Chuck Ragan: Heldenverehrung im Auditorium

Carolin Buchheim

Die Hardcore-Band Hot Water Music aus Florida wird von ihren Fans geradezu kultisch verehrt. Kein Wunder, dass das Auditorium gut gefüllt war, als am Freitag Hot Water Music-Frontmann Chuck Ragan zusammen mit Austin Lucas und Digger Barnes dort Station machten, um einen gefälligen Country-Folk-Abend zu liefern. Es gab reichlich Heldenverehrung für Ragan und Jubelrufe für Austin Lucas. Caro war dabei.



"Ggggghrrrrrrrt!" tönt es aus den Lautsprechern. Ggggghrrrrrrrt? So klingt es ungefähr, wenn jemand Rotz aus den Nebenhöhlen in den Rachen herunterzieht, und das tut Austin Lucas am Freitagabend während er auf der Bühne des gut gefüllten und teilbestuhlten Auditorium steht. Jedes Mal entschuldigt er sich für das, zugegeben, Mikrophon vertärkt besonders ekelhafte Geräusch. Dazu ein aschfahles Gesicht und dunkelgraue Ränder unter den Augen: Kein Zweifel, dieser Mann ist krank. Un tritt trotzdem auf. Das gibt schon gleich zu Beginn einen Sympathie-Bonus.


Doch selbst vollkommen verrotzt vorgetragen sind die klassischen Country-Folk Songs des zur Zeit in Prag lebenden Lucas fantastisch: Lucas gibt alles, quält sich hingebungsvoll an den feinen Gesangsparts, prügelt seine Stimme tapfer in die Höhe und kickt dazu, in sympatischer Humpty Dumpty-Manier, sein rechtes Bein im freien Rhythmus in die Luft. Man fragt sich zwangsläufig, wie großartig dieser junge Mann bei bester Gesundheit sein muss, wenn er krank schon so verdammt gut ist.

Sprechen zwischen den Songs geht kaum, singen wird immer schwieriger, und als Lucas ein Gitarren-Instrumental spielen will - wenn schon nicht sprechen und singen, dann wenigstens Gitarre spielen - klappt selbst das nicht. When it rains it pours. Doch Austin Lucas lacht, und spätestens da gehören ihm alle Sympathien des erstaunlich jungen Publikum im Auditorium und fordert später, ein wenig gnadenlos, Zugaben.

Und Austin Lucas nimmt die Herausforderung tapfer an, singt weiter und jammt sich, als die Rufe nach noch mehr Zugaben immer noch nicht aufhören, schließlich mit Co-Support Pencil Quincy und einer seltsamen Plastikflasche-und-Gartenschlauch-Konstruktion mit der er wohl seine Stimme befeuchten will, durch einen gebeatboxten Cypress Hill-Song.



Als nächstes tritt Digger Barnes auf. Der schlaksige Mann mit Schnauzbart und Baseballcap stammt aus Hamburg, aber auf der Bühne fällt kein einziges deutsches Wort, denn hier wird englisch geredet und gesungen, mit reichlich Southern Twang und noch mehr Attitude, und das mag man, oder nicht. Barnes sitzt als One Man-Band, den Fuß auf einem Percussion-Kasten, die Gitarre vor sich, vor einer Leinwand, auf die seine Visual Effects-Begleitung Pencil Quincy kunstvoll niedliche Szenen projeziert und erzähltsingt Geschichten aus dem fiktiven Leben in Diggers Diamond Diner.

Das ist ein, zwei Songs lang nett, wird durch die Grenzen dieses Set-Ups und durch die beschränkten musikalischen Möglichkeiten von Barnes im dunklen Auditorium jedoch schnell einschläfernd langweilig. Das Publikum flieht in großen Teilen an die Theke oder gleich vor die Halle, um stattdessen den lauen Abend zu genießen.



Und dann endlich der Mann, wegen dem die Jungs und Mädchen in den Hot Water Music-T-Shirts und den schwarzen Baseballcaps ja eigentlich da sind: Chuck Ragan. Herzlich Willkommen zur Heldenverehrung!

Auch wenn er allein Country-Folk macht: Ragan tut auch das als energiegeladener Hardcore-Shouter. Sympathisch und bescheiden wirkt er zwischen den Songs, bedankt sich für die Zwischenrufe und den Applaus doch obwohl das alles nett und freundlich ist: irgendwie kommt emotionaler Rapport zwischen ihm und dem Publikum nicht zustande, auch wenn beide Seiten sich redlich bemühen.

Die Jungs und und Mädchen in den Hot Water Music-T-Shirts und den schwarzen Baseballcaps, die sonst niemals ein Country-Folk-Konzert besuchen würden, hopsen mit nach oben gestreckter Faust zur von Jon Gaunt gespielten Fiddle herum. Der Held macht jetzt diese Art Musik, also lieben wir sie auch.

In Ragans Songs gibt es viel Leidenschaft aber wenig Nuancen, und so wirkt sein Spiel schließlich erstaunlich gleichförmig. Lediglich die Songs "The Boat", über das Leben in und mit der Musik und das rasante "California Burritos" ("I can't stand feeling nothing") stechen, neben den vom Publikum begeistert aufgenommenen Hot Water Music-Songs, aus dem Programm heraus.



Abwechslung gibt es erst, als sich zum Abschluß des Abends Austin Lucas und Digger Barnes zu Chuck Ragan und Jon Gaunt auf die Bühne gesellen. Zusammen mit Lucas Vater Bob haben die vier gerade ein Album veröffentlicht, "Bristle Ridge", auf dem es geradezu altmodischen Country-Folk zu hören gibt, und so gibt es als Zugabe eine Kostprobe ihrer Kollaboration.

Austin Lucas holt von irgendwoher, vielleicht vom tosenden Applaus und aus den "Austin! Austin!"-Rufen des Publikums, noch ein wenig Energie zusammen um doch noch ein wenig zu singen. "Es tut mir leid, aber nachher werdet ihr alle zu mir kommen, und dann kann ich nicht mehr reden. Dafür will ich mich jetzt schon entschuldigen", sagt Lucas.



Und so ist es dann auch. Nach zwei weiteren Zugaben ist der Gig vorbei und begeisterte Konzertbesucher gehen zu Austin Lucas und bedanken sich für das Konzert trotz Krankheit. Und Austin Lucas kann nur noch lächeln und nicken, mit der Plastikflasche-und-Gartenschlauch-Konstruktion in der Hand.

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