Christine, 27: HIV-positiv und Mutter

Meike Riebau

Christine Müller (Name geändert) ist 27 Jahre alt und HIV-positiv. Zwei Jahre nach ihrem positiven Testergebnis wurde die Freiburgerin ungeplant schwanger. Wie erlebt man als HIV-positive Frau eine Schwangerschaft? Und wie lebt es sich überhaupt mit so einer Diagnose? Christine hat es fudder-Autorin Meike erzählt.



Ich weiß seit sieben Jahren, dass ich HIV-positiv bin. Angesteckt habe ich mich durch eine gebrauchte Spritze – ich war mehrere Jahre drogenabhängig. Nach Freiburg kam ich zu einer Drogentherapie und habe hier auch meinen späteren Mann kennengelernt. Wir kamen beide hierher für einen Neuanfang.


Die Schwangerschaft

Die Schwangerschaft war überhaupt nicht geplant, aber ich habe mich sehr gefreut, als ich davon erfahren habe. Dabei wollte ich vorher eigentlich nie Kinder, und hatte mir deshalb auch nie Gedanken gemacht, wie das mit meiner Krankheit und Kindern gehen könnte. Für meinen Mann war das natürlich auch erstmal eine Überraschung – wir kannten uns noch gar nicht so lange – aber dann hat er sich sehr gefreut. Im Endeffekt hat uns das dann beide sehr zusammengeschweißt.

Meine Tochter ist gesund zur Welt gekommen – dabei hatte ich großes Glück, dass ich die richtigen Medikamente genommen habe. Wenn ich die falschen genommen hätte, hätte es gut sein können, dass das Kind behindert auf die Welt kommt.



Damals, vor fünf Jahren, wusste man noch sehr viel weniger über HIV-positive Frauen. Inzwischen gibt es ein paar Studien, aber die meisten sind bis heute über homosexuelle Männer. Frauen reagieren, wie man inzwischen herausgefunden hat, auf die Medikamente zum Teil sehr anders.

Während der Schwangerschaft war es zwar schon irgendwo in meinem Hinterkopf, dass mein Kind möglicherweise – durch mich – krank zur Welt kommen könnte. Aber ich hatte, irgendwie, volles Vertrauen in mich und meinen Arzt, so dass ich wenig drüber nachgedacht habe. Hätte ich das getan, hätte ich mich wahrscheinlich verrückt gemacht.

Neben der Frage, ob mein Kind krank zur Welt kommen würde, schoss mir in manchen Momenten durch den Kopf: Ich bin krank, wer weiß, was in zehn Jahren ist. Oder ich hab mich gefragt, ob ich das überhaupt schaffen könnte. Über diese Dinge habe ich dann mit Freunden gesprochen. Ich habe einen festen Kreis an Freunden, die von meiner Krankheit wissen. Mittlerweile kann ich ganz gut einschätzen, ob jemand mit dem Wissen umgehen kann oder nicht.

Der Witz ist, ich hatte früher selbst diese irrationalen Ängste: Ich hatte zum Beispiel Angst, bei einem Bekannten die Toilette zu benutzen, von dem ich wusste, dass er krank ist. Deswegen kann ich das gut nachvollziehen. Aber manchmal denke ich schon – jemand, der Krebs hat, der kann wenigstens öffentlich zeigen, dass es ihm nicht gut geht.

Ein Jahr Warten

Ein Jahr lang muss man nach der Geburt abwarten, um sicher sagen zu können, ob das Kind gesund ist oder nicht. Die Wahrscheinlichkeit sinkt, wenn die Mutter in Behandlung ist und einen Kaiserschnitt vornehmen lässt, zwar auf 1-2 Prozent, aber es war trotzdem eine Scheiß-Zeit.

Man nimmt einen geplanten Kaiserschnitt vor, denn der einzige Moment, bei dem das Kind sich anstecken kann, ist während der Geburt. Später durfte ich natürlich auch nicht stillen, was ich mir eigentlich gewünscht habe. Ich habe zwar Medikamente gegen den Milcheinschuss genommen, aber wenn man die anderen Frauen sieht, die alle ihre Kinder stillen, kommt trotzdem Milch.

Außerdem mussten meine Tochter und ich danach noch Extra-Lösungen nehmen. Meine Tochter musste zusätzlich noch ein HIV-Medikament zur Vorsorge nehmen, alle vier Stunden die ersten paar Tage, später dreimal am Tag, ein Jahr lang. Dieses HIV-Medikament wird dem Kind als Vorsorgemaßnahme gegeben.

Alle drei Monate mussten wir in die Uniklinik zur Blutabnahme, was den Säuglingen natürlich auch nicht so wahnsinnig gut gefällt. Diese Besuche in der Uniklinik waren auch aus einem anderen Grund anstrengend: da waren dann manchmal die ganzen Studierenden mit dabei, und die fanden das dann ganz toll und interessant, uns zu sehen – da kam man sich schon ein wenig wie ein Versuchskaninchen vor.



Die gute Nachricht

Diese Warterei war schon hart. Als ich die endgültige Nachricht bekommen habe, dass sie gesund ist, war das natürlich eine Riesenerleichterung. Auch wenn es in meinem Kopf irgendwie schon klar war, ich weiß nicht, warum. Trotzdem ist dieser schriftliche Beweis natürlich gut und erleichternd. Aber man sieht ja vorher schon, wie das Kind sich entwickelt, und ich wusste von den Ärzten, dass es gut aussieht.

Heute

Im Moment muss ich nur noch drei Tabletten täglich nehmen – zu Anfang waren es zwölf, das wird immer besser. Auch die Nebenwirkungen werden immer weniger, es geht einem richtig gut mittlerweile, ich ermüde zwar schneller, aber ich kann nebenbei arbeiten. Meine Tochter, die mittlerweile fünf ist, weiß, dass ich krank bin. Sie sieht mich auch die Tabletten nehmen. Sie möchte sie mir dabei sogar für die Woche zurichten, sie findet das unglaublich spannend.



Warum ich diese Tabletten nehme, hat sie zum Glück noch nicht hinterfragt. Ich weiß, dass dieser Tag kommen wird, aber darauf muss ich mich noch vorbereiten. Jetzt weiß ich noch nicht, wie ich das dann mache. Und irgendwie ist ja auch meine stille Hoffnung, dass sonst noch etwas in der Medizin passieren könnte, bis dieser Tag kommt.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so ein langweiliges Spießer-Leben führen würde – ich bin jetzt sogar im Elternrat, etwas, was ich früher nie getan hätte. Aber ich bin sehr zufrieden und würde es nicht mehr hergeben wollen. Manchmal, wenn es dort um irgendwelchen Kleinkram wie die Neuanschaffung von Spielzeug geht, denke ich schon: Das sind doch eigentlich gar keine richtigen Probleme. Und: Wenn ihr wüsstet.

Mehr dazu:

HIV-positive Frauen finden in Freiburg Unterstützung beim SKF-Treff, einem Angebot des Sozialdienst katholischer Frauen.

Web: SKF-Treff

Sozialdienst katholischer Frauen

Colombistr. 17
79098 Freiburg

Telefon: 0761 / 28 00 31
Fax: 0761 / 29 623 - 50
treff@skf-freiburg.de
Öffnungszeiten:

Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag 9 bis 11 Uhr
Beratungstermine nach Vereinbarung

[Protokoll: Meike Riebau; Foto: Symbolbild; (c) Fotolia]