Coming Out auf dem Dorf

Carolin Buchheim

Schwul sein, das ist heute in der Gesellschaft akzeptiert. Politiker sind schwul, in jeder Daily Soap gibt es ein schwules oder lesbisches Pärchen, es gibt das Lebenspartnerschaftsgesetz und überhaupt ist das doch kein Thema mehr, oder? Doch, natürlich ist es das. Denn wenn man als Teenie merkt, dass man schwul oder lesbisch ist, ist es für einen Selbst – zumindest eine zeitlang – zwangsläufig Thema Nummer Eins. Und wenn man, wie Jonas Schneider, 17, auf dem Dorf wohnt, ist es manchmal doppelt schwer.



"Jonas, sag mal willst Du uns nicht etwas erzählen?“
Jonas (Name von der Redaktion geändert) und seine Mutter sitzen zusammen im Wohnzimmer und gucken Fernsehen, als seine Mutter ihm diese Frage stellt. Dann ist erst einmal Stille, nur der Fernseher läuft.


„Ich hab mich zuerst gefragt, ob ich irgendwas kaputt gemacht habe“, sagt Jonas heute, gut eineinhalb Jahre später. „Aber dann hab ich schon von ihrem Gesichtsausdruck gedacht, dass sie darauf hinaus will, ob ich schwul bin."

Jonas ist sich zu diesem Zeitpunkt seit einigen Monaten sicher, dass er schwul ist. Erst hatte er sich nicht mehr nur in die Mädchen in seiner Klasse verliebt, sondern auch in die Jungs. „Am Anfang habe ich noch gedacht, okay ich bin vielleicht bi, aber dann hat es sich immer mehr gefestigt.“ Aber das seiner Mutter das erzählen? Jetzt? Jonas Mutter fragt nach, druckst herum. Dem damals 16-Jährigen wird die Situation zu blöd, er geht aus dem Zimmer. „Ich war einfach noch nicht bereit für mein Coming Out“, sagt Jonas heute.

Einen Monat später macht seine Mutter einen zweiten Versuch, nach einem Grillabend im Kreis der Familie. „Für uns ist es kein Problem, wenn du schwul bist“, sagt sie an diesem Abend, nachdem Jonas' Geschwister vom Tisch aufgestanden sind. Diesmal läuft Jonas nicht weg und weicht auch nicht aus: „Ja, ich bin schwul“, sagt er.

Ja, ich bin schwul

Kurz darauf erzählt Jonas es auch seinem besten Freund. Aber sonst niemandem, nicht seinen Klassenkameraden, mit denen er in Lörrach zur Schule geht, nicht der Verwandtschaft, nicht den Leuten in der Nachbarschaft. „Ich hab schon überlegt, es mehr Leuten zu sagen, aber ich hab keinen Drang dazu, in die Welt zu schreien  ’Hurra, ich bin schwul.’ Schwulsein ist doch ganz normal. Wenn es jemand herausfinden oder mitkriegen sollte, dann ist das halt so.“

Das sagt sich allerdings leichter, als es sich lebt. Denn Jonas wohnt in einem kleinen Dorf in Südbaden, 500 Einwohner, viel Vieh und viele Reben. Es ist idyllisch – und klein. Andere Schwule? Statistisch gesehen müsste es sie geben, nicht nur in seinem Dorf, sondern auch in seiner Schulklasse in Lörrach. Hier ist das Nicht-Out-Sein ein Nachteil. „Denn er sagt nix, ich sag nix – ist ja klar, dass man da nicht zueinander findet.“

Stattdessen findet man im Internet zueinander. Jonas entdeckt beim Googlen dbna.de – Du bist nicht allein (DBNA) – ein Coming Out-Portal des schwullesbischen Jugendnetzwerks Lambda.

„DBNA eine echte Community für schwule und bisexuelle Jungs“, sagt Jonas.   „Hier kann man Leute kennenlernen, auch wenn man auf dem Dorf lebt.“ Zuerst verbringt er ganze Nachmittage im DBNA-Forum, tauscht sich endlich mit anderen jungen Schwulen aus. Und es sind Jungs aus Südbaden dabei. Einer erzählt Jonas von den Rainbow Stars, Lörrachs Schwullesbischen Verein.

„Ich hatte bis dahin noch nie was von denen gehört und bin dann mit jemandem aus dem DBNA-Forum dorthin gegangen.“ Durch die Rainbow Stars entdeckt Jonas auch die Rosekids, die schwule Jugendgruppe in Freiburg. Die trifft sich jeden Mittwoch und jeden Freitag in den Räumen der Rosa Hilfe auf dem Grether Gelände.

Freiheit in Freiburg

An einem Freitagabend im September, kurz nach 20 Uhr, sind rund 40 Jungs und Mädchen beim Rosekids-Treffen. Das Durchschnittsalter ist vielleicht 21, es ist wuselig und laut. Manche spielen Brettspiele, andere hocken im Hof, rauchen und reden. Dort sitzt auch Jonas, zusammen mit seinem Freund.

Die Rosekids-Treffen am Freitag sind ein fester Bestandteil seiner Woche geworden. „Meine Mutter fährt mich Freitags immer an den Bahnhof, und dann bleibe ich das ganze Wochenende in Freiburg, entweder bei meinem Freund oder bei anderen Freunden.“Freiburg ist der Ort, an dem Jonas – im Gegensatz zum Heimatort, offen schwul lebt.

„Hier kann ich mehr ich selbst sein“, sagt er. „Selbst in Lörrach würd’ ich zum Beispiel nie Händchen haltend durch die Straßen laufen, denn dort begegnen mir immer Leute, die ich kenne. Freiburg ist so groß, da wird man in der Masse auch mal übersehen.“

Jonas glaubt, dass es auch in seinem Dorf bald anders werden dürfte. „Dass Schwulsein irgendwann wirklich ganz normal wird, ist nicht aufzuhalten. So hart wie das auch klingt, die Teile, die noch Probleme damit haben, sterben irgendwann aus . Das Alte geht, das Neue kommt.“