Chicos abschließende WM-Polemik

Chico Policicchio

Man braucht schon ein, zwei Tage Abstand, um all den Unfug zu verdauen, der im vergangenen Monat ungefiltert aus den deutschen WM-Studios herausgequollen kam. Jetzt rechnet Chico ab - mit all den Dummschwätzern, Holzköpfen und Adabeis, die ihren Senf zum Fußball abgedrückt haben.



Ich sitze auf´m Klo und wische meinen Hintern mit WM-Toilettenpapier ab. Gibt`s wirklich, Edeka WM Spezial, sind irgendwelche Strichmännchen auf dem Papier, die wohl Fußballspieler darstellen sollen. Scheiße, denke ich, wie dämlich sind die Leute, die solchen Rotz verkaufen, und wie dämlich bin vor allem ich, dass ich mir sowas andrehen lasse. Aber jetzt ist es ja vorbei, also los geht`s mit der Fazitzieherei.


Erst einmal die persönliche, ganz schnöd-materielle. Auf der Habenseite: 35 Euro vom Wettbüro (Halbfinalsieg Spanien), 40 Euro Privatwetterei, ein Kasten Bier (war die gefährlichste Wette, nach Spaniens 0:1 gegen die Schweiz), auf WM-Titel Spanien gesetzt, falls die die Vorrunde überstehen, macht ein Abendessen. War die einfachste Wette, die Dame setzte auf Honduras als Weltmeister, aber hey, ich habe mindestens fünf Mal nachgefragt und sie war weder betrunken noch stand sie unter Drogen. Von dieser Seite aus betrachtet, eine erfolgreiche WM.

Diesen materiellen Dingen standen einige schöne Spiele zur Seite, ein großes Drama, witzige und spannende Momente, aber auch ganz, ganz viel Seelenpein. Und bitte, ich habe fast nur Fußball geschaut, also wenig Nebenberichterstattung, und trotzdem: Schlimm, schlimm, schlimm. Sollte eine Nation tatsächlich die WM-Berichterstattung bekommen, die es verdient, dann: „Gute Nacht, Deutschland.“

„Hast du Departed gesehen? Superfilm mit Nicholson und DiCaprio.“ „Ich weiß, hatte ich mir fest vorgenommen, aber dann kam Waldis WM Club und ich bin eingeschlafen.“ Was noch das Beste ist, was einem bei diesem Schlonz passieren kann. So ging das ohne Ende. Da musste man noch froh sein, wenn auf Kosten des unvermeidlichen Rainer Calmund, der auf RTL seinen Unfug zum Besten geben durfte, Witze gemacht wurden.

Günter Jauch: „Wir haben Calli beim Robben füttern gefilmt“, darauf Experte Jürgen Klopp: „Was, Robben futtern? Wieviel hat er gepackt? Acht Stück?“ Aber im Ernst: Wie wenig Respekt zeigt ein Sender seinen Zuschauern gegenüber, wenn sie einem einen grenzdebilen Schwätzer wie Calmund als Fußballexperten andrehen? Wie ernst nimmt man den Fußball überhaupt? Über Katrin Müller-Hohensteins Ran- und Unwissensheitsgeschleime an und mit Oliver Kahn, Schwamm drüber, genauso wie über die eher, hmm, weniger spannenden Beckmann/Scholl-Dialoge.



Souverän dagegen der störrische Alte und sein Gegenüber mit der Konfirmandenfrisur. „Fußball ist nicht witzig“, wird Günter Netzer nicht müde, seinem Pendant Gerhard Delling einzubleuen. Und hat natürlich Recht. Großartig, wie beide in der Halbzeitpause des grottenschlechten Spiels Japan-Kamerun einen Lachanfall bekommen, weil der japanische Coach das Halbfinale anvisiert. Netzer beendet den Lachanfall mit der Anmerkung: "Richtig, eigentlich gibt es bei dem Niveau nichts zu lachen.“

Das Niveau. Ist ja anscheinend bei den vermeintlichen Stars nicht so gut gewesen. Doch warum bitte nehmen sich Reporter, die keine einzig gescheite Analyse zusammenbekommen, die Frechheit heraus, sich über die Leistungen von Messi, Rooney oder auch der gesamten brasilianischen Mannschaft lustig zu machen? Messi? War nicht so genial wie sonst, aber er war bis auf das Deutschlandspiel richtig gut.

Rooney? Nicht richtig fit vor der WM, zuviele Spiele in der Runde gemacht, keine Pause und trotzdem gerackert und gerannt, wobei ihm eben wenig gelungen ist. Aber ihn deshalb als "Versager" hinzustellen?

Brasilien? Mit betenden Südamerikanern kannst du mich jagen, trotzdem waren sie Holland haushoch überlegen und haben nur durch ihre eigene Dummheit verloren. So what? Warum ans Kreuz mit ihnen? Ich sag's euch: Weil es populistisch hoch zehn ist, solche Leute in diesen Situationen runter zu machen, und da holen sie alle, die Marcel Reifs genauso wie die Bela Rethys, ihre Dreschflegel raus und hauen drauf. Armselig.

Vielleicht sollten die, die den Fußball beurteilen, auch mal ihren Kollegen Berichterstattern Noten geben. Ich weiß, was die meisten von mir bekämen.

In Sachen Vereinnahmung hat sich beim Fußball wenig getan. Politiker fliegen zu Finalpartien ein und verleihen, immer schön öffentlichtswirksam, Bundesverdienstkreuze. Widerlich.



Das Feuilleton schickt abwechselnd Langweiler wie Martin Walser vor, der sich nicht entblödet, in der SZ einen offenen Brief an Bastian Schweinsteiger zu dessen „Kniefall“ zu schreiben, in dem er unter anderem schwadroniert: „Ich finde, das Bild, das so zustande kam, der gloriose Fußballer kniet allein, die Stirn im Gras, dieses Bild hat es verdient, gespeichert zu werden.“ Hilfe, das kann er im Vereinsheim Vauban-Mitte oder auf dem Wiehre-Markt vortragen. Er soll sich neben Günter Grass auf die SC-Haupttribüne setzen, Hauptsache, er hält die Klappe. Was auch Bushido zu raten ist, der im Spiegel die nach unten offene Peinlichkeits-Schallmauer gleich mehrfach durchbricht, Marke: "Ich bin unglaublich patriotisch.“ Schlimm, aber lesenswert, weil wirklich klar wird, wie solche Typen ticken.

Wen gab`s noch? Natürlich, den Paul. Sehr schön, wie sich ganz Europa über den Voodoozauber der Afrikaner lustig macht: „Ha, ha. S`Negerle. Sticht noch Nadeln in die Puppen.“ Und schickt dann 120 Reporter vor ein Aquariumglas zu einer Liveübertragung, bei der ein Tintenfisch die Ergebnisse der Finalpartien voraus sagt. Uaaah.

Ah ja, Fußball gespielt wurde auch noch.

Über die deutsche Mannschaft gibt es nicht mehr viel zu schreiben, weil: eigentlich alles gut. Super Trainer, der sich von niemanden vereinnahmen lässt, richtig gute Truppe, wobei ich persönlich das Wort Weltklasse nicht so inflationär verwenden würde. Nach vier richtig guten Spielen bei einer WM ist man eine gute Mannschaft, nach einem Jahr und zehn, fünfzehn guten Spielen eine sehr gute und nach ein, zwei Jahren eine Weltklassemannschaft. Bayer Leverkusen ist noch nie Deutscher Meister geworden, obwohl sie oft nach einer guten Vorrunde zur besten Mannschaft gekürt wurden. Know what I mean?

Die anderen Teams? Italien? Verrottet wie das ganze Berlusconi Land, Frankreich? Hatte mal die Hoffnung, dass der WM Titel 1998 um Zidane ein Symbol für eine gelungene Integrationspolitik ist; zwölf Jahre danach liegt diese Integrationspolitik in Schutt und Asche, genau wie die Equipe Tricolore.

England? Ausgepowert und kraftlos. Portugal scheitert an mangelndem Mut, Argentinien an mangelnder Taktik. Brasilien? Vielleicht weniger Gebetskreise bilden und dafür den Sack gegen Holland nach der ersten Halbzeit zu machen. Dänemark? Alt. Schweiz? Käse. Griechenland? Rehhagel. Nordkorea? Bitte mehr Außenreporter aus Pjöng Jang. Südkorea und Japan? Zuviel blondierte Haare. Australien, Neuseeland, USA ? Hart, aber herzlich. Slowenien? Zu klein. Algerien? Karim, wir lieben dich. Mexiko, Uruguay, Paraguay, Chile? Großartige Trainer, die beweisen, dass vermeintlich schwächere Teams auch ohne Verriegel- und Verrammeltaktik Erfolg haben können. Honduras? Super zum Wetten gewinnen.



Slowakei? Muss stellvertretend für all die bemalten Truppen herhalten, denn, da muss ich pingelig sein, die Slowaken sahen von all den tätowierten Holzköpfen am schlimmsten aus.

Glatzköpfige Santa-Fu-Insassen sind Models dagegen, ohne Witz. Tätowieren, das sage ich schon seit Jahren, dürfen sich nur Knackis, Matrosen und dicke mexikanische Muttis. Ungeschriebenes Gesetz, das leider von vielen Fußballern ungestraft gebrochen wird.

Afrikanische Teams: Hmm, will jetzt nicht den großen Reformator spielen, aber, und das sagen viele Afrikaner selbst, jetzt erst Jay Jay Okocha in einem Interview, vielleicht spielen die afrikanischen Teams zu taktisch und zu physisch. „Wir haben unsere Kultur aufgegeben“, sagt Okocha und meint damit die Freiheit, mit dem Ball unvorhersehbare Dinge zu tun. Ich will mir nicht anmaßen, über die Entwicklung des afrikanischen Fußballs zu referieren, aber der schien mir schon weiter.

Kamerun? Zu viel Party, sagt unser Mo, und der muss es wissen. Nigeria? Pech kann man das Vergeben von zwei tausendprozentigen Chancen im Endspiel gegen Südkorea nicht nennen, eher Dummheit. Südafrika? Zumindest das Gerede von der gefährlichsten WM aller Zeiten ad absurdum geführt. Nicht stark genug. Wie auch die Elfenbeinküste, die allerdings in der stärksten Gruppe scheitert.

Sind wir bei Ghana und beim größten Drama dieser WM. Fußball auf der Metaebene, als Theater, griechische Trägödie mit tragischen Helden. Nick Hornbys „Fever Pitch“ hat zirka 250 Seiten, wird, ja ja alter Hut, gerne und viel gebraucht, also verschenkt, vorgelesen, um vor allem Frauen die Bedeutung, die Kraft, die Faszination, kurz den Mythos Fußball zu erklären. Ab sofort reichen zwei, drei Sätze als Einführung und dann eine 5-Minuten-DVD "Ghana-Uruguay ab der 119. Minute plus Elferschießen". Wer`s dann nicht kapiert, kapiert`s nie. Wäre dieses Spiel England-Deutschland gewesen, man hätte noch in hundert Jahren davon geredet.



Die Finalisten?

„Augenschmerzen“ sagt meine Freundin, wenn man sie auf Holland anspricht und meint damit das Müllmanntrikot. Rückblickend bereitet einem Holland nicht nur Augen-, sondern allgemeine Schmerzen. Weit entfernt von fußballerischem Glanz sich ins Finale schmuggeln ist ja soweit okay. Dass sich Sneijder und Robben nach jeder Berührung in fast jedem Spiel schreiend auf dem Boden wälzten, geschenkt. Aber die Frechheit, sich nach so einer Art von Endspiel über den Schiri zu beklagen, ist unglaublich. Dass sich der arrogante Herr van Marwijk die Silbermedaille noch auf dem Podest vom Hals riss, passt ins Bild der schlechten Verlierer.

Spanien. Ist alles schon gesagt worden. Kein Widerspruch. Ist doch auch schön, einmal unisono mit dem Mainstream zu sein und sagen zu können: Wer, wenn nicht die?

Was bleibt? Mir eine halbe Rolle Fußball-Klopapier und der Spruch meines Kollegen Schorsch: „Ab jetzt zählt nur noch der SC.“

[So, das war's nun endgültig mit dem WM Blog 2010. Vielen Dank an alle Reporter, Fotografen und Beobachter, die daran mitgewirkt haben. Hat Spaß gemacht! david & die fudder-redaktion]

Mehr dazu:

fudder: WM Blog 2010