Comic-Biograph Reinhard Kleist: "Wenn es optimal läuft, erlebt der Leser die Geschichte wie einen Film"

Anselm Müller

Für "Lovecraft" wurde Comickünstler Reinhard Kleist im Erlanger Comicsalon mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet. Sein neues Werk "Havanna – eine kubanische Reise" hat er zuerst als Weblog veröffentlicht; jetzt ist es als Buch erschienen. Morgen kommt Kleist zu einer Signierstunde nach Freiburg. Anselm hat mit dem Cash-Biographen vorab gesprochen.



Herr Kleist, Sie haben Comicbiografien über H.P. Lovecraft, Elvis Presley und Johnny Cash geschrieben. Was interessiert Sie so an diesem Genre?

Reinhard Kleist: Mich interessiert an Lebensgeschichten immer das Zusammenspiel von Fakten, spannenden Charakteren und Bildern, die diese beiden Dinge optisch verdichten. Mit dem Comic habe ich die Möglichkeit, wie zum Beispiel bei der Cash-Biografie, die Lebensgeschichte anhand von Kurzgeschichten zu bebildern, deren Grundlage Songs von Cash sind.

Ihr nächstes Projekt?

Das wird eine Biografie von Fidel Castro sein.

Jemand wie Dieter Bohlen reizt Sie nicht?

Nein, für kein Geld der Welt würde ich was über den machen. Der Typ ist zwar verrückt, hat aber nichts, was sich für mich zu einem Comic verdichten ließe. Er hat für mich einfach kein spannendes Leben.

Ihre Comics über Lovecraft, Cash und Dorian sind eher düster. Auch die Zeichnungen sind eher wild und expressionistisch. Ihr neues Werk "Havanna – eine kubanische Reise" ist dagegen ruhig, klar, recht hell. Wie kommt's?

Das lag an der Karibik und dem Flair von Kuba. Doch auch in Havanna gibt es düstere Geschichten. Es sind weniger die Zeichnungen als vielmehr die Geschichten, die düster sind. Ferner war es eine Vorarbeit für die Fidel-Biografie sowie mein erstes Weblog, das später als Comic veröffentlicht wurde. Ich kann mir durchaus vorstellen, in naher Zukunft ein weiteres autobiografisches und eher essayistisch-politisches Comic zu machen.



Havanna wurde als Weblog bei Carlsen veröffentlicht und sozusagen parallel zu Ihrer Reise ins Netz gestellt und später als Comic veröffentlicht. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Ich saß eines Abends mit meinem Redakteur und seiner Frau in meiner Küche in Berlin und er kam mit dieser Weblog-Idee auf mich zu. Ich war sehr skeptisch, da ich eigentlich zur Recherche und zum Zeichnen nach Kuba fahren wollte. Vor Ort kostete es mich immense Zeit, da die Internetleitungen langsam waren und ich fast mehr Zeit vor dem Rechner saß als zeichnete. Zum Glück musste ich nur meine Zeichnungen und Texte nach Deutschland schicken, mein Redakteur kümmerte sich um die Gestaltung des Blogs. Kommentare konnte ich nicht beantworten. Alles andere wäre wegen der „infrastrukturellen Defizite“ Kubas in Bezug aufs Internet nicht möglich gewesen.



Ihre Geschichten erzählen von Dämonen und Vampiren. Was fasziniert Sie am Morbiden?

Ich bin kein romantisierender Vampirfan und teile auch nicht die Faszination einer Anne Rice (Anmerkung der Redaktion: "Interview mit einem Vampir") oder anderen Autoren an diesen literarischen Gestalten. Ich setze Vampire oder Dämonen als einfache Metaphern ein, um Gegensätze oder Missstände hervorzuheben. Beim Lovecraft-Comic benutzte ich die Dämonen, um den in den Wahnsinn abgleitenden Protagonisten bildlich klarer beschreiben zu können. Bei meinem Comic "Berlinoir" sind sie ein Sinnbild für die Mächtigen. Ferner war ich schon immer ein Fan des Neo-Noirs/deutschen Expressionismus und Filmen wie Blade Runner, Metropolis und Das Cabinett des Dr. Caligari.



Wie gehen Sie Ihre Aufgaben an?

Das ist meist sehr chaotisch. Am Anfang von Cash wollte ich ein Comic über Musik machen. Ich tastete mich vorwärts, kam zum Country, stieß auf Johnny Cash und empfand die Geschichte dieses Mannes einfach spannend. Ich hörte die Musik, schaute mir die Lyrics an und überlegte mir Geschichten. Witzig war dabei, dass ich den Song Hurt von Nine Inch Nails, den Cash so grandios coverte schon in Dorian verarbeitete und sich dann mit Cash ein kleiner Kreis schloss. Sobald ich weiß, was ich machen will, ist meine Arbeitsweise mit der eines Filmregisseurs vergleichbar. Ich überlege mir, wie Szenen auszusehen haben, aus welchem Winkeln ich sie zeichnen muss, damit der Leser, wenn es optimal läuft, die Geschichte wie einen Film erlebt.

Mehr dazu:

Web: Reinhard Kleist
Was: Signierstunde mit Reinhard Kleist
Wann: Donnerstag, 4. Dezember, 16 Uhr
Wo: X für U Comics, Rempartstraße 7