Comics online (2): Die Wormworld Saga

Christopher Bünte

Das Internet bietet Comickünstlern vollkommen neue Ausdrucksmöglichkeiten. Die Wormworld Saga, der Online-Comic von Daniel Lieske, hat sich von den Begrenzungen durch Strips und Seiten befreit und ist eine einzige weit nach unten scrollbare Seite. Christopher hat sich mit Daniel über sein ungewöhnliches Fantasy-Epos unterhalten.



In den vergangenen Wochen hat sich viel im Leben von Daniel Lieske verändert. Der Berliner Tagesspiegelwollte mit ihm sprechen. Ebenso der WDR. Außerdem ist er Vater geworden. So ganz geheuer scheint ihm der Trubel um seine Person noch nicht zu sein. „Ich versuche, keines der beiden Kinder zu vernachlässigen“, sagt Lieske und lacht dabei. Sein Sohn Lucas wurde Mitte Januar geboren; Sein anderes Kind ist ein wenig älter.


Ende Dezember 2010 erblickte das erste Kapitel der großangelegten Wormworld Saga das Licht der Welt, gerade rechtzeitig zu Weihnachten. Ruhig und selbstbewusst erzählt Lieske auf Wormworldsaga.com die Geschichte vom kleinen Jonas, einem Tagträumer, der ein bisschen schief in die Welt gewachsen ist und nicht so recht weiß, was er mit sich anfangen soll. Als die großen Sommerferien beginnen, fährt er mit seinem Vater zur Großmutter aufs Land. Dort entdeckt er ein Bild, durch das er in die phantastische Welt Wormworld überwechselt. Ein großes Fantasy-Abenteuer nimmt seinen Lauf.

Die Form der Wormworld Saga ist interessant und ungewöhnlich. Daniel verwendet keine Strips, wie in Blogs und Zeitungen üblich, keine digitalen Seiten zum Umblättern, sondern eine Infinite Canvas, eine einzelne, weit nach unten scrollbare Seite. Die im Print unüberwindbare Aufteilung in Seiten ist vollständig verschwunden.

400.000 Internetnutzer haben inzwischen die Geschichte gelesen, die eigentlich erst der Anfang ist. Tendenz steigend. „Der Zustrom von Lesern ist im Moment sehr konstant. Man kann jetzt schon Prognosen machen, wann bestimmte Pegelstände erreicht sein werden. Die Chancen stehen gut, dass es dieses Jahr noch eine Million werden“, sagt Daniel. Inzwischen kann man die Wormworld Saga auf fünf verschiedenen Sprachen lesen. Zwanzig sollen es einmal werden. Die Übersetzungen wurden ausschließlich von Fans gemacht.





Daniel, wie und wo hast Du Zeichnen gelernt?

Daniel Lieske: Ich bin Autodidakt. Als Kinder zeichnen und malen wir doch alle. Die Frage ist, warum man irgendwann damit aufhört. Ich habe den Absprung nicht gefunden und einfach immer weitergemacht.



Ist die Wormworld Saga Dein erster Comic?

Zu Schulzeiten habe ich eigene Comics kopiert und auf dem Schulhof verkauft. Aber in den letzten fünfzehn Jahren war ich in Sachen Comics sozusagen abstinent. Das ist jetzt das erste Mal, dass ich diese alte Leidenschaft wieder aufwärme. Ich habe gemerkt, dass Comic für mich das ideale Medium ist, um eine Geschichte zu erzählen.

Worum geht bei Wormworld?

Zum einen möchte ich klassische Fantasy-Elemente wieder auferstehen lassen, die wir alle irgendwie lieben. Denn ich habe das Gefühl, dass uns die in letzter Zeit nicht mehr so präsentiert werden, wie man es sich wünschen würde. Zum anderen möchte ich Einflüsse einbringen, die ich in den letzten Jahren durch die Trickfilme von Hayao Miyazaki erfahren habe. Chihiros Reise ins Zauberland, Das wandelnde Schloss…

An diesen Filmen hat mich fasziniert, dass sie sehr nah an die Charaktere herangehen und deren Motivation hinterfragen. Nicht nur die Motivation der Helden, sondern auch die der Bösewichte. Es gibt in diesen Geschichten im Grunde keinen Charakter, den man als böse bezeichnen könnte. Das ist ein Element, das mir für die Wormworld Saga sehr wichtig ist.



Bist Du ein Fan von Michael Ende? In Deinem Comic hast Du eine Grundschule nach ihm benannt. Und gewisse Anleihen sind ja durchaus spürbar…

Gelesen habe ich Michael Ende nicht. Die unendliche Geschichte habe ich als Kind als Hörbuch gehört, damals noch in Kassetten-Form. Vor kurzem habe ich mir den ersten Kinofilm mal wieder angeschaut. Klar sind da Parallelen zu meiner Geschichte, das merke ich. Das Abenteuer beginnt dort ja auch auf dem Dachboden. Und auch der Protagonist Bastian kommt Jonas ja recht nahe. Eigentlich ist das ein Archetyp. Aber diese Referenz war bei meiner Arbeit an Wormworld eher unterbewusst. Der Film muss mich als Kind wohl stark beeinflusst haben. Mit der Michael Ende Elementary wollte ich eine kleine Verneigung vor meinem Vorbild im Comic unterbringen. Den Insidern, die den Namen wiedererkennen, wollte ich damit eine kleine Freude machen.

Klassischer Fantasy wird ja oft vorgeworfen, ihr würde eine gewisse Weltflucht anhaften? Geht es in Wormworld darum? Um die Flucht vor Problemen?

Die Verdrängung von Problemen und welche Folgen das haben kann, das ist ein sehr starker Subtext in der Wormworld Saga. Die Geschichte ist sich dieser Problematik bewusst und behandelt sie auch selbst. Das Thema Realitätsflucht möchte ich kritisch beleuchten. Und es wird mich noch beschäftigen, das behutsam unterzubringen. Ich will da ja auch nicht belehrend rüberkommen.

Gibt es in Wormworld autobiographische Bezüge?

Mein Vater hat mich gleich gefragt, ob er so ein fieser Vater gewesen wäre wie der Vater von Jonas. Ich hatte glücklicherweise Eltern, die mich nie gedrängt haben oder mir gesagt haben, was ich machen muss. Jonas und seine Probleme, seine Panikattacken… das ist alles frei erfunden.

Im ersten Kapitel gibt es jedoch einige Locations, die realen Vorbildern nachempfunden sind. Das Haus der Oma zum Beispiel ist fast eine 1:1-Umsetzung vom Haus, in dem mein Bruder mit seiner Familie wohnt. Teile der Inneneinrichtung sind dann wiederum von meinem Elternhaus abgeleitet. Und die Katze, die Jonas im ersten Kapitel trifft, existiert tatsächlich. Sie lebt bei uns und ist - wie im Comic auch - sehr ängstlich.



Wie gelingt es Dir, die Farben so zum Leuchten zu bringen?

Die Wormworld Saga ist konzipiert für eine Darstellung am Bildschirm. Es ist ein digitaler Comic und wurde für digitale Geräte entworfen, zum Beispiel für Tablets. Die Gestaltung mit viel Lichteinsatz wirkt am Bildschirm einfach viel besser als auf dem Papier.

Warum ist Wormworld kostenlos im Internet verfügbar? Hast Du über eine Veröffentlichung als Print nachgedacht?

Bevor ich das Projekt angegangen bin, habe ich recherchiert. Ich wollte herausfinden, welche Chancen auf dem Buchmarkt bestehen. Relativ schnell bin ich zu dem Punkt gekommen, dass die Produktion von Comics, besonders in Deutschland, kein wirklich gutes Geschäft ist. Nicht nur im Hinblick auf die möglichen Umsätze. Darum ging es mir gar nicht, ich mache das ja nebenbei. Vielmehr ging es mir um die Zahl der Leser, die ich erreichen könnte…

Als Newcomer würde man bei einer Startauflage von vielleicht fünftausend Exemplaren landen. Wenn das Ganze dann gut ankommt und der Verlag sich auf eine zweite Auflage einlässt, wird man vielleicht auf zehntausend Exemplare kommen. Und dann verschwindet das schon wieder aus den Regalen, und es wird Platz gemacht für neuere Produkte. Damit hätte man sich dann zufrieden geben müssen. Das dann kombiniert mit der Aussicht, eine relativ geringe Beteiligung an den Umsätzen zu haben… Der Verlag dahinter ist ja ein großer Apparat und verschlingt natürlich bei so einem Projekt einen großen Teil der Umsätze für Vertrieb, usw. Da habe ich mir gesagt: Wenn es mir nicht primär um Umsätze geht, dann sollte ich das Projekt dahingehend optimieren, das es möglichst viele Leute sehen können.

So kam es zu dem Ansatz, Wormworld im Internet zu präsentieren. Und vor allen Dingen: kostenlos. Ich wollte, dass das Ganze komplett barrierefrei ist. Im Grunde sollte es für niemanden eine Ausrede geben, das nicht zu lesen. Was Leserzahlen angeht, ist die Strategie mittlerweile aufgegangen.



Wie sieht es mit der Finanzierung von Wormworld aus?

Das Projekt ist noch nicht so aufgestellt, dass es sich finanzieren könnte. Ich schalte zum Beispiel keine Werbung. Die Einnahmequellen sind im Moment die Donations und die Verkäufe der Prints, die ich auch auf der Website anbiete. Mir war aber von Anfang an klar, dass darüber keine Umsätze erzielt werden würden, die das Projekt finanzieren könnten. Wir reden hier ja von einem Jahreseinkommen. Selbst mit einem erfolgreichen Projekt bekommt man kein Jahreseinkommen über Spenden herein. Überrascht hat mich, dass so viele Spenden hereingekommen sind, mehr, als ich zuerst gedacht hätte. Die Kosten, die ich im Vorlauf für Server und Markenregistrierung hatte, sind mittlerweile eingespielt. Die Einnahmen, die jetzt kommen, kann ich als Investitionsbudget betrachten und für das Projekt nutzen.

Wie viele Kapitel soll die Wormworld Saga einmal haben?

Die ganze Saga umfasst drei Teile. Jeder Teil dieser Trilogie ist eine eigene Reise in die Wormworld und wird zwischen fünfzehn und zwanzig Kapitel umfassen. Im Moment gibt es grobe Notizen zum Plot und erste Zusammenfassungen. Bei der Ausarbeitung werde ich dann merken, wie viel Material ich in einem Kapitel unterkriege und wo es Sinn macht, den Schnitt zu machen. Insgesamt werden es am Ende zwischen fünfzig und sechzig Kapitel sein.



Deinen Lesern teilst Du mit, dass sie sich bis zum Jahresende gedulden müssen. So lange soll es dauern, bis das nächste Wormworld-Kapitel erscheint. Bei einem so groß angelegten, zeitintensiven Projekt – müsstest Du da nicht sehr alt werden, um es zu einem Abschluss zu bringen?

Mein Plan ist es, in diesem Jahr noch den Punkt zu erreichen, wo ich Vollzeit an dem Projekt arbeiten kann. Dann wäre ich in der Lage, vier Kapitel im Jahr zu gestalten.

Wie geht es jetzt mit Wormworld weiter?

Bis Mitte des Jahres soll eine App für mobile Geräte produziert werden. Vor allem für Tablets. Geplant ist, dass das einmal mein Hauptstandbein wird. Und ich hoffe, dass ich noch in diesem Monat die ersten Striche am zweiten Kapitel machen kann.

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