Containern in Freiburg: Lass uns Müll essen!

Carolyn Höfchen & Philipp Barth

Supermärkte werfen Lebensmittel weg, auch wenn diese eigentlich noch genießbar sind. Das wollen manche nicht mit ansehen und greifen einfach zu, gerne auch bei Nacht und Nebel. Wir haben zwei Studentinnen begleitet, die zum ersten Mal Containern waren…



„Im Moment hab ich einfach nur Schiss.“ Susi bespricht mit ihrer Freundin Eva [Namen geändert] die Einzelheiten für den bevorstehenden nächtlichen Ausflug. Draußen ist es schon dunkel, die beiden Medizinstudentinnen (beide Mitte 20) sitzen in der kleinen Küche ihrer gemeinsamen 3er-WG im Freiburger Stadtteil Haslach. Susi ist schlank, hat kurze braune Haare und eine lockere Art. Es erstaunt, dass sie sich von dem Gedanken daran, von der Polizei erwischt zu werden, aus der Ruhe bringen lässt. Eva ist groß, blond und hat ein offenes, sommersprossiges Gesicht. Auch sie hat ein mulmiges Gefühl im Bauch.


Für die beiden ist Containern Neuland, sie haben von zwei israelischen Couchsurferinnen davon erfahren. Die waren in Teningen containern und haben danach Pralinen und Kekse an Freunde verschenkt, die sie in einer Supermarkt-Mülltonne gefunden hatten. Eva und Susi fanden die Idee super und wollen es jetzt einfach mal ausprobieren.

Aber wie funktioniert das genau?



Eine kurze Google-Suche und die Studentinnen sind schon mitten drin in der Netz-Community. Containern heißt auf englisch „Dumpster Diving“, „Mülltauchen“. Supermärkte werfen Lebensmittel weg, weil sie gerade abgelaufen sind, die Verpackung Flecken oder Dellen hat oder angerissen ist. Bei der Lieferung neuer Ware wird die Alte – auch wenn sie oft noch für kurze Zeit haltbar ist – in der Mülltonne entsorgt. Manche Filialen geben diese Lebensmittel auch zur Tafel, aber der einfachere Weg ist oft der Container.

Warum wird noch essbare Ware überhaupt weggeworfen? Ein großes Problem ist hier der Konsument selbst, denn die Nachfrage bestimmt das Angebot. Wenn es um kurz vor 20 Uhr kein Kürbiskernbrot, sondern nur noch Bauernbrot gibt, dann geht der Kunde das nächste Mal schlichtweg zum Bäcker nebenan.

Eva und Susi klicken sich durch die Internetforen und stoßen dabei auf zahlreiche Artikel und Einträge. Da posten stolze Containerer traumhafte Bilder von ausgebreitetem Essen – alles frische Lebensmittel, die von Supermärkten weggeworfen wurden. Das Konzept der Konsumkritik, das hinter dem Containern steckt, wird als Freeganism bezeichnet. „Free“ für „frei“ und „vegan“ für die „Ablehnung aller tierischen Produkte“. Die Anhänger boykottieren die Wegwerfgesellschaft – indem sie den Müll verwerten. Für viele ist das nicht nur ein Freizeitspaß, sondern eine Lebenseinstellung.



In den USA wurde daraus in den vergangenen Jahren eine breite Bewegung, die auch in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erregte. Dumpster Diving ist dort, trotz einer ähnlichen Rechtslage wie in Deutschland, weiter verbreitet als bei uns. Neben Obdachlosen und Bedürftigen dumpstern etwa Studenten, aus Protest. Juristisch gesehen gilt Containern in Deutschland als Diebstahl. Der Müll ist Eigentum des Supermarktes.

Eva und Susi finden bei ihrer Internetrecherche neben Blogeinträgen und Zeitungsartikeln auch Fernseh- und Radiobeiträge über Dumpster Diving. Mit der Berichterstattung aus den USA sind deutsche Medien schnell nachgezogen, was zusätzlich durch den gesellschaftskritischen Dokumentarfilm „We Feed the World“ von Erwin Wagenhofer unterstützt wurde.

In den Internetforen wurde die Medienberichterstattung von einigen Aktivisten scharf verurteilt, denn sie befürchteten, dass die Supermärkte daraufhin das Containern erschweren würden. Mittlerweile ist die öffentliche Aufmerksamkeit und damit auch die Debatte im Netz weitgehend eingeschlafen. Manche Seiten wurden das letzte Mal vor zwei Jahren aktualisiert. Das sagt allerdings nicht viel über die momentane Aktivität der Szene aus.

"Containern ist bei uns kein Thema", sagt Chrishard Deutscher, Unternehmenssprecher der EDEKA-Gruppe. "In den Märkten in Freiburg und Umgebung kann man zwar ab und zu sehen, dass Lebensmittel entnommen wurden, das ist uns aber kein Anlass zum Handeln." Auch bei REWE spielt, zumindest offiziell, das Containern keine ernsthafte Rolle.



Bei ihrer Suche nach praktischen Tipps zum richtigen Containern, stolpern sie über Anleitungen zum Schlösserknacken. „Krass, dass es zu sowas eigentlich Illegalem so viele Tipps gibt“, wundert sich Eva. Die Beiden haben jedenfalls nicht vor, über Zäune zu klettern oder Tore aufzubrechen. Aber die Infos zur richtigen Ausrüstung finden sie hilfreich: Einweghandschuhe, lange Hosen, Taschenlampe.

Diese Utensilien liegen jetzt ausgebreitet auf ihrem Küchentisch. Die Beiden haben dunkle Kleider an, lange Hosen und feste Schuhe. Sie überlegen, wo ihre Supermarkt-Route sie als Erstes hin führen soll: am Besten zu einer Filiale in einem ruhigen Stadtteil, da fährt die Polizei nicht so häufig Streife. Aufgeregt packen sie Handschuhe und Taschenlampen in ihre Rucksäcke, dann geht es los zu ihrer ersten Containertour.

Audio-Diashow: Auf Containertour in Freiburg

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Video-Umfrage: Was ist Containern?



Die Rechtslage

Rechtlich ist und bleibt der „Müll“ Eigentum des Supermarktes und geht bei Abholung in den Besitz des Müllentsorgers über (sogenanntes Übereignungsangebot). Containern gilt deshalb juristisch als Diebstahl, selbst wenn die Müllcontainer öffentlich zugänglich sind. Dennoch sehen die Supermärkte in den meisten Fällen von einer Anzeige ab. Sollte es zum Verfahren kommen, wird dies in der Regel aus Mangel an „öffentlichem Interesse an einer Strafverfolgung“ (nach § 153 StPO) eingestellt.

Wer auf unzugängliches Gelände eindringt oder Schlösser knackt, muss allerdings mit einer Strafe nach § 243 StGB (Besonders schwerer Fall des Diebstahls) rechnen. In Köln wurde 2004 eine Frau, die über einen Zaun geklettert war, zu 60 Stunden sozialer Arbeit verurteilt.

Die Autoren: Carolyn Höfchen und Philipp Barth studieren Deutsch-Französische Journalistik am Frankreichzentrum in Freiburg. Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars über die Grundlagen des Online-Journalismus.

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