Comic-Lesung im Theater: Gottes Werk und Königs Beitrag

Martin Jost

Am Donnerstagabend las der Schriftsteller Ralf König im Stadttheater aus seinen Comics. Die Live-Darbietung seiner Bibelsatiren war allerdings mehr als nur eine Lesung: Sie war eine Solidarisierung mit den Freiburger Papstgegnern, eine moralische Betankung ihrer Empörung und eine Mutspende für die humanistischen Kämpfer gegen die Mächte des Bösen, derer wir harren. Meint fudder-Autor Martin Jost. [Mit Video!]



„Ich lese aber nicht nur religiöse Comics“, versprach Ralf König am Anfang seiner Lesung. „Ich habe auch ein paar schwule Geschichten eingestreut.“


Bei König geht die Geschichte von David gegen Goliath so: David möchte den Hünen Goliath nicht töten, weil er ihn mordsmäßig attraktiv findet. Gott zwingt David, seinen Stein gegen Goliath zu schleudern, obwohl David ihn gewarnt hat, dass er nicht besonders gut zielen kann. Und wie von ihm selbst vorhergesehen, trifft er daneben. Der Stein fliegt geradewegs in den Himmel. Plopp. „Hab' ich's nicht gesagt?“, will er zu Gott sagen. Doch der antwortet nicht. Und Goliath sagt: „Gott ist tot.“ Dafür dürfe der beschnittene Jude David, der unheimlich auf bedeckte Eicheln steht, nachher mal an Goliaths Vorhaut zutzeln.

Königs Humor ist bisweilen deftig, aber nie platt. Sein Timing ist präzise (er genehmigt seinen Protagonisten immer wieder Frames ohne Sprechblasen, in denen sie einfach nur verdutzt gucken) und seine Parodien auf Wilhelm Busch oder Loriot treffen voll.

Eine Comic-"Lesung"?!

Kommen wir zur gewöhnungsbedürftigen Form einer Comic-Lesung. Hat man so was schon gehört? Ein Mann liest aus seinen Comics vor! Naturgemäß ist das Publikum darauf angewiesen, die Bilder zu sehen, deshalb sitzt er an einem kleinen Tisch vor einer großen Leinwand, und seine Zeichnungen werden hinter ihm projiziert.

Gewöhnt ist man ja entweder das eine, oder das andere. Entweder man sieht die Bilder und springt mit den Augen von Sprechblase zu Sprechblase. Oder man lauscht einer Autorenlesung oder einem Hörbuch und kann theoretisch die Augen zumachen, denn die Bilder entstehen im Kopf. Bei König liest man mit und hört gleichzeitig die Stimmen, die er für seine Helden findet. Manchmal stört das. Zum Beispiel, wenn sein Timing live nicht so gut ist wie auf dem Papier: Er ringt sich nie zu guten, langen, unbequemen Pausen durch.

Er hat im Wesentlichen zwei verschiedene Stimmen für die Figuren: eine mehlige Männerstimme und eine schnarrende Kopfstimme, die öfter etwas krächzt. Sprechen drei Figuren miteinander, breit der Sound etwas zusammen.

Nur kleine Stolpersteine im Flow der Lesung. Das Publikum geht begeistert mit.

Viel Ehrgeiz zeigt König bei der Übung „Geräuscheffekte“. In dem Bild steht zum Beispiel „Schnarch“ und er röchelt mit Impetus ins Mikrofon.

Als guter Humorist gibt er seinen Charakteren die bierernste Schwere, mit der sie sprechen müssen, um richtig lustig zu sein. Während er liest, grinst er nicht oder lässt sich zum Kichern verleiten, obwohl das Publikum lauthals lacht und Szenenapplaus gibt. „Mit euch ist es toll“, sagt er nach der Pause und lässt sich zu etwas Bauchpinselung hinreißen: „Ich habe mal in Hamburg gelesen. Und das mit der norddeutschen Zurückhaltung ist gar nicht so weit hergeholt.“  



Ralf König, politischer Autor

Lauter als die Pointen, die manchmal nur aus einem stummen Bild bestehen, feiern die Zuhörer (und -schauer) aber seine Benedikt-kritischen Einlässe. Er erzählt zum Beispiel von einer italienischen Comicmesse, auf der er sich mit einer Graphic Novel über eine Homo-Ehe präsentierte. Die Dolmetscherin zensierte seine (wie er sagt: keineswegs beleidigenden) Aussagen über die päpstlichen Dogmen. „Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem die Menschen nicht so kirchenhörig sind.“ Brüllender Applaus.

Ins Kleine Haus des Stadttheaters passen vielleicht etwas mehr als 200 Leute. Die Abendkasse hat noch einige „Stehplatzkarten“ (a.k.a. Treppenhockertickets) für die ausverkaufte Veranstaltung losgetreten. Etwa 80 Prozent des Publikums sind Männer. (Das ist eine konservative Schätzung.) Das olfaktorische Erlebnis ist ein völlig anderes als beim „Männerabend“ im Cinemaxx. Wohl nie zuvor haben 200 Männer in einem stickigen Theatersaal besser gerochen.

Allgegenwärtig sind die „Freiburg ohne Papst“-T-Shirts der gleichnamigen Initiative, die auch im Foyer verkauft werden – am Tisch mit den Unterschriftenlisten, gleich neben dem Bücherstand und dem Infostand der Rosa Hilfe.

Eine originelle T-Shirt-Variation: „Ratzis raus!“

Die Lesung ist eigentlich eine politische. König soll den Freiburgern, die auch ohne Papst könnten, Mut machen. Sie lachen sich nicht einfach schlapp, sie lassen sich bereitwillig aufpeitschen. König streut ein paar Benedikt-Karikaturen ein. Er ist dezidiert als Humanist und Papstkritiker eingeladen. Wobei er eingangs bekundet, von diesem Thema bald auch wieder genug zu haben. „Ich bin eigentlich mehr Agnostiker als Atheist. Ich lasse den lieben Gott einen guten Mann sein.“ Das Thema Religion wolle er in seinem Werk bald ganz hinter sich lassen. „Wenn man dagegen ist, besteht die Gefahr, dass man sich zu viel mit Religion beschäftigt.“

Die Lesung ist eigentlich fertig, aber rhythmisches Klatschen fordert von König noch drei Zugaben. Er verspricht, seine Bücher zu signieren und gern auch Knollennasen hinein zu malen – das Publikum kann schwer loslassen von dem Propheten, der sie zwei Stunden lang auf einer Wellenlänge hat schwingen lassen und ihnen das Gefühl gab, dass ihr Kampf gegen den Papstbesuch weniger aussichtslos ist als der von David gegen Goliath.

Comic-Lesung mit Ralf König am 8.9.2011 in Freiburg

Quelle: YouTube


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[Fotos: Promo, Ingo Schneider]