Comic-Check: Pluto

Christopher Bünte

Astro Boy ist in Japan so bekannt wie Mickey Mouse. Der Comicheld der 1950er Jahre ist einer der Helden der faszinierenden Pluto-Trilogie von Naoki Urasawa. Der ist ein Fachmann für faszinierende Comics.



Hierzulande kennt man Naoki Urasawa wegen seiner Serien "Monster" und "20th Century Boys". Wenn überhaupt. Urasawa präsentiert eine Entwicklungslinie des modernen Mangas, die in Deutschland noch immer wenig wahrgenommen wird. Es sind anspruchsvolle Geschichten für Erwachsene mit einer komplizierten Erzählstruktur und einer schier endlosen Ruhe im Inneren.


Bei Urasawa hat es der Leser nicht leicht. Oft braucht es sehr lang, bis man eine ungefähre Ahnung davon bekommt, wohin die Reise gehen soll. Geschichten wie ein riesiges Geheimnis. Es gibt keine Gedankenblasen und keine erzählenden Texte, nur die Figuren, ihre Sprache und die Handlung. Fast wie ein Theaterstück. Beim Erzählen schlägt Urasawa Haken und überrascht, macht alles anders, als man es erwarten würde. Auch bei "Pluto" kommt es immer anders, als man denkt.

Obwohl "Pluto" Science Fiction ist, obwohl es um Roboter geht und obwohl es auf einem klassischen Boys-Manga basiert, bleiben die Actionsequenzen rar gesät. Die Welt von "Pluto" ist eine Zukunft, in der Roboter ein Teil des alltäglichen Lebens sind. Einige von ihnen sehen aus wie Menschen, andere sind noch immer klar als Maschinen zu erkennen. Alle Roboter in "Pluto" verfügen über eine Künstliche Intelligenz, die es ihnen erlaubt, selbstständig Entscheidungen zu treffen und sich weiterzuentwickeln.

Die Roboter sind keine Taschenrechner mehr in der Hand von Menschen, sondern eine Parallelgesellschaft, die unabdingbar für die menschliche Existenz geworden ist. In dieser Welt treibt ein Mörder sein Unwesen. Wie es scheint, macht er Jagd auf die am höchsten entwickelten Roboter der Erde. Seinen besiegten Opfern pflanzt er Hörner an den Schädel, er selbst hat auch welche, was eine Anspielung auf antike Totengötter sein soll, zum Beispiel auf Pluto, den Totengott Roms, daher rührt der Titel der Serie. Die Serie ist also nach dem Mörder benannt, mysteriös und ohne zu verraten, wer er wirklich ist und was seine Motive sind.

Auf der anderen Seite stehen die Ermittler, zuvorderst Inspektor Gesicht von Europol, außerdem das Mädchen Uran und Astro Boy. Alle drei gehören zu den am höchsten entwickelten Robotern auf der Erde, sind also zugleich potentielle Ziele von Pluto.

Geschickt und ausdauernd verwebt Urasawa die Ereignisse, und man könnte es als Affront missverstehen, dass Astro Boy erst auf der letzten Seite von Band 1 auftaucht. Denn bei "Pluto" handelt es sich um die Neuinterpretation einer Episode aus der Serie "Astro Boy" von Osamu Tezuka. "Astro Boy" kennt in Japan jedes Kind. Er ist eine japanische Ikone, an Popularität vielleicht nur vergleichbar mit Mickey Mouse in den USA. Und Osamu Tezuka gilt ohnehin als »Gott der Manga«. Naoki Urasawa tritt mit "Pluto" also in gewaltige Fußstapfen.

Grund dafür war ein Jubiläum. Astro Boy ist eine Figur aus den 1950er Jahren. Nachkriegszeit, Technikbegeisterung, Öffnung zum Westen, Wiederaufbau, Neuanfang. Eine gute Zeit für Utopien. Im Manga feiert Astro Boy am 7. April 2003 Geburtstag. Als dieses Datum in der Wirklichkeit näherrückte, kam es zu ersten Gesprächen, wie und ob man "Astro Boy" in die Gegenwart überführen könnte. Naoki Urasawa selbst ist von "Astro Boy" stark beeinflusst worden, damals war er Rezipient, jetzt ist er selber Schöpfer. Die Bedingung, die Tezukas Sohn an die Wiedererweckung des Roboter-Jungen aus der Feder seines Vaters stellte, war, dass die Geschichte nicht bloß ein plattes Remake, eine Kopie, werden sollte.

Es sollte kein nachgemachter Tezuka werden, sondern ein waschechter Urasawa. Wer das Original "Astro Boy" und die Neuinterpretation "Pluto" kennt, wird verblüfft sein, wie sehr sich die beiden Fassungen voneinander unterscheiden. An die Stelle von Technikbegeisterung und optimistischem Blick in die Zukunft treten bei Pluto Nachdenklichkeit und eine tiefe Skepsis. Fortschritt wird nicht mehr gefeiert, er wird in Frage gestellt.

Einen Retter wie Astro Boy aus den 1950er Jahren – mit Düsentriebwerken in den Füßen, Infrarotaugen und einem Super-Computer als Gehirn – könnte Japan jetzt, nach der Tsunami-Katastrophe und den Unfällen in Fukushima, Onagawa und Tokai, gut gebrauchen. Am Ende wird dann alles gut. Urasawa setzt dahinter ein Fragezeichen.

Pluto 1-3
Carlsen Comics
Story: Osamu Tezuka
Adaption: Naoki Urasawa, Takashi Nagasaki
Zeichnungen: Naoki Urasawa
Paperback mit Klappenbroschur, teilweise farbig
je 202-218 Seiten
je 12,90 Euro

Mehr dazu: