Clubkultur fürs Wohnzimmer: Boiler Room wird fünf Jahre alt

Bernhard Amelung

Einlass nur über Gästeliste: In Basel fand erstmals ein Boiler Room statt – eine Partyreihe aus London, die live ins Internet übertragen wird. An diesem Donnerstag feiert sie fünften Geburtstag und gehört mittlerweile zur digitalen Club- und Gegenwartskultur. Große Unternehmen nutzen sie als Werbeplattform.



Die Bassdrums bollern. Im nachtdunklen Basler Club Hinterhof steht Deetron an den Plattenspielern. Der Schweizer Discjockey, der eigentlich Sam Geiser heißt, legt kraftvollen House und Techno auf. Er dreht den Bass kurz raus und wieder rein, die Tanzenden kreischen; er treibt sie in die Mitte der Tanzfläche, an den Ort, an dem die Musik körperlich erfahrbar wird. Durch das laute und wirre Gewusel drängt sich eine Frau. Sie justiert Kameras, die das Geschehen aufzeichnen, denn an diesem Abend findet die erste Boiler Room-Party der Schweiz statt.


Der Boiler Room, englisch für Heizungsraum, ist keine Partyreihe, wie man sie sonst aus Clubs und Diskotheken kennt. Boiler Room ist eigentlich eine Musiksendung, die für den Zuschauer kostenfrei über das Internet übertragen wird. Das Echtzeitangebot lässt sich via Desktop-Browser und Smartphone-App nutzen. Per integriertem Chat können die Nutzer Nachrichten versenden. So funktionieren auch Live-Streaming-Dienste wie Periscope und You Now.

Die Sendung dokumentiert elektronische Musik und Clubkultur. Techno-Größen wie Sven Väth und Laurent Garnier haben bereits unter diesem Label aufgelegt. Aber auch andere Formen zeitgenössischer Musik finden Eingang in das Programm. So zum Beispiel das Konzert, das der Düsseldorfer Avantgarde-Pianist Hauschka mit dem MDR Sinfonieorchester im Juni im Leipziger Gewandhaus gegeben hat.

Wie die rund 500 Gäste im Basler Hinterhof tanzen Woche für Woche Hunderte Menschen auf solchen Veranstaltungen. Sie finden an exotischen Orten und in Weltmetropolen statt: im sibirischen Krasnojarsk genauso wie in der mexikanischen Küstenstadt Tulum, in New York, Los Angeles, Tokio, Berlin und London – den Schlüsselstädten für Clubkultur.



In der britischen Hauptstadt begann im März 2010 auch die Geschichte von Boiler Room. Damals fragte Blaise Bellville, ein Start-up-Unternehmer Anfang 20, zwei befreundete Discjockeys, ob sie Lust hätten, im alten Heizungskeller seines Büros ein Mixtape für sein Onlinemagazin "Platform" aufzunehmen. Das übertrugen sie über die Streaming-Plattform Ustream.

Mittlerweile wird über die eigene Internetseite boilerroom.tv gesendet,  das Angebot gehört  zur Club- und digitalen Gegenwartskultur. Das Archiv der Website umfasst über 900 Shows. Das Team um Bellville kuratiert Konzerte und Bühnen auf Musikfestivals wie Melt! und Dekmantel und auch die  Geburtstagsshow zum fünften Geburtstag live aus New York, Tokio, London, Los Angeles und Berlin. Einlass erfolgt nur über Gästeliste. Wie sonst auch.

Boiler Room vermittelt den Kern der Clubkultur

Für Deutschland koordiniert Michail Stangl das Programm. Der 32-Jährige Berliner plant, organisiert und moderiert die Sendungen, deren Konzept sich seit März 2010 im Wesentlichen nicht verändert hat. "Wir vermitteln den Identitätskern der Clubkultur", sagt Stangl. "Zum Feiern braucht es nicht mehr als einen dunklen Raum, ein paar Discjockeys und handverlesene Gäste." In dieser Reduziertheit sieht er einen wichtigen Erfolgsfaktor von Boiler Room. "Wir sind kein Unternehmen, das mit einer Subkultur Geld verdienen möchte."

Aber auch wenn die Künstler ohne Gage auftreten: Ganz ohne Geld läuft der Betrieb nicht. "Am Anfang haben wir alles in das Projekt gesteckt. Das war suizidal", sagt Stangl, der auch das Berliner CTM Festival kuratiert, eine Veranstaltung für experimentelle Popmusik und elektronische Musik. Inzwischen ist die Red Bull Music Academy als Partner eingestiegen, namhafte Sportartikelhersteller, Modemarken und selbst ein schottischer Whiskyhersteller buchen die Plattform Boiler Room für gesponserte Veranstaltungen.

Kultursponsoring versus Ausverkauf der Szene – das interessiert die Gäste im Basler Hinterhof an diesem Abend allerdings nicht. Deetron hat inzwischen die Regie an den Plattenspielern an seinen DJ-Kollegen Ripperton abgegeben. Das Publikum ist der Ekstase nahe. Die Bassdrum schlägt, die Menge kreischt verzückt. Punkt Mitternacht ist alles vorbei. Die Kameras werden ausgeschaltet.

Nina Kraviz - Boiler Room Scotland

Quelle: YouTube


Mehr dazu:

Was: 5 Jahre Boiler Room
Wann: Donnerstag, 5. November 2015
Wo: boilerroom.tv [Fotos: Boiler Room/Promo]