein halbes Jahr alt war.

Danach begann die krasse Zeit, wie Steffi sie nennt. Ihr Freund trank exzessiv, auch Schnaps. Manchmal kam er besoffen nach Hause und wurde gewalttätig. Grundlos. Dass Frauen, die schon im Elternhaus Gewalt erlebten, sich später selbst aggressive Partner aussuchen, klingt für Außenstehende paradox, ist aber gerade bei den Patientinnen des Lindenhofs ein wiederkehrendes Muster. "Wenn du auf Crystal bist, nimmst du Schmerzen kaum wahr." Das Gehirn ist leer, Gefühle werden betäubt. Wer nichts spürt, spürt auch keinen Schmerz. Man denkt nicht über die Vergangenheit oder die Gegenwart nach, sondern macht einfach weiter.

Crystal Meth als "Bombe" geschluckt

Nur so ist wohl zu erklären, warum Steffi diesen Lebensstil drei weitere Jahre durchhielt. Mehr Piercings, mehr Zigaretten, mehr Solarium, mehr Stoff. Mittlerweile wohnte sie in Jena-Winzerla, jener Plattenbausiedlung, die als NSU-Keimzelle von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bekannt wurde. Sie rauchte das Zeug über Alufolie oder schluckte es als "Bombe". In diesem Fall zerdrückt man die Kristalle und isst sie wie ein Bonbon. Die kribbelnde Wärme strahlt dann vom Bauch heraus in den ganzen Körper. Nachmittags holte Steffi ihren Sohn vom Kindergarten ab, tobte mit ihm auf dem Spielplatz, spielte Uno mit ihm, kochte für ihn, aber aß nie mit.

"Ich glaube, die Hälfte der anderen Mütter war ebenfalls auf Meth." Steffi
Lag Paul nachts schlafend im Bett, drehte Steffi House-Musik auf, ihre Lieblings-DJs nennen sich "Gestört aber geil". Sie liebte den Zustand synthetischer Fitness. Nächtelang verlor sie sich in sozialen Netzwerken. "Oder du stellst im Rausch irgendwas an deinem Handy um, willst es reparieren und hinterher hast du das Gerät komplett ruiniert." Ihre Haut wurde durch die Chemie immer schlechter, die Stimmungsschwankungen krasser. Im Kindergarten gab sie zu, dass sie konsumierte. "Ich glaube, die Hälfte der anderen Mütter war ebenfalls auf Meth." Im Januar 2015 bat sie ihren Freund, keinen Stoff mehr zu besorgen. Doch der steckte selber tief im Sumpf. "Wir machten weiter, obwohl wir wussten, wie sehr das unserer Beziehung schadet."

Wenn der Vater von seinem Crystal-Brett runterkam und der Alkohol zu wirken begann, schlug er Steffi manchmal brutal ins Gesicht. Einmal brach er ihr fast die Nase, ein anderes Mal trug sie ein Schädel-Hirn-Trauma davon. "Ich wollte die Angst unterdrücken. Die Schläge vergessen. Das geht ganz gut auf Crystal." Steffi hält inne und schaut hinaus, erblickt in der Ferne den Belchen, quasi der landschaftliche Gegenentwurf zu ihrer Thüringer Ghetto-Tristesse.

"Ich habe ihm gesagt, dass wir weit wegfahren, an einen sicheren Platz, damit alles wieder gut wird." Steffi
Den Job als Verkäuferin bei "Kik" gab Steffi auf. Sie litt unter Depressionen. Paul wunderte sich, warum seine Mama so oft weinte. Er sah, wie die Eltern stritten. Das Jugendamt wurde hellhörig. Steffi ging zur Drogenberatung und trennte sich von ihrem Freund. Zwei Wochen lang entgiftete sie zu Hause. Seit vergangenem Sommer sei sie clean. "Ich habe Paul erklärt, dass ich ein Aua im Kopf habe. Ich habe ihm gesagt, dass wir weit wegfahren, an einen sicheren Platz, damit alles wieder gut wird. Damit wir ein schönes Leben führen können und Mama wieder arbeiten kann."

Steffi steht auf und geht hinaus auf den malerischen Innenhof, in dem tatsächlich eine Linde steht. Früher, in den Siebzigern, wohnten hier etwa 20 Studenten. Einer von ihnen heißt Andreas Ziegler. 1977 gründete er bei einem Sommerfest mit vier Freunden das Vokalensemble "Les Sensibles de Schallstadt". Das Quintett wurde später zum Dauerbrenner beim Freiburger ZMF. Gründungsmitglied Georg von Savigny erinnert sich: "Der Lindenhof war wunderbar. Viel Grillen, viel Musikmachen, studentisches Leben. Natürlich trank man Wein und ja, hin und wieder wurde auch ein Joint herumgereicht."

Ähnliche Biografien, unabhängig von der Droge

Im Jahr 2017 sind solche Szenen auf dem Lindenhof verboten. Die 59 Frauen, die sich hier einer Therapie unterziehen, ringen um ein suchtfreies Leben. Rückfälligkeit ist zwar nicht automatisch ein Entlassungsgrund. "Aber wenn wir merken, dass es sinnlos ist, kommt es vor, dass eine Patientin gehen muss", sagt Annette Erhart, die therapeutische Leiterin der Klinik. Die 48-jährige Sozialarbeiterin sitzt in ihrem Büro hinterm Schreibtisch. Es seien turbulente Zeiten, meint sie. Seit elf Jahren arbeitet sie im Lindenhof. "Unsere Patientinnen werden zunehmend kränker." Viele weisen gleich mehrere Störungen auf. Zur Sucht kommen Depression, ein Borderline-Syndrom oder eine drogen-induzierte Psychose.

So unterschiedlich die Diagnosen ausfallen – die Behandlungen ähneln sich. "Früher verfolgte man in der Suchttherapie einen anderen Ansatz", sagt Erhart. "Seit gut zwei Jahren arbeiten wir aber nicht mehr substanzspezifisch, sondern lebensweltorientiert. Denn die Biografien unserer Patientinnen weisen viele Parallelen auf – unabhängig davon, welche Drogen sie nehmen." Physische, psychische oder sexuelle Gewalt, mangelnde Zuwendung – all dies haben fast alle Frauen erlitten, die zum Lindenhof kommen.

Dass alle paar Jahre über eine neue Superdroge berichtet wird, die noch schneller abhängig mache und noch schlimmer sei, als alles davor Dagewesene, beobachtet Erhart mit kritischer Distanz. Denn die Ursprungsdefizite der Patientinnen sind dieselben. Zudem handelt es sich bei ihnen zunehmend um Mischkonsumentinnen. "Alkoholkranke, die exzessiv kiffen oder eine Opiatkonsumentin mit Alkoholproblem, das lässt sich oft gar nicht so leicht trennen", sagt Erhart. Gerade die Doppeldiagnosen bedeuteten für die Frauen eine große Bürde – und die Herausforderung, ihre Scham zu überwinden.

Auf den ersten Blick ganz normal: der Kindergarten des Lindenhof

Auf den ersten Blick ist der Kindergarten des Lindenhofs ein Hort wie jeder andere. Basteltische, Puppenhäuser und Dreijährige, die einen Wutanfall bekommen, weil sie keine Lust haben, die Schuhe anzuziehen. Erzieherin Susanne Thormeyer-Bea arbeitet seit vier Monaten dort, zuvor war sie in einer Freiburger Kita tätig. "Natürlich bringen die Kinder hier ganz andere Probleme mit", sagt sie. "Das zeigt sich vor allem im Sozialverhalten. Einige Kinder sind emotional labil." Andere leiden unter einem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS): Schäden, die eine Mutter bei ihrem Kind verursacht, wenn sie während der Schwangerschaft trinkt.

Paul ist, zumindest körperlich, ein gesunder Junge. Nach dem Mittagessen in der ehemaligen Reithalle nimmt ihn Steffi auf den Arm. Sie geht ins gemeinsame Wohnzimmer von Station A. Eine Frau, die Methadon genommen hat, schläft dort auf dem Sofa. Eine 21-Jährige hält ihrem Baby teilnahmslos den Schoppen ins Bettchen und wischt währenddessen auf ihrem Handy herum. Von "vergessenen Kindern" hatte Annette Erhart gesprochen – jetzt versteht man, warum. Vielen Müttern auf dem Lindenhof mangelt es an der Fähigkeit, Geborgenheit zu geben. Denn sie haben dieses Gefühl selbst nie erfahren.

Sackgassenbiografien sollen sich nicht wiederholen

Auch darüber sprechen die Frauen in der Therapie. Es ist eines der wichtigsten Anliegen von Erhart: So früh wie möglich einzugreifen, damit sich die Sackgassenbiografien nicht in der nächsten Generation wiederholen – auch dann, wenn die Mütter für das Ziehen der Notbremse schon zu schwach sind.

Steffi nimmt auf dem Lindenhof an diversen Angeboten teil: Lust auf Abstinenz, Rückfallprophylaxe, Bewerbungstraining. "Am liebsten mache ich Tanz und Bewegung", sagt sie. Um 19.30 Uhr bringt sie Paul ins Bett, sie bewohnen ein eigenes Apartment. Bevor sie schlafen geht, führt sie Tagebuch. Schaut sich Fotos an, von früher. Die Droge vermisse sie nicht. "Aber ich habe Angst davor. Denn ich weiß eigentlich nicht, wie sich Suchtdruck anfühlt." Unlängst habe eine Patientin in diesem Zustand ein Waschbecken aus der Verankerung gerissen, erzählt ein Haustechniker.

Steffi wurde vorzeitig entlassen

Eine Woche nach unserem Besuch erreicht uns die Nachricht, dass die Leiterinnen des Lindenhofs Steffi vorzeitig entlassen haben. Steffi hat gegen mehrere interne Regeln verstoßen. Sie wohnt derzeit mit Paul bei ihrer Großmutter in Jena. Die Frage, ob sie Suchtdruck verspüre, lässt sie offen.
Crystal Meth

Hinter der Bezeichnung Crystal Meth verbirgt sich die chemische Verbindung Methamphetamin, auch N-Methylamphetamin. Die synthetisch hergestellte Substanz verdrängt Müdigkeit, Hunger und Schmerz. Sie wurde bekannt unter dem Markennamen Pervitin. Wegen der stark euphorisierenden Wirkung und damit verbunden der vorübergehenden Steigerung der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit wurde Pervitin im Zweiten Weltkrieg oft an Soldaten vergeben, vor allem an Piloten. Von 1941 an war es nur noch auf Rezept erhältlich, es blieb bis 1988 im Handel. Heute wird das kristalline Methamphetamin vor allem in kleinen Labors im deutsch-tschechischen Grenzgebiet von Hobbychemikern hergestellt. Meth macht schnell abhängig und wirkt persönlichkeitsverändernd.

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