Christoph Drieschner alias Tex im Interview: "Ein schöner Song muss für mich kryptisch bleiben."

Bernhard Amelung

Er ist Mathematiker, Gründer und Moderator der Musikshow "TV Noir" und Musiker: Am 31. Januar macht Christoph Drieschner alias Tex auf seiner Solo-Tour Station im Jazzhaus. Was gutes Songwriting auszeichnet, verrät er im Interview.

"Draußen ist Chaos, drinnen ist Krieg" singst du im Titelsong deines Albums "Von hier bis aufs Dach". Was meinst du damit?
Tex: Ich habe diesen Song geschrieben, als ich mit einer Freundin zusammen war, die sich sehr schwer getan hat im Leben. Der Text beschreibt, wie ich sie damals erlebt habe. Ich habe ihre Verstrickungen gemerkt, wollte ihr helfen, konnte sie aber nicht erreichen. Ich war damals einfach der falsche Mann am falschen Ort. Ich singe aber auch über meine eigene Hilflosigkeit und Unfähigkeit.


Die Themen Liebe und Hilflosigkeit behandelst du oft in deinen Liedern. Wie stark autobiographisch sind diese eigentlich?
Tex: Ich denke, das sind meine Themen. Ich schreibe diese Songs für oder an andere Menschen, die mir viel bedeutet haben oder viel bedeuten. Ich kann in einem Song vieles verwurschteln, das mich persönlich betrifft. Das ist das Schöne an der künstlerischen Arbeit.

Oft wirkst du dabei wie ein Getriebener…
Tex: Ich habe vier Songs, in denen die Wörter "Keine Pause, keine Ruh" als Textbrocken vorkommen. Ich bin getrieben, weil ich einerseits sehr ehrgeizig bin und viel erreichen möchte. Andererseits bin ich getrieben, weil ich viel Menschliches erlebe. Trotzdem habe ich eine unglaubliche Sehnsucht nach Ruhe, sozusagen nach Frieden nach dem Krieg.



Wie kommen der Künstler Tex und der Mensch Christoph Drieschner zur Ruhe?
Tex: Ich bin süchtig nach Input. Ich habe einen Drang, mich mit Informationen vollzustopfen. Wenn ich nicht aufpasse, bin ich die ganze Zeit auf vielen Kanälen unterwegs, schaue Newscasts aus Amerika, bin auf Facebook, und so weiter. Vielleicht ist das eine Ausprägung der Attention-Deficit- oder Hyperactivity-Disorder.

Ich habe aber gemerkt, dass ich gut zur Ruhe komme, wenn ich Dinge weglasse und zulasse, dass ich einmal wenig mache. Das tut mir gut. Ich finde es aber schwer, diesen Zustand zu erreichen. Ich muss dafür sehr viel Disziplin aufbringen. Auch auf meiner Konzerttour führe ich diesen Kampf, den ich heute Morgen allerdings schon wieder verloren habe. Ich habe wieder viel rumgedaddelt. Aber ich habe auch ein Arsenal an ganz konkreten Techniken, mit denen ich runterkommen kann. Ich mache Yoga und meditiere manchmal.

Auch manche Protagonisten deiner Texte wirken rast- und ruhelos. In "Hallo Julia" singst du zum Beispiel "der Himmel ist ein Hühnchen auf der Reise nach Berlin, mit einem Herz aus Argentinien und der Sonne innendrin." Das wirkt sehr chiffriert.
Tex: Ich denke oft darüber nach, wie meine Texte wirken. Für mich sind sie allerdings sehr konkret. Das Hühnchen ist meine damalige Freundin, die nach Argentinien gereist ist. Ich bin zur selben Zeit in die Schweiz gezogen, und sie hat mir irgendwann einmal ein Päckchen mit einem Plüschhühnchen geschickt. In diesem Song verarbeite ich die Schönheit einer vergangenen Beziehung, und das Hühnchen ist eben eines der Symbole.

Erwartest du beim Songschreiben, dass deine Texte verstanden werden?
Tex: Es ist wichtig, dass man als Songwriter okkult bleibt. Ein schöner Song muss für mich immer ein wenig kryptisch bleiben und mir das Gefühl vermitteln, dass da etwas ist, was ich nicht sofort auflösen kann. Als ich angefangen habe, Songs zu schreiben, habe ich einige meiner Texte geglättet. Rückblickend weiß ich, dass diese Texte viel zu vollständig, viel zu offensichtlich sind und es besser ist, manche Dinge offen und chiffriert zu lassen. In der abstrakten Malerei funktioniert das doch auch. Als Songwriter darf man viel mehr Maler sein…



...und dem Hörer die Interpretation überlassen?
Tex: Mir ist wichtiger, der Hörer räsoniert über die Texte, als dass er sie vollständig versteht. Die eigentliche Ausgestaltung der Texte ist dann auch gar nicht mehr so wichtig. Denn wenn man Texte analysiert, beschäftigen sich die meisten Autoren mit Standardproblemen, den großen Konfliktsituationen eines menschlichen Lebens.

In einem Märchen wie "Eisenhans" steckt beispielsweise zu 80 Prozent drin, was man als Mann für große Konflikte, Transformationen und Heilungen während eines Lebens durchmacht. Diese sind in uns allen angelegt, quasi Jung"sche Archetypen. Deshalb verbinden uns diese großen Themen. Sie sind tief in uns angelegt. So will ich eigentlich auch verstanden werden. Denn auf dieser tieferen Ebene spürt man, dass man mit den anderen Menschen verbunden ist.

Inwieweit ist dann die Musik überhaupt noch wichtig?
Tex: Ich denke, an irgendeinem Punkt gibt es keinen Unterschied mehr zwischen einem Akkord oder einem Wort. Da gilt es nur noch zu untersuchen, was ein Gefühl oder einen Konflikt greifbarer, stärker erscheinen lässt und was nicht. Ich bin da genauso Archäologe und Forscher. Ich lege etwas frei und schaue, was in diesem Moment das jeweilige Gefühl verstärkt. Die Musik setzt dann ein, wenn ich in den Bereich komme, in dem ich nicht mehr fragen kann, was ich rational entschlüsseln und versprachlichen kann. Hätte ich Bilder zur Verfügung, könnten es auch Bilder sein. Das probiere ich auf meiner aktuellen Tour auch auf einer kleinen Projektionsfläche aus.


fudder verlost zwei Mal je zwei Freikarten für das Konzert von Tex Solo im Jazzhaus und zwar:
  • zwei Freikarten werden unter fudder-Leserinnen und Lesern verlost.
Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit dem Betreff "Hallo Julia" an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Montag, 31. Januar 2017, 10 Uhr. Teilnahme ab 18 Jahren, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt.

  • Was: Tex solo
  • Wann: Dienstag, 31. Januar 2017, 20 Uhr
  • Wo: Jazzhaus, Freiburg