Chatroulette: Chatten per Zufallsgenerator

Manuel Lorenz

"You are so ugly, asshole," bedeutet mir ein kahl geschorener Ami im Muscle-Shirt und streckt mir seinen Mittelfinger entgegen. Er hat nicht ganz Unrecht: Ich hab die letzten Nächte durchgefeiert, mich tagelang nicht rasiert und meine Haare sind die unglamourös-fettige Version der Bill-Kaulitz-Mähne. Mit welcher Aggression aber jener ausgemusterte Jarhead auf mich losgeht, verstört. Ich spiele Chatroulette, den neuesten Trend abseits der beiden Langweiler Twitter und Facebook.



Das Prinzip Chatroulette ist einfach: circa 20.000 internationale User werden per Zufallsgenerator aufeinander losgelassen und können selbst entscheiden, wann ihnen der nächste Benutzer zugeschaltet wird.


Verschiedene Chatvarianten sind möglich: Entweder wie in guten alten Zeiten via Tastatur oder skype-mäßig per Videostream.



Es erwischt mich eiskalt.

Ich werde ausgelacht, beschimpft, ignoriert, weggedrückt. Und obwohl ich hier niemanden je wiedersehen werde, fühlt sich das schlecht an. Ich sehe adipöse Japaner in Frauenunterwäsche, besoffene US-amerikanische College-Boys, nerdige Tunichtgute aus Schweden, brasilianische Tunten mit pinkfarbenen Frauenperücken – und immer wieder Schwänze in actu masturbationis.

Um nicht allzu viel von mir preiszugeben, schalte ich vorerst meinen Ton aus. Die Stimme scheint mir beinahe intimer als das Bild, und so versteck ich mich hinter Schweigen.



Immer noch werde ich regelmäßig genextet, bis mir ein Vermummter den Rat gibt, durch Verkleidung auf mich aufmerksam zu machen, Aviators und Mundschutz zum Beispiel. Hab ich nicht.

Aber selbst schon das Wenige, mit dem ich aufwarten kann, schlägt ein. „Schöner Hut, schöne Brille,“ heißt es fortan, und ich drücke fleißig F9 und zappe mich durch Prolls, Penisse und Perverse.

Chatroulette ist ein bisschen wie Sauna: Notgeile, Schwule und zu wenig Mädels. Die Nachfrage nach „tits for Haiti“ ist ungemein größer als das Angebot; (mutmaßliche) Sonderlinge gibt es hier allerdings mehr als in sieben Staffeln DSDS.

Genau das ist’s aber: Eine Kreuzung aus Reality Show und Chatroom, aus MTV Next und Skype. Durch die Möglichkeit zur Interaktion wird man unmittelbar zu einem konstitutiven Bestandteil der Freakshow. Die Komponente des Zufalls macht das Spiel unvorhersehbar und spannend.



Irgendwann frage ich mich aber, was das Ganze eigentlich soll: Ich unterhalte mich vermittels eines Übersetzungsprogramms mit einem Chinesen, frage sympathische ältere Paare aus New Jersey und Ägypten nach dem dortigen Wetter, lass mir von einem Brasilianer den carnaval do Rio erklären und schaue einem Mexikaner beim Kiffen zu. Dazwischen: Der ödipale Schrei nach den sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmalen (lateinisch: „Mammae“) und die archaische Zurschaustellung des Phallus.

Geht’s also darum? Ich probier’s. Wann immer mir eine Maid begegnet, schmettre ich ihr ein frohes „tits!“ entgegen. Fehlanzeige. Ich konkretisiere: „Show me your tits!“ Immer noch nichts. Selbst als ich philosophisch werde und dem „tits“ ein „that’s what it’s all about“ hinterher schiebe, will sich partout kein virtueller Mardi Gras einstellen.

Was suchen die weiblichen User hier? Mein aufgerichtetes Alter Ego? Das ginge mir dann doch zu weit. Meine Springbreak-Rhetorik hat mich vor mir selbst schon tief genug sinken lassen.



Seltsam ist, dass, obwohl sich nach einer Viertelstunde alles zu wiederholen scheint, ich einfach nicht aufhören kann.

Ein Anflug von Spielsucht? Das Verlangen nach Neuem, nie Gesehenen, Skurrilem drängt die Frage in den Hintergrund.

Next, Next, Next.


Als ich dann endlich vom Computer lasse, will sich kein Gefühl der Befriedigung einstellen.
Es fehlt dem Ganzen an Nachhaltigkeit, an vermeintlichen Unannehmlichkeiten wie Rücksicht und Verbindlichkeit. McDonald’s-Müll, der die Geschmacksnerven nur kurz und oberflächlich anspricht, aber schon im Abgang nicht mehr hält, was er verspricht. Nur ein schaler Nachgeschmack bleibt.

Rebecca, eine 21jährige Norwegerin, und Maria, eine 23jährige Brasilianerin, lassen mich dann aber doch noch einmal an das Gute im Menschen glauben. Mit ihnen habe ich angenehme, wunderbare Unterhaltungen, die demonstrieren, wie Chatroulette in Utopia aussähe. Und auch wenn ich die beiden nie wiedersehen werde, waren die sanften Momente mit ihnen Balsam auf meine gemarterte Seele.

Nach zwei Stunden Zufallskommunikation hab ich genug. Rien ne va plus. Geistig pleite, alle emotionalen Jetons verspielt. Man darf sich nicht aufsaugen lassen, muss wohl verstehen, dass es hier nur um kurzweilige Unterhaltung, nicht um Erfüllung und Sinn geht. Auch wenn sicherlich irgendwann jemand dort die Liebe seines Lebens finden wird.

Ich hau' lieber wieder ab nach Analogien – in meine Cafes, Bars und Clubs.



Wer steckt hinter Chatroulette?

Erfunden hat Chatroulette Andrej Ternowskij, 17 Jahre alt und aus Moskau. Er habe die Seite innerhalb von zwei Tagen und Nächten im Kinderzimmer programmiert, sagte er in einem Interview mit Spiegel Online und lieferte bereitwillig Zahlen zum Erfolg der Seite. Im November hätten rund 500 Besucher pro Tag die Seite besucht, im Dezember wären es bereits 50 000 gewesen, heute seien es schon 1,5 Millionen tägliche Nutzer. Und der Erfolg ist global: 33 Prozent kommen llaut Ternowskij aus den USA, 5 Prozent aus Deutschland. „Die meisten aus Berlin.“

Auch zu dem Warum äußerte sich der jugendliche Chatroulette-Erfinder : „Ich habe mir immer selbst so eine Seite gewünscht. Meine Freunde und ich nutzen den Videochat-Anbieter Skype sehr häufig, aber irgendwann wurde mir das zu langweilig. Ich wusste ja immer schon vorher, wer mich erwartete, mit wem ich sprechen würde.“

Wie lang wird der Hype wohl dauern? Omegle, eine von einem 18 Jahre alten Amerikaner gegründete Zufallschat-Website, die wie Chatroulette funktioniert, aber keine Videofunktion bietet, bekam im vergangenen Jahr ähnlich enthusiastische Berichterstattung in Blogs und Offline-Medien. Mittlerweile sind die Nutzerzahlen rasant gesunken. Mit Chatroulette soll das nicht passieren. „Ich arbeite an verrückten neuen Features. Bleibt dran!“, kündigt Andrey auf der Startseite an.

Chatroulette

Quelle: Vimeo



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  [Bilder: Caro, Ruben Fees]