Comics für den Gabentisch

Christopher Bünte

Weihnachten kommt immer so plötzlich. Falls euch noch für irgendjemanden ein fehlendes Geschenk drückt – wir haben ein paar Tipps aus dem Comic-Universum zusammengestellt. Viel Spaß beim Lesen und Verschenken!



Argstein ist ein kleines Tal am Ende der Welt. Bäume und Berge, soweit das Auge reicht. Aus dem dunklen Blätterdickicht des Waldes ragen ab und zu ein paar windschiefe Hausdächer empor. Vielleicht stehen wir im Schwarzwald. Oder wenigstens in einem mittelalterlichen Alptraum davon. Mittendrin: Gereon, seines Zeichens Förster und Monsterschläger. Er ist hier einer der wenigen, die furchtlos durchs Gehölz flanieren, der Held von Argstein, wortkarg und kampferprobt.




Denn wenn Rieseneber, Dunkelelfen oder andere Ungeheuer den Wald verlassen und den Sterblichen ans Leder wollen, ist Gereon stets zur Stelle und gibt ihnen Saures. Als eine Mischung aus Hellboy und Der Förster aus dem Silberwald beschreiben Autor Josef Rother und Zeichner Eckard Breitschuh ihr unkonventionelles Action-Projekt. Wer raue Gesellen, Fantasy und Horror mag, ist mit dieser Serie gut beraten. Bisher sind zwei Bände von Argstein erschienen.

  • Josef Rother/Eckhard Breitschuh: Argstein. Das Gesetz des Waldes, Ehapa 2007, 64 Seiten, farbig, 8,50 Euro
  • Josef Rother/Eckhard Breitschuh: Argstein. Alptraum unterm Berg, Weißblech 2010, 68 Seiten, farbig, 7,80 Euro



Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kehren Die Toten zurück. Zum Beispiel in dieser Anthologie. Verschiedene Zeichner und Autoren loten hier zum ersten Mal im Comic das Zombie-Unwesen in Deutschland aus.

Ob in Heidelberg, Stuttgart oder München – die Toten sind überall zu neuem Leben erwacht und haben Hunger. Wer den Ausbruch der Katastrophe überlebt hat, kann von Glück sprechen. Fortan muss er um sein Leben bangen. Denn die Welt, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr. Harte Rohkost für Horror- und Splatterfreunde. Jeder Band von Die Toten enthält drei abgeschlossene Kurzgeschichten. Zwei Bände gibt es bereits, weitere sollen folgen.

 

  • Die Toten 1. Zwerchfell 2010, 68 Seiten, farbig, 14 Euro
  • Die Toten 2. Zwerchfell 2010, 88 Seiten, farbig, 14 Euro



Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens.

So ganz richtig scheint das Zitat nicht zu sein, das von Ulli Lust als Titel bemüht wird. Der letzte Tag… Oder der erste Tag…? Besonders groß scheint der Unterschied auf den ersten Blick nicht zu sein. Die Protagonistin des seitenstarken Comic-Werks nimmt es damit auch nicht so genau. Dabei handelt es sich um sie selbst, vor über 25 Jahren, denn sie erzählt eine autobiographische Geschichte, ein Road-Movie quer durch Italien und die europäische Punk-Szene Mitte der 1980er Jahre. Sie lebt auf der Straße, hat Kontakt mit der Mafia und wird vergewaltigt.

Urlaubs- oder Strandlektüre ist das nicht. Und bald wird klar, dass das verunglückte Zitat sehr bewusst eingesetzt wurde, denn es zeigt neben dem jugendlichen Drang nach Freiheit und freier Liebe noch eine Schattenseite auf, die Ulli Lust am eigenen Leibe ertragen und erlebt hat. Es gehört unendlich viel Mut dazu, solch eine Geschichte zu erzählen. Ein großartiger Comic, von dem sich das Bionade-Bürgertum aus sicherer Entfernung erzählen lassen kann, wie scheiße die Welt da draußen manchmal ist. Ulli Lust gewann 2010 mit Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens sowohl den ICOM-Preis für den Besten deutschen Comic als auch den Max-und-Moritz-Publikumspreis.

 

  • Ulli Lust: Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens, Avant 2009, 464 Seiten, zweifarbig, 29,95 Euro
Es hat eine Weile gedauert. Nach Acht, neun, zehn sah man von Arne Bellstorf jahrelang nur Kurzformen in diversen Magazinen und Tageszeitung. Baby’s in black ist sein zweiter Lang-Comic, ein schwarzweißer, gefühlvoller Band aus dem Herzen Hamburgs. Erzählt wird die Geschichte von Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe. Irgendwie ist das also ein Buch über die Frühphase der Beatles, als sie noch nicht berühmt waren. Irgendwie ist es aber auch eine Geschichte über das Leben in den Sechziger Jahren, über Intellektuelle in Rollkragenpullovern, über Freundschaft und über Beziehungen. Das Warten darauf hat sich gelohnt.

 
  • Arne Bellstorf: Baby’s in black, Reprodukt 2010, 216 Seiten, schwarzweiß, 20 Euro



Erich Kästner, da denkt man schnell an Emil und die Detektive, an Pünktchen und Anton oder an Das fliegende Klassenzimmer. Ein weniger bekanntes Werk aus seiner Feder ist Der 35. Mai, dem sich die Künstlerin Isabel Kreitz angenommen hat. Kästner schrieb die Geschichte über den Schüler Konrad, der mit seinem Onkel Ringelhuth auf dem Rücken eines sprechenden Pferdes in die Südsee reitet, 1932, kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Der 35. Mai kann als farbenfrohe und phantasievolle Abenteuergeschichte für Kinder gelesen werden.

Konrad und sein Onkel durchqueren das Schlaraffenland und Elektropolis, reiten auf dem Äquator und besuchen Die verkehrte Welt, bis sie schließlich in der Südsee ankommen, über die Konrad einen Aufsatz schreiben soll. Die Geschichte kann aber auch als ein Gegenentwurf zu nationalsozialistischen Erziehungszielen bzw. zur nationalsozialistischen Ideologie allgemein gelesen werden. Ein Lesevergnügen für jung und alt. Isabel Kreitz gewann 2008 mit Der 35. Mai den Max-und-Moritz-Preis in der Kategorie Beste deutschsprachige Comic-Publikation für Kinder und Jugendliche.

  • Erich Kästner/Isabel Kreitz: Der 35. Mai, Dressler 2006, 100 Seiten, farbig, 16,90 Euro
Die Weihnachtsillustrationen, die diesen Artikel schmücken, stammen übrigens von Veronika Mischitz. Hier könnt Ihr sie auf Ihrem Blog besuchen.

Mehr dazu:

fudder: Comic-Blog