Crowdfunding: Die Macht der Menge

Miriam Steimer

Nach viel harter Arbeit kann ein Musiker sie stolz in den Händen halten: die erste eigene Platte. Dieses Erinnerungsstück wird aufgehoben, egal ob die Karriere erfolgreich verläuft oder nicht. Das Problem von jungen Künstlern liegt jedoch meistens darin, diese Studioaufnahme zu finanzieren. Die Kosten sind sehr hoch und von kleinen Bands selten alleine zu schultern. Im Internet gibt es nun eine neue Möglichkeit, an Geld zu kommen: das Crowdfunding.



Man könnte Crowdfunding mit Massen- oder Mengenfinanzierung übersetzen. Es bietet Künstlern die Möglichkeit, ihre Projekte durch viele kleine Onlinespenden zu finanzieren. Die Idee kommt aus Amerika, seit einigen Monaten gibt es solche Plattformen auch in Deutschland.


Die Lahrer Band Rock-Rainer hat zum Beispiel auf der Seite Startnext.de ihre neue Platte als Projekt eingestellt. Sie werben für ihr Vorhaben, um die Kosten für Studioaufnahme, CD-Pressung und Gema-Gebühren zu decken; insgesamt brauchen sie 3000 Euro. Die Besucher der Seite können selbst festlegen, mit welcher Summe sie die Band unterstützen wollen, oder aber sogenannte Dankeschönpakete kaufen. Für Preise zwischen fünf und 500 Euro kann man sich schon im Voraus die CD als digitalen Download oder als Pressung sichern, man bekommt ein Paket mit selbstgehäkeltem Stirnband, wird auf der Homepage der Band als „Ehrenrainer“ genannt oder kann ein privates Wohnzimmerkonzert buchen.

„Wir haben vor zwei Wochen angefangen, das Projekt zu bewerben“, sagt Sandro De Lorenzo, Sänger von Rock-Rainer. 115 Euro haben sie bisher eingenommen. „Wir haben noch viel Arbeit vor uns, denn in den nächsten Wochen wollen wir viele Leute motivieren, uns zu unterstützen“, so der 31-Jährige. Der Clou der Spendenaktion ist nämlich die zeitliche Begrenzung. Bis zum 15. Mai muss die vorher festgelegte Summe von 3000 Euro erreicht sein. Ist das nicht der Fall, geht die Band leer aus und die Spender bekommen ihr Geld zurück. Es heißt also: alles oder nichts.



„Wir finden die Startnext-Idee sehr gut, sie bietet uns vor allem die Möglichkeit, unabhängig von Plattenfirmen und Labels zu bleiben. Außerdem ist sie eine gute Ergänzung zur normalen Musikindustrie, die gerade für kleinere Bands zurzeit sehr schwierig ist“, so De Lorenzo. Die Resonanz von Bekannten sei gut, aber die Idee nicht so einfach zu vermitteln. Viele würden vor allem dadurch abgeschreckt, dass man sich ein Profil auf der Seite anlegen muss, um spenden zu können. Doch Rock-Rainer sind zuversichtlich, dass sie ihre neue Platte über Crowdfunding finanzieren können: „Wenn zwei Leute Wohnzimmerkonzerte bei uns reservieren, dann wären wir schon ziemlich weit“, so De Lorenzo lachend.

Auch die Freiburger Band Spielgeldmillionäre nutzt eine Crowdfunding-Seite. „Wir wollen über das Portal Sellaband das Geld für unser erstes Album mit eigenen Songs sammeln“, sagt Michael Simon, Schlagzeuger der Band. „Wir haben nach Finanzierungsmöglichkeiten gesucht. Als die aus England bekannte Seite auch in Deutschland eingeführt wurde, wollten wir eine der ersten Bands sein“, erzählt der 28-Jährige.

Die Sellaband-Seite funktioniert ähnlich wie eine Aktiengesellschaft. Hier kaufen die Unterstützer „Parts“ des Projektes zu jeweils zehn Euro und werden dadurch am Erfolg beteiligt. Über fünf Jahre werden 50 Prozent der Nettoeinnahmen aus den Musikverkäufen an die Unterstützer ausbezahlt. Je mehr Parts man gekauft hat, desto größer der Gewinn. Die Spielgeldmillionäre hoffen, durch die Sellaband-Seite 25000 Euro zusammenzubekommen, um im Herbst mit der CD-Produktion beginnen zu können.



Dass immer mehr Bands versuchen, die Möglichkeit des Crowdfundings zu nutzen, liegt auch an erfolgreichen Vorbildern. Die Sellaband-Plattform verhalf zum Beispiel den HipHop-Ikonen Public Enemy, Chris Difford von Squeeze oder The Jeffersons feat. Lisa Brokop zu einer Projektfinanzierung. Auch das Beispiel der holländischen Sängerin Hind ist bemerkenswert: Sie sammelte 2009 in elf Tagen 40000 Euro für ihr drittes Album.

„Die Crowdfunding-Seiten sind eine gute Ergänzung zu herkömmlichen Finanzierungsformen“, sagt Timo Weis vom Musiklabel Arsen Music Group aus Breisach. Die Firma vertreibt vor allem fertige Produktionen. „Das ist für uns keine Konkurrenz, sondern wir sehen es als Möglichkeit, unseren Bands hochwertigere Produktionen zu ermöglichen.“ Je mehr Geld die Band für eine Produktion zur Verfügung habe, desto besser würde in der Regel das Ergebnis. „Und das nutzt schließlich allen Beteiligten“, so Weis. Bands, die sich ausschließlich auf diese Finanzierungsmethode verlassen, seien ihm allerdings nicht bekannt.

Daniel Theuerkaufer, Geschäftsführer des Freiburger Plattenlabels Waggle-Daggle Records sieht die Crowdfunding-Seiten ebenfalls nicht als Konkurrenz an. „Die Möglichkeit wird vor allem von Bands genutzt, die selbstverwaltet arbeiten, sich also selbst um die Organisation kümmern. Den Service, den wir als Plattenlabel leisten, kann eine solche Plattform nicht ersetzen“, so Theuerkaufer.

Außerdem betreut Waggle-Daggle vor allem Bands aus dem Ausland. „Diese würden ohne lokale Partner fernab ihrer eigenen Region im Datendschungel verloren gehen und außerhalb ihres Wirkungskreises mit Crowdfunding keine Absätze erzielen, geschweige denn Konzerte organisieren können“, so Theuerkaufer.

Nicht nur Bands nutzen die neuen Spendenplattformen, auch Filmemacher, Autoren, Designer, Fotografen oder Journalisten. Kurz: Menschen mit guten Ideen, denen das nötige Kleingeld fehlt.

Crowdfunding-Plattformen

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[Bild 1: fotolia; Bild 2: Privat; Bild 3: Kammerer]