Coaching für Dokumentarfilmer

Xifan Yang

Wie inszeniert darf ein Dokumentarfilm sein? Darum und um noch mehr dramaturgisches Handwerk geht es bei dem diesjährigen Drehbuchcamp in Freiburg. Yvonne Engist-Kern, 37, studierte Politologin und Soziologin, ist eine der Teilnehmerinnen des Seminars "Dokumentarischer Kinofilm" - und dreht selbst gerade einen Film über polnische Erntehelfer.



Was haben Sie heute “gelernt”?

Wir beschäftigen uns ganz intensiv mit den Dokumentarfilmen des Seminarleiters, wir schauen uns Szenen an und erörtern technische Fragen. Da geht es dann etwa darum, zu schauen, wie viel Inszenierung ein Dokumentarfilm überhaupt verträgt um noch als solcher zu gelten. Inwieweit der Regisseur seine Protagonisten anweisen kann, was sie zu tun haben und inwieweit man ohne einzugreifen die Dinge einfach geschehen lässt.

Das Seminar ist sehr praxisorientiert. Inwiefern kann man sich da als Teilnehmer aktiv mit einbringen?

Die Teilnehmer selber haben teilweise eigene Projekte, die sie vorstellen. Für mich ist es ganz wichtig, mein Projekt einem Plenum auszusetzen, um ein Feedback zu bekommen. Ich verspreche mir von dieser Auseinandersetzung natürlich Impulse für mein eigenes Projekt.

Wie kommen Sie zum Filmen?

Nachdem ich im Ausland studiert habe, habe ich im Jahre 2000 als Übersetzerin für einen Dokumentarfilmer gearbeitet, über das Übersetzen hinaus entwickelte sich dann eine Zusammenarbeit mit mir als Regieassistentin. Da habe ich gemerkt, dass das mich einfach fasziniert und dass da meine Fähigkeiten liegen. Mich interessiert das reale Leben der Menschen, ich möchte die Dramatik und die filmischen Elemente, die das ganz normale Leben hat, dokumentieren. Diese Faszination hat sich über Jahre hinweg noch verstärkt.

Was wollen sie hier mitnehmen?

Ich bin schon 37, habe studiert und eine Familie, daher möchte ich keine spezielle Ausbildung dafür machen und baue also darauf, dass ich hier im Drehbuchcamp sowohl theoretisch als auch praktisch mich weiterbilden kann.

An welchem Projekt arbeiten Sie derzeit?

Ich drehe einen Film über polnische Erntehelfer. Meine Eltern haben ein Weingut im Kaiserstuhl und seit 1982 kommen auch polnische Erntehelfer zu uns. Daher kommt auch mein Interesse für dieses Land und die Sprache und die Möglichkeit, die Veränderungen der Rahmenbedingungen mitzuverfolgen. Die Erntehelfer kamen früher nur für drei Monate nach Deutschland. Seit dem EU-Beitritt Polens versuchen viele sich jetzt eine neue verlässlichere Existenz aufzubauen, früher nämlich bestand ihr Leben aus dem ständigen Hin-und-Her zwischen den zwei Ländern. Ich fokussiere mich auf zwei Erntehelfer, einer davon versucht jetzt zum Beispiel deutschen Wein in Polen zu verkaufen, seine deutsch-polnischen Erfahrungen für sich zu nutzen. Ich begleite sie auch in Polen, zeige ihre Lebenswelt dort.

Was halten Sie dann davon, deutsche Langzeitarbeitslose aufs Spargelfeld zu schicken, wie Politiker es vorschlagen?

Ich halte sehr wenig von Zwangsverordnungen. Man muss zunächst einmal die Not sehen, die hohe Arbeitslosigkeit. Die Landwirtschaft kann aber keine hohen Löhne bezahlen. Daher kommen Polen, die mit weniger zufrieden sind und auch bereit sind hart zu arbeiten. Deutschland ist einfach keine Agrargesellschaft mehr, es wollen wenige Menschen in diese Branche. Ich halte eine staatliche Regulierung für wenig sinnvoll. Allerdings glaube ich auch, dass der Mensch mit der Arbeit in der Landwirtschaft seinen Kosmos auch erweitern kann, Menschen, die keine Perspektive haben, diese Perspektive zu bieten.

Haben Sie ein bestimmtes Anliegen mit Ihrem Projekt?

Ich habe jahrelang miterlebt, dass polnische Saisonarbeiter darunter leiden, sogar einen Minderwertigkeitskomplex entwickelt haben, dass sie die Arbeit verrichten müssen, die keine Maschine erledigen kann, die aber auch kein Deutscher machen möchte. Das Interesse der Polen an den Deutschen ist unheimlich groß, umgekehrt ist das Interesse der Deutschen an den Polen aber sehr gering. Die Kommunikation und der Austausch befinden sich in einer Schieflage, und das würde ich gerne verändern.

Können wir Ihren Film bald im Kino oder im Fernsehen sehen?

Das steht noch völlig in den Sternen und hängt davon ab, wie er gefördert wir und ob Sender sich dran beteiligen. Info: Das Drehbuchcamp steht offen für alle, ob Autodidakt oder Hochschulabsolvent, und es geht noch bis Sonntag, 30. April.Mehr Hintergrund zum Drehbuchcamp:Hier gibt es eine Auflistung der Kurse.Hier gibt es kurze Porträts der Trainer.Noch mehr Infos unter www.drehbuchcamp.deDas Drehbuchcamp ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Zentralen Fortbildung von ARD und ZDF (ZFP), der MFG-Filmförderung Baden-Württemberg und der Hessischen Filmförderung unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins Drehbuchcamp e.V. Es wird unterstützt von der Degeto Film GmbH und der Freiburg Wirtschaft, Touristik und Messe GmbH & Co.KG. Alle Kurse sind als berufliche Bildungsmaßnahme anerkannt. Das Drehbuchcamp führt seit 1996 zwei Mal jährlich freie Autoren und Produzenten mit Redakteuren, Regisseuren und Produzenten von ARD und ZDF zusammen. Das Kursangebot ist auf die Praxis bezogen. Es vermittelt das dramaturgische Handwerk für angehende Drehbuchautoren und dient der Entwicklung von fiktionalen und dokumentarischen Stoffen. Die Kurse sind als Teile eines Baukastens anzusehen, der insgesamt alles enthält, was zum Drehbuchschreiben gehört bzw. was ein Drehbuchautor wissen sollte. Das Kursangebot bildet ein Curriculum. Es kann innerhalb von drei Jahren - neben der bisherigen Tätigkeit - durchlaufen werden und wird mit einem Abschluss bestätigt. Selbstverständlich kann jeder Kurs auch einzeln gebucht werden, denn alle Kurse zielen auf eine vertiefte Weiterbildung von Autoren und werden jeweils mit Zertifikaten bestätigt.