Comic-Check: Affentheater

Anselm Müller

Wie soll man mit einem Comic umgehen, der andauernd den so genannten guten Geschmack mit Füßen tritt? Der sich mit Themen wie Leichenschändung und Sodomie beschäftigt und die Grenzen des Mediums auf’s Äußerste auslotet? Warum "Affentheater" trotzdem einen Blick wert ist, erfahrt ihr von Anselm.


 
Worum geht’s? Vordergründig: Um zwei Fotografen und ihre sehr spezielle Art Porträts zu arrangieren. Hintergründig handeln die Kurzgeschichten von Grenzüberschreitungen in den Bereichen Sex (Sodomie, Sado Maso), Fremdenhass und Leichenschändung.


Hinter jeder Geschichte versteckt sich die Frage: Darf ich mich über diese Grenzüberschreitungen amüsieren? Sobald man jedoch diese Frage für sich beantwortet hat, drängt sich eine neue auf: Wann ist selbst die Political-Incorrectness so weit ins Absurde geführt, dass sie als Kategorie nicht mehr dienen kann? Sind ab diesem Punkt moralische Bedenken noch sinnvoll? Platt ausgedrückt: Wann hört der gute Geschmack auf?

Doch nicht nur die moralischen Grenzen werden auf ihre Dehnbarkeit geprüft. Auch die Grenzen des Mediums Comic. Mehrere Bilder sind als Phenakistiskope – auch Wunder- oder Lebensräder genannt – und Stereoskope gemalt. In einer Geschichte sind die Anfangsbuchstaben vertauscht. Einige Bilder können erst durch das Malen der Leser entschlüsselt werden. Interaktivität wird ferner dadurch hervorgebracht, dass einige dieser außergewöhnlichen Bilder im Internet zu begutachten sind.

Wie kann ich mit diesem Comic Leute kennen lernen?

Die extravaganten Darstellungen könnten auf einer Party der grafischen Hochschule als Partygespräch dienen. Die Fragen nach der moralischen Grenzübertretung wären wohl eher bei einer Philosophenfete interessante Gesprächsangebote. Mediensoziologen könnte man mit der Frage nach der Transformation des Mediums in eine anregende Diskussion ziehen. Ob Frauen auf einer Party gerne über Sex mit Tieren oder über Leichenschändung sprechen, ist von der jeweiligen Gesprächspartnerin abhängig.



Was würde Mutti dazu sagen?

Mutti kann über "Affentheater" gar nicht lachen. Nein, vielmehr würde sie ein gleiches aufführen, wenn der Filius oder die Filia ihr von den Geschichten erzählen würde. Für Mutti wäre "Affentheater" nur ein weiterer Beweis, dass Comics die moralische Degeneration der Jugend fördern.

Klolektüre oder große Kunst?

Genau das ist die Frage, mit der dieser Comic spielt. Wie viele Grenzüberschreitungen und wie viel Fäkalwitz ist erlaubt? Darf Kunst alles? Oder wird ab einem gewissen Niveau Schund daraus? Das ist das Spannende an "Affentheater" – weniger die Zeichnungen oder die Geschichte, als viel mehr die eigenen Fragen, mit denen sich der Leser befassen muss.

Anspruch


Klolektüre


Humor


Action


Spannung


Story


Zeichnungen


Informationsgehalt



Mehr dazu:

Affentheater
Edition Moderne, April 2009
Text und Zeichnungen: Florent Ruppert, Jerôme Mulot
Übersetzung: Martin Budde
110 Seiten, Softcover, Schwarzweiß
14,80 Euro
ISBN 9783037310434