Crosby, Stills und Nash in Singen

Chico Policicchio

Ohne die Woodstock-Ikonen Crosby, Stills und Nash wären, und das wird gern mal unterschlagen, angesagte Folk-Combos wie die Fleet Foxes gar nicht denkbar. Chico ist gestern auf den Hohentwiel gewandert, um beim dortigen Festival zu überprüfen, ob es die alten Säcke immer noch drauf haben.



Hey, junger Hipster, glaube nicht, dass ich deinen spöttischen Zug um die Lippen nicht gesehen habe, als ich dir mitteilte, nicht zu Maximo Park aufs ZMF zu gehen, sondern zu Crosby,Stills und Nash auf das Burgfestival in Singen zu fahren. Aber Vorsicht, mein Freund, denn wenn ich dich am Montag bei den Kings of Convience in Basel treffe oder in deinem Plattenschrank die Fleet Foxes, Portugal The Man oder die Magic Numbers entdecke, werde ich dich fragen: „Und? Wer hat`s erfunden?“


Richtig, es war zwar noch Neil Young dabei, aber eine der Blaupausen, in dem Fall sogar einen Meilenstein des Folkrock lieferten besagte Herren vor ziemlich genau 40 Jahren mit dem Album „Deja Vu“. Wer den gleichnamigen Film vor zwei Jahren sah, eine Dokumentation über ihre „Freedom of Speech“-Tour, konnte erahnen, dass es die alten Säcke tatsächlich noch drauf haben.

Bei der Ankunft in Singen natürlich jede Menge Arbeit für die Stilpolizei, weil Sandalen und Birkenstock-Treter ohne Ende. Aber lustig: Aufstieg auf die Burg, Luis Trenker Wandergruppe ein Scheiß dagegen, megasteil, dafür herrlicher Blick auf die lässigen Hegau-Vulkane. Dazu wunderbare Gesprächsfetzen zum Aufschnappen, von Mittsechzigern, die ihre Jimi Hendrix-Konzerterlebnisse schilderten, bis hin zu älteren Hippiemädels, die bei ihrem letzten Countrykonzert den singenden Cowboy vernascht haben. Die wilden 68er halt, freie Liebe und so, cool.

Aber Wert auf Pünktlichkeit legen. Schlag 19 Uhr: Fett federnd, treibend und druckvoll: „We are stardust, we are golden and we`ve got to get ourselves back in the garden.“ Natürlich der ideale Opener, „Woodstock“, Joni Mitchells zeitlose Hymne an die Hippiekinder brettert über die Menge. Auf der Bühne außen rechts Stephen Stills, immer noch der coole Hund, links, leicht entrückt über dem Boden schwebend (der Mann hat schließlich mehr Drogen genommen, als die gesamte Southside-Jugend zusammen) David Crosby und in der Mitte, als eine Art Bandleader, Marke verständnisvoller Schwiegervater, Graham Nash.



Nach Woodstock ein verhalten schönes „Bluebird“ aus Stills Buffalo Springfield-Zeit, ehe schon relativ früh der Ewig-Sommer-Evergreen „Marrakesh Express“ daher braust.  Ein psychedelisch verschwommenes „Deja vu“, Crosbys Antikriegssong „Wooden Ships“, dann die Reminiszenz an den alten Kumpel: „We have this canadian friend and we wonder every time, which of his songs we play at time.“

Na ja, da hat man in der Tat jede Menge Auswahl bei all den großartigen Songs, die Neil Young allein mit den dreien produziert hat und mit „Long may you run“ wählen sie einen selten gehörten, dafür umso schöneren Neil Young Titel.

Irgendwann dann, mitten in einer Songpause, stiert David Crosby nach oben, zeigt mit seinem Finger auf die Burg, schüttelt den Kopf und sagt: The Schloss“, aber bevor man denkt, dass es jetzt mit dem armen Kerl zu Ende geht, rocken sie weiter.

Nach der Pause dann erst einmal Atem anhalten: Das bisher so großartige Konzert wird doch bitte nicht zu einer Schunkel- und Mitklatschnummer verkommen, denn vier Stücke lang besteht diese Gefahr. Heuler wie „Ruby Tuesday“ oder „Norwegian Wood“ verhunzen die drei genauso gnadenlos wie Dylans „Girl from the North Country“ und Greg Allmanns Psych-Swamp-Nummer „Midnight Rider“.



Dann aber biegen sie wieder auf ihre Schiene ein, langsam erst mit, na ja, „Our house“, dann, vollkommen abgefahren, ein Cover von Who`s „Behind blue eyes“, ehe mit dem  „Almost cut my heart“ der Hippierocker schlechthin über die Bühne donnert. Zugabe dann, klar, Reminszenz an die Mainstream-CSN-Freaks, „Chicago“, „Teach your children“ und „Love the one you`re with“. Muss nicht sein, aber okay. Kleiner Wermutstropfen: kein lang erwartetes „Carry on“, ansonsten ein blitzsauberes Konzert, perfekter Sound und eine Band, die vollkommen unaffektiert dem Publikum über zwei Stunden lang Respekt zollte.

„Roch ja gar nicht so arg nach Patchouli“, meint Kollege Joe beim späteren Abstieg und hatte bedingt Recht. Real war der Geruch nicht, aber im Kopf war es eine Zeitreise in die frühen Siebziger gewesen.

[Fotos: Stefan Zahler]

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