Comic-Check: The Umbrella Academy

Christopher Bünte

Mit The Umbrella Academy landeten Gerard Way, Sänger von 'My Chemical Romance', und Gabriel Bá einen Überraschungshit. Die Reihe ist eine wilde Achterbahnfahrt quer durch die Popkultur mit merkwürdigen Superhelden, sprechenden Schimpansen und einem durchgeknallten Killer-Team, das auf Naschwerk steht. Christopher hat sich die beiden ersten deutschen Bände angesehen.




Sieben Geschwister mit Superkräften. Sieben, am gleichen Tag geboren. Sieben, adoptiert.

Nummer Eins ist Spaceboy. Lebt auf dem Mond. Er hält Ausschau nach außerirdischen Invasoren. Hat einen Affenkörper (keine Metapher!). Nummer Zwei: Kraken. Dreitagebart. Ihm fehlt das rechte Auge. Einzelgänger. Finsterer Typ. Loses Mundwerk. Spaceboy und er streiten sich ständig. Nummer Drei: Rumor. Spaceboys heimliche große Liebe. Sie kann durch die Macht ihrer Worte die Wirklichkeit verändern. „Ich habe das Gerücht gehört, dass...“ Nummer Vier: Séance. Ein Albino. Trägt nur Schwarz. Barfuß. Geisterbeschwörer. Meister des Verkleidens und Immitierens. Nummer Fünf: Der Junge. Zeitreisender. Gefangen im Körper eines Grundschülers. Er altert nicht.

Nummer Sechs: Horror. Er ist tot. Unter seiner Haut schlummerten Ungeheuer aus anderen Dimensionen. Nummer Sieben: Die weiße Violine. Uninteressant. Angeblich ist nichts Besonderes an ihr.

Vater: Sir Reginald Hargreeves. Weltberühmter Wissenschaftler. Genannt: Das Monokel. Ein Außerirdischer. Und schließlich: Dr. Pogo. Er ist die gute Seele dieser durch und durch zerrütteten Familie. Wie ihn gibt es viele Schimpansen in dieser Welt, die sprechen können. Niemand wundert sich darüber. Warum auch? Es gibt schließlich Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel die Welt retten. Oder wenigstens John F. Kennedy.

Herzlich Willkommen in der Welt der Umbrella Academy! Autor Gerard Way singt gelegentlich für eine Kapelle mit dem Namen 'My Chemical Romance'. Das interessiert hier aber nur am Rande. Er und der Zeichner Gabriel Bá haben keinen Respekt vor bestehenden Comic-Welten. Sie schaffen so ihren eigenen Status Quo. Superhelden, die sich nicht wie Superhelden anfühlen.

Eine erfrischend neue Art zu erzählen, mit unorthodoxen Zeitsprüngen, wildes Vor und Zurück, bis einem der Schädel brummt. Rote Fäden en masse. Alles passiert gleichzeitig. Alles hängt zusammen. Alles liegt kalt Stück neben Stück. Und alles ist ein bisschen absurd.

Auf deutsch gibt es bisher zwei Bände. Das erste Mal liest man zur Orientierung, das zweite Mal findet man sich zurecht. Die Atmosphäre und die fabelhaften, an Mike Mignola erinnernden Bildwelten hingegen genießt man vom ersten Moment an.



Aus zwei Gründen könnte The Umbrella Academy hierzulande zu einem Geheimtipp avancieren. Toll gezeichnet, toll erzählt, aber nichts für den breiten Superhelden-Mainstream. Denn eigentlich sind alle sieben Hauptfiguren vom Leben gezeichnet, keine Überflieger, sondern tragisch und labil. Wer keine Superhelden mag, hat allerdings auch wieder ein Problem. Denn die übernatürlichen Fähigkeiten der Charaktere rücken sie eben doch in die Nähe von Superman und den anderen Strumpfhosenträgern. Beim deutschen Lizenznehmer Cross Cult läuft die Serie übrigens unter dem Genre Science-Fiction, was auch irgendwie ein bisschen ratlos aussieht.

Plötzlich läuft der Eiffelturm Amok. Fliegende Mülltonnen mit Laserkanonen verwüsten einen Jahrmarkt. Zwei Nazi-Killer, die auf Süßkram stehen, richten in einem Diner ein Blutbad an. Und immer wieder Zeitreisen, Zeitreisen, Zeitreisen. The Umbrella Academy ist dicht, dicht an Motiven, dichter geht‘s kaum. Eine Achterbahnfahrt. Da verschmelzen Humor, Popkultur und die ganz große Tragödie zu origineller Leichtigkeit. Einen Eisner Award gab‘s dafür schon. Mal sehen, was die Zukunft noch bringt. Eine Verfilmung ist angeblich geplant.



The Umbrella Academy 1-2
Cross Cult
Text: Gerard Way
Zeichnungen: Gabriel Bá
Hardcover, farbig
jeweils 192 Seiten
19,80 Euro/22 Euro

             

Mehr dazu:

  [Bilder: Cross Cult]