Cherno, 25, Asylbewerber: Leben in der Warteschleife

Christian Steinke & Erkan Tümkaya

30.303 Menschen haben im Jahr 2007 in der Bundesrepublik einen Asylanatrag gestellt. Rund ein Viertel dieser Anträge sind heute, drei Jahre später, noch nicht abschließend beurteilt. Das Warten auf eine Entscheidung zehrt an den Nerven der Bewerber. Einer von ihnen ist Cherno, 25, aus Gambia, der in Freiburg lebt. Und wartet.



Ein Samstag im März. Vor dem Theater Freiburg versammeln sich Menschen, um gegen die Unterdrückung der Kurden in der Türkei zu demonstrieren. Cherno, (Name geändert), läuft mit  hochgezogenen Schultern, und gesenktem Blick an ihnen vorbei. Der 25-jährige ist dünn, beinahe dürr, und trägt eine Lederjacke, Jeans und eine  Mütze gegen die Kälte. An diesem Nachmittag ist er auf dem Weg zur Volkshochschule, dort ist er mit seinem Sozialarbeiter Luca (Name geändert) verabredet, der ihn in allen großen und kleinen Belangen des Lebens unterstützt; sowohl bei Anträgen und Ämterbesuchen, als auch bei Sprachkursen und der Arbeitssuche.


Dank Luca hat Cherno Arbeit, ein bisschen Arbeit, zumindest, unentgeltliche Arbeit. Denn nur Rumsitzen, das will er nicht. Heute hat er bereits sechs Stunden in einem Altenpflegeheim als Pfleger gearbeitet. Nach dem Ausländergesetz dürfen Asylbewerber, unter strengen Auflagen der Arbeitsagentur, Arbeit annehmen. Bezahlt werden dürfen Asylbewerber wie Cherno allerdings erst dann, wenn der Asylantrag  angenommen worden ist, und zumindest Flüchtlingsschutz anerkannt worden ist. Das ist bei Cherno nicht der Fall. Er kann sich folglich nicht selbst versorgen, wohnt  in einem Heim mit drei anderen Erwachsenen auf 40qm². Rund 150 Euro bekommt er im Monat zum Essen und Leben.

Chernos Heimat ist Gambia. Das kleine Land an der Nordwestküste Afrikas hat 1,6 Millionen Einwohner und ist umrundet von dem Senegal. Ein Großteil der Bevölkerung spricht Mandika und Englisch, was nach der Unabhängigkeit von 1965 von England Amtsprache blieb. Gambia ist eine demokratische Republik.

In Gambia war Cherno Polizist, außerdem arbeitete er in einer privaten Klinik als Medical Officer, eine Art besser qualifizierter Sanitäter. Zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebte er in einem kleinen Haus. Auf seinem Führerscheinbild aus dieser Zeit trägt er seine Polizeiuniform, wirkt stark, selbstbewusst und sportlich. Ganz anders als heute.

Denn sein Leben verändert sich dramatisch, als der gambische Präsident Yahya Jammeh im Januar 2007 verkündet, er könne HIV mit einem heiligen Wasser heilen. Als Beweis, dass diese Therapie funktioniert, beginnt der Präsident, selbst Menschen gegen HIV und AIDS zu behandeln. In europäischen Medien wird diese Nachricht zumeist ironisch kommentiert, und nicht ernst genommen. Die Auswirkungen vor Ort jedoch sind ernst.

Cherno ist über die Äußerungen des Präsidenten entsetzt. Als dieser eine Richtlinie veröffentlicht, nach der Menschen, die HIV-positiv sind, in Gambia nicht mehr nach westlichen Standards behandelt werden dürfen, lehnt Cherno diese ab. „Das wurde mir nicht so beigebracht“, sagt er heute. „Meine Kollegen und ich konnten das weder wissenschaftlich noch ethisch vertreten.“ Er weigert sich, die Richtlinie zu unterschreiben und wird verhaftet.

Was sich wie eine unglaubliche Geschichte anhört, wird durch Berichte von Nichtregierungsorganisationen bestätigt. Sowohl Amnesty International als auch die Deutsche AIDS-Hilfe bestätigen, dass es in Gambia nach der Kontroverse um den Präsidenten zu willkürlichen Verhaftungen von Kritikern und medizinischen Personal gekommen ist.

Cherno gelingt es, aus der Haft zu fliehen, entschließt sich, sein Heimatland zu verlassen. Seine Familie lässt er zurück. Cherno hat Glück, kann mit einem Containerschiff fliehen. Wenn er von der Odyssee nach Europa berichtet, wird sein Blick müde. „Viele kommen nicht so weit“, sagt er. Wie viele Menschen auf dem Weg in die Festung Europa sterben, darüber führt die EU keine Statistik. Aktivisten schätzen die Zahl auf deutlich mehr als 10.000 Tote in den vergangene zehn Jahren.

Im Sommer 2007 kommt Cherno in Südbaden an; erst im Auffanglager in Karlsruhe; von dort wird er nach Freiburg geschickt. Er hat seinen Führerschein, seine Schulzeugnisse und seinen Polizeiausweis dabei; letzterer ist in Gambia ein wichtiges Dokument. Einen Pass hat er allerdings nicht, deswegen gilt Cherno als staatenlos. Selbst wenn sein Antrag auf Asyl letztendlich positiv bewertet werden sollte, könnte er in Deutschland nur „geduldet“, seine Abschiebung immer nur für einen kurzen Zeitraum aufgeschoben werden. Erst wenn er seine Identität tatsächlich beweisen kann, wird er eine echte Chance auf Asyl haben.

Und so wartet Cherno. Auf die Entscheidung über seinen Asylantrag, auf eine Aufenthalts-, eine Arbeitsgenehmigung. Er sucht nach Beschäftigung, arbeitet für einige Zeit als Praktikant bei der AIDS-Hilfe, wie zuvor schon in Gambia, macht zuerst ein Praktikum in einer Blindenschule, jetzt in einem Altenpflegeheim, besucht die Sprachschule. In den vergangenen drei Jahren ist sein Deutsch gut geworden, aber über sein Leben redet er lieber auf Englisch. „Da ist mein Vokabular besser.“

Cherno kommt gut zurecht in Deutschland, hat es sich eingerichtet, aber es ist ein Leben in der Warteschleife. Warten auf die Entscheidungen der Ämter, warten darauf, dass er seine Familie hierher holen kann. Nur die Arbeit macht das Warten erträglich, sie gibt ihm Kraft. Sein Vater hat früher zu ihm gesagt: "Junge mach was aus dir, ich habe dir eine gute Ausbildung finanziert." Das hat Cherno immer angetrieben. Er war erfolgreich in Gambia, will es hier auch sein. Doch im Moment kann er weder eine Wohnung hier in Deutschland, noch seinen Kindern in Gambia das Schulgeld bezahlen.

Cherno vermisst seine Familie, kann sie nicht besuchen. Selbst die Telefon-Gespräche sind teuer und deswegen selten. "Papa wann kommst du denn wieder Heim?", fragen sie, wenn er anruft, und Er bringt es nicht über's Herz, ihnen zu antworten. Während Cherno von seiner Familie redet, schaut er auf seine Hände, spielt mit dem goldenen Ehering an seinem Finger. "Am meisten sorge ich mich um ihren Charakter. Sie wachsen ohne Papa auf, und bekommen keine gute Bildung. Ich habe Angst, dass sie schlechte Menschen werden, weil ich nicht für sie da sein kann.“

Dabei will Cherno will für sie da sein. Bei seinem Termin mit Luca in der Volkshochschule will er heute noch einmal seinen Antrag auf Erteilung einer Arbeitsgenehmigung bearbeiten.

[Bild: Symbolbild]

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Erkan Tümkaya (24, Skandinavistik & Europäische Ethnologie) und Christian Steinke (24, Skandinavistik & Europäische Ethnologie) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester an einem Grundlagenkurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Markus Hofmann und Carolin Buchheim angeboten haben. Diese Multimedia-Reportage ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.

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