Chefredakteur Timm Klotzek über die gefälschten NEON-Interviews

David Weigend

Dass sich ausgerechnet im als glaubwürdig und authentisch geltenden NEON Magazin ein Autor ganze Interviews ausdenkt und dies von der Redaktion nicht bemerkt wird, hat in den vergangenen Tagen viel Verwunderung ausgelöst. Chefredakteur Timm Klotzek spricht darüber nun bei fudder.



Herr Klotzek, Ingo Mocek hat im NEON Magazin ein Interview mit Beyoncé veröffentlicht, das gar nicht stattgefunden hat. Wie war das möglich?

Beyoncé sollte nach Berlin kommen, zu den MTV-Music Awards. Wir haben über Beyoncés Plattenfirma ein Interview mit ihr angefragt. Ingo Mocek bekam von der Plattenfirma Hilfe bei der Akkreditierung, flog nach Berlin, kam zurück und berichtete, dass das Interview gut verlaufen sei. Auch unsere Dokumentarin, der Ingo Mocek das fertige Niederschrift vorlegte, zweifelte keine Sekunde an der Echtheit des Gesprächs. In Wirklichkeit hat Ingo Mocek das Interview gar nicht geführt, wie wir jetzt wissen.

Welche Aufgabe hat bei NEON die Dokumentarin?

Sie prüft die Fakten. Wenn ein Autor in einer Geschichte schreibt: "Neuseeland ist zwölf Mal so groß wie der Bodensee", unterstreicht sie das, setzt ein Fragezeichen daneben. Der Autor muss dann belegen, dass dem so ist. Zurück zum Beyoncé-Interview: Eine Dokumentation kommt natürlich an ihre Grenze, wenn der Autor sagt: "Das Interview gestern in Berlin ist gut gelaufen. Beyoncé sah so und so aus, plauder, plauder…." Die Dokumentarin fragt nach: "Die Antworten, die faktisch nicht nachprüfbar sind, stammen auch aus dem gestrigen Interview?" Der Autor bejaht dies.

Und wenn Zweifel bestehen?

Dann lässt man sich die Bänder vorspielen oder befragt Zeugen. Aber dem war in diesem Fall nicht so. Wir hatten an der Wahrhaftigkeit des Interviews keine Zweifel.



Letztlich kam doch Misstrauen auf gegenüber Moceks Integrität.

Durch Hinweise des Managements der Künstlerin sind Zweifel an der Echtheit des Interviews entstanden. Namentlich der Passage wegen, in der es um ihren angeblichen Ehevertrag geht. Die NEON-Chefredaktion hat den Autoren mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er die Antworten der Sängerin oder zumindest Teile davon erfunden habe. Ingo Mocek konnte diesen Vorwurf nicht ausräumen und bestätigte schließlich, dass er die Prüfinstanz der NEON-Dokumentation getäuscht und das Gespräch nicht wie von ihm vorgelegt stattgefunden hat.

Hat Mocek Ihnen gesagt, warum er seine Texte gefälscht hat?

Nein.

Warum macht man so was? Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas auffliegt, ist doch sehr hoch.

Ich weiß es nicht, ich kann nicht für Ingo Mocek sprechen.

Wird sich durch den Fall Mocek etwas Grundlegendes in der NEON-Redaktion ändern?

Natürlich kommt man sehr ins Grübeln, wenn etwas dermaßen schiefgegangen ist. Wir können natürlich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Wie will die NEON-Redaktion sicherstellen, dass sich solche Fälle nicht wiederholen?

Wir werden dafür Wege finden.



Wie haben Verlagsleitung und Leser auf die Sache reagiert?

Mit der Verlagsleitung war es abgesprochen, dass wir die Fehler selbst publik machen.Von unseren Lesern bekommen wir ziemlich viel Anerkennung dafür, dass wir die Sache selbst aufgedeckt und nicht darauf gehofft haben, dass sich das schon irgendwie versenden würde. Es gehört ja auch zu einem aufrichtigen Umgang mit den Lesern, dass man von sich aus meldet, wenn ein schlimmer Fehler passiert ist. Das wird honoriert. Es gibt auch reihenweise schlechte Witze und Häme. Aber dass wir falsch reagiert haben, habe ich noch nicht gehört.

Können Sie ausschließen, dass es nicht noch weitere ausgedachte Interviews in NEON gab?

Wir haben nach besten Wissen und Gewissen alles nachrecherchiert und sind auf nichts Auffälliges mehr gestoßen. Auch war Ingo Mocek sehr kooperativ bei der Aufarbeitung des ganzen Falles.

Wie groß ist in Ihren Augen der entstandene Imageschaden?

Das weiß ich noch nicht. Es besteht aber Hoffnung, dass die Leser von NEON und die User von NEON.de unterscheiden zwischen einem unentschuldbaren Fehler eines Mitarbeiters und dem Gesamtprodukt NEON.

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